Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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473 find, bewilligte das Komitee 25 000 Dollar, Herr Jakob S. H. Schiff steuerte 12 500 Dollar bei, die übrigen 12 500 Dollar sollten von den zionistischen Komitees aufgebracht werden. Zur Beratung der Lage, die sich für die Juden Rußlands, Deutschlands, Oesterreichs, der Balkanstaaten infolge des Krieges ergeben würde, werde eine Subkommission eingesetzt, die sich genaue Informationen verschaffen sollte. An diesen Beschlüssen soll keine Kritik geübt werden. Nur erscheint es mir sehr bedauerlich, daß in diesen Beschlüssen gar keine Sympathie für Deutschland zum Ausdruck kommt. Des ferneren möchte ich bemerken: die deutschen Juden haben bisher in ihrem Kampfe um Gleichstellung Amerikas nicht bedurft. Sie hoffen, da sie jetzt wie allezeit sich voll und ganz als Deutsche bewährt haben, auch nach dem Kriege von der Weisheit und Gerechtigkeit der deutschen Regierungen die volle und unbedingte Gleichstellung. Was wir von Amerika erwartet hätten und noch erwarten, das ist die Anerkennung unserer gerechten Sache, die Verachtung des Lügengewebes unserer Feinde. Unserer Haut werden wir Deutsche — Juden mit Christen vereint — uns selbst wehren, das hoffen wir zuversichtlich, — was nachher kommt, das vertrauen wir einem gütigen Geschick. Unsere gesetzliche Emanzipation haben wir, unsere Väter und Ahnen, uns selbst verschafft; auch die jüdische Reform stammt von uns; das sollten die amerikanischen Juden bedenken. Wir sehen uns mit gerechtem Stolz als Väter und Begründer der Blüte der amerikanischen Judenheit an, — es müßte schlimm kommen, wenn Väter von ihren Kindern Unterstützung erbitten oder auch nur annehmen sollten! & Herr Dr. Franz Oppenheimer übersendet uns nachstehendes zum Abdruck: Die Haltung der amerikanischen Jude n. Der „Jewish Exponent" vom 21. August 1914 schreibt: Der Krieg und die Juden frage. Der Krieg wird natürlich für die Judenfrage in Europa von ganz besonderer Bedeutung sein. Viele Juden aus den kriegsührenven Ländern dienen selbstverständlich in den Armeen neben ihren Landsleuten. Rußland, das ihnen die einfachsten Rechte verweigert, besitzt nichtsdestoweniger die Kühnheit, ihre Dienste in Anspruch zu lehmen. Eine in den Tageszeitungen veröffentlichte Schätzung besagt, daß etwa 250 000 Juden in der russischen Armee und über 50 000 in anderen Heeren dienen. Die russischen Zahlen find übertrieben, die der anderen Mächte werden sich wohl noch erhöhen. Der Krieg wird zweifellos über die Frage des Gleichgewichtes der Mächte in Europa entscheiden und gleichfalls bestimmen, welchen Weg die Entwicklung der Zivilisation gehen wird. Wenn die Tripleentente einen entscheidenden Sieg erringen wird, so wird dies alles andere bewirken, als eine Eindämmung der russischen Ausdehnung nach dem Osten und nach dem größten Teil von Zentraleuropa. Diejenigen, die sich in dem Gedanken einer solchen Möglichkeit sonnen, mögen ihren Wahn hegen, bis man sie davon heilt. Aber es steht noch gar nicht fest, daß die Tripleentente siegen wird; im Gegenteil, .es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß der Kampf unentschieden bleiben wird. In beiden Fällen würde das Los der russischen Juden weiter so hart bleiben wie bisher, und selbst die geringen Milderungen, die man ihnen jetzt zugesteht, werden widerrufen werden, und die Hooligans und Reaktionäre werden die Dinge nach ihrer Methode regeln. Anderseits würde die entscheidende Niederlage Rußlands das baldige Ende des jetzigen Regimes und die Errichtung einer Regierungsform zur Folge haben, die liberalen Ideen weit zugänglicher wäre als irgendein Regierungssystem, dessen sich das russische Volk bisher zu erfreuen gehabt hat. Dies würde notwendigerweise zur Befreiung der Juden von der Knechtschaft führen, in der sie bis jetzt geschmachtet haben. Die Niederlage Rußlands würde natürlich Unheil Kr England und Frankreich mit sich bringen, aber dieser Umstand würde keinen Einfluß auf die Judenfrage haben, abgesehen davon, daß die Schwächung des Einflußes des englischen Handels zweifellos zu einer größeren Beschränkung der Einwanderung führen wird. Die Stellung der Juden in England ist gesichert; sie sind so patriotisch wie irgendein anderer Teil der Bevölkerung, und sie werden der Fahne ihres Landes folgen, wie immer es kommt, und so viele von ihnen auch immer das Bündnis mit Rußland mißbilligen werden. Deutschlands „Platz an der Sonne" würde durch eine Niederlage verloren gehen, während ein Sieg den Kaiser und sein Land an die Spitze der europäischen Nationen bringen würde. Deutschland scheint zu fühlen, daß es einen Kampf für seine Existenz ausficht, und zu welchen Anstrengungen es unter solchen Umständen fähig ist, hat es in den Befreiungskriegen gegen Napoleon vor 100 Jahren gezeigt. Seine Antisemiten geben vor, die eigentlichen Patrioten zu sein, und ein Sieg des Kaisers würde zweifellos ihre Anmaßung noch verstärken. Indessen wird voraussichtlich der Kaiser keiner Politik zustimmen, die eine Beschränkung der jüdischen Rechte zum Ziel hat, denn niemand weiß besser als er, wie immer das Ende des Krieges sein wird, die geschäftliche und industrielle Tüchtigkeit der jüdischen Bevölkerung zu schätzen, die zur Wiedererrichtung des Landes erforderlich ist. Ein Sieg Rußlands würde wohl Deutschland eines Teiles seines polnischen Besitzes berauben und würde zweifellos ein großes Stuck Galiziens von der Doppelmonarchie abreißen. Die zahlreiche jüdische Bevölkerung dieses Landes würde bei diesem Wechsel der Hauptleidtragende sein. Die Verhältnisse in Galizien sind keineswegs ideal, aber sie sind ungemein besser, als sie irgendwie im Falle eilies russischen Sieges sein würden. Dies ist eine Skizze der Lage, wie sie sich zurzeit darstellt. Es ist nicht gut, wenn die Juden in diesem Kampf als Juden Partei ergreifen. Es ist im Gegenteil zu wünschen, daß die Juden unseres Landes treu und ehrlich die Neutralitätserklärung befolgen, die Präsident Wilson abgegeben hat. Ein Land gibt es, das alle Jllden außerhalb seiner Grenzen verabscheuen und verwünschen; aber selbst unter diesem Gesichtspunkt sollen den Juden unseres Landes die Pflichten I der amerikanischen Bürgerschaft höherstehen, eines Landes, das sich sehr wohl dazu entschließen kann, eine Politik des wachsamen Abwartens einzunehmeu lind die Zukunft entscheiden zu lassen. Die Londoner „Times" greift die jüdische Presse a n. Die Londoner „Times", die seit kurzern eine höchst unfreundliche Stellung gegen die Juden eingenommen hat, richtete in der vorigen Woche einen heftigen Angriff auf die jüdische Presse New Jorks, weil diese in der gegenwärtigen Krisis Sympathien für Deutschland zeigte. In den letzten Monaten hat die „Times" eine Reihe von Artikeln gebracht, in denen die Stellung Rußlands zur Judenfrage verteidigt wird. Gleichzeitig wurde sehr wohl beobachtet, daß die „Times" eine große Anzahl Inserate der russischen Regierung brachte, für die zweifellos beträchtliche Summen aufgewendet worden sind. Ein weiterer Kommentar dazu ist überflüssig. s. tj. Lrstynsdy. in 20. September beging Direktor S. I. Leszynsky seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, über dessen segensreiche Tätigkeit im Dienste des Judentums wir im „Gemeindeboten" Nr. 38 berichteten, stammt aus einer alten, bekannten Rabbinerfamilie. Der Bruder seines Vaters, Mordechai Josef Leszynsky, ein Schüler des R. Akib a Eg er, war Rabbiner in Labischin und Schneidemühl. Sein Großvater Samuel war Rabbiner in Murowana Goslin, wo zur Zeit eine Jeschiwa war, und später in Rogasen. Er war, obwohl Talmudist, gleichzeitig akademisch gebildet. In der napoleonischen Zeit hielt er bei der Besetzung Rogasens durch ' die Franzosen auf dem Markt eine Rede in französischer Sprache, woraus ihm der französische General dankend die Hand reichte, eine Tatsache, die die Zeitungen damals als besonders bemerkenswert berichteten. Sein Großvater Mord echai Josef' ebenfalls Talmudist und wissenschaftlich gebildet, war Rabbiner in Tirschtigel. Er wckr der Sohn des R. Sender (Alexander), Verfasser des „T'wuas Schor", und dieser wieder ein Nachkomme der berühmten