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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-02 · Heft 40 (2.10.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 40 (2.10.1914)
Date
1914-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang Nr. 40 Berlin, 2. Oktober 1914 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung ' erscheint wöchentlich. A bonne ment s«p reis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verlriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32* *. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippsoll Unter Leitung des Geheimen Regierungr-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk Glosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeiiung des Judentums*, Berlin 8XV, Jerusalemer Straße *M9, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. '9T n fr Die Hütte des Friedens. EineSukkvthbeLrachtinigvonNalibiner LjUäJUTt. Dr. Salomonski, Frankfurt a. O. — Die Woche. — S. I. Leszhnsty^ — Das rechte Wohltun. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton- Der neue Christ. Noman von Peter UjvKri. Ueberseht von Nosa Trencseni. — Bluttaufe. Von Otto Franz Gensichen. — Infanterist Fischet, der Eroberer der ersten Fahne. Von Sigmar- Mehring. — Sprechsaal. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hvhensalza, Posen, Breslau, Hamburg. Solingen, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Worms, Konstanz, Budapest, Kopenhagen. — Von Nah und Fern. Die Hütte des Friedens.! Eine Zukkvthbetrachtung von Rabbiner Dr. Salvmvnski Frankfurt a. O. ^4 ls der Friedenspalast in Haag vollendet war, begann -V-V der Weltkrieg. Kaum aber war der Kampf entbrannt, da erbauten Millionen Herzen ihrer Sehnsucht eine Hütte des Friedens. — Will man diesen Umschwung der Gefühle, den Wandel des Selbstbetruges in echte Liebe, die Anerkennung des Friedensgottes nach der Verwerfung des Friedensgötzen biblisch! belegen, so empfiehlt sich der Schriftvers: „Die Kinder Israel! zogen von Ramses nach Sukkoth."^) Gern verließen sie die Fronj stadt, die, aus Knechtung und Knebelung gestampft, gebacken — j blendete, aber nichts war. Sie wandelten freudig aus der! Scheinkultur in die jungfräuliche Natur der Wüste, zu einen: j Orte der Hütten.; Von Ramses nach Snkkoth .- so bemerkt der Erklärer? Rasch?) — sind 120 Meilen''), aber die Israeliten legten den Weg in einer Stunde zurück/ Damit will er natürlich nur sagen, daß mit dem Verlassen Aegyptens sofort im Gedanken das Ziel der Wanderung erreicht war, ermöglicht durch die Hilfe der Religion. Sie legten den Marsch so schnell zurück — schließt - er darum seine Anmerkung —, „denn Gott trug sie auf Adlerflügeln"?) Wenden wir nun den Satz der Thora und seine Deutung ans unser Hüttensest und die Kriegszeit an, so ergibt sich unschwer eine beherzigenswerte Lehre. Wie einst Mose angesichts der Gefahr der Auslösung und Selbstpreisgabe Israels alles wagte, sein Volk aus dem ägyptischen Schmelztiegel riß, so sind wir Deutschen endlich den rechten Weg mit kühnem Entschluß gezogen, fort aus der Welt des Scheinfriedens! Denn der war verderblicher als der Krieg selbst! Er war ein Ramses, Zwangsarbeit zu eigener Unterdrückung und Vernichtung. Um wieviel besser aber und ehrlicher ist da ein Krieg! Er ist der wahre Weg nach Snkkoth, zu den Friedenshütten. Kaum hat er begonnen, und heiße Sehnsucht ist erwacht. Wohl hat die Wanderung erst i) Exodus 12, 37. -) Rnschi zu Exodus 12. 37. “) Die Meile etwa 1500 Meter laug. *) Exodus 19, 4. angefangen, aber als erreichbares Ziel schwebt uns der Friede näher, getragen von den Flügeln der Religion. Alles was mit ihr znsammenhängt, in erster Reihe die sonst gleichförmig auslaufenden Feste, gewinnt jetzt erhöhte Bedeutung. Die stets beobachtete und für alle Verhältnisse, gültige Lebenskraft des Judentums bewährt sich, aikfs neue in schwerster Zeit. Der Glaube wird wieder ein gewaltiger Machtfaktor. Wer sich irgendwie mit seinem Bekenntnis verbunden fühlt, empfängt reiche Tröstung und Segnung. Die Religion wird in diesen sonst aufreibenden Monden zur Friedenshütte und gewährt besseren Schutz als der verödete Phantasiepalast des Friedens. Aber darf man die Religion überhaupt in den Dienst des Krieges stellen? Nächstenliebe und Massenmord sind doch Gegensätze! Gerade deshalb hat sie uns viel zu sagen, viel gegeben. Nicht daß w i r Gott für uns in Anspruch nehmen, wie die Feinde auch — ist das Richtige, sondern daß wir durch die Schrecknisse zu ihm uns leiten lassen. Denn der Glaube allein gewährt uns in der Oede und Wüstenei eine Oase, eine Friedenshütte im Kriege. Immer mehr erkennt nran dann, daß der Krieg doch mehr bedeutet als Rache oder Verteidigung. Er ist das beste Propagandamittel für den Frieden. Was sonst vielfach nur Phrase war oder wenig innerer Ueberzeugung begegnete, ist jetzt ehrlichster Wille. Man begreift ja den Wert eines Gutes erst, wenn es in Gefahr oder verloren ist. Deutschlands Kaiser hat den Krieg unternommen, weil der Friede mit jeden: weiteren Tage in größerer Gefahr schwebte und nur durch eine Entscheidung dauernd gesichert werden konnte. Darum haben alle Taten und Worte des Monarchen so tiefen Widerhall in der Volksseele gefunden und schon jetzt größeren und heiligeren Frieden in Deutschland geschaffen als je zuvor, obwohl die Waffen 43 Jahre ruhten. Wir haben jetzt endlich Frieden zwischen Herrscher und Volk, Eintracht zwischen den Parteien, Ruhe innerhalb aller Klassen und Bekenntnisse, und sogar im Judentum schweigt der öffentliche Hader! Vor allein gab uns aber der Krieg einen lange nicht gekannten Frieden mit Gott! Dir Wirkung all dieser segnenden Einflüsse erzeugt ein würdiges, glückliches Volk, geschaffen durch die Friedensarbeit des Krieges. Aber auch der einzelne heimst seinen Gewinn ein. Der Krieg hat persönliche Feindschaften zerstört, die gemeinsame Not hat unsere Sinne geschärft und uns gelehrt, beim oft gehaßten oder gemiedenen Nebenmenschen auch das Gute z:: sehen und anzucrkcnnen.. Man verträgt sich besser, zumal in der Familie. Und inancher Hallspascha wird jetzt zum vernünftigen Kameraden, der doch noch einen höheren Gesichtspunkt kennt als sein Wohlbefinden und seine kleinlichen Sorgen. Die Menschen sind überhaupt zufriedener geworden. Sie begnügen sich mit wenigem, leben einfach, bescheiden und schlicht und haben doch nicht das Gefühl der Entbehrung. Sie lernen wieder wohltätig zu sein, geben freudig und angemessen und nicht mehr aus Selbstsucht, sondern um des Guten willen. Noch eine

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