Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1914)
- Date
- 1914-09-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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zusammen, das 15 000 Mark für Brot, Fleisch, Milch garantierte, worauf die Geschäftsinhaber die Lebensmittel auf Kredit lieferten. Als auch diese Maßnahme sich als ungenügend erwies und nicht abzus-ehen war, wie lange die vorhandenen Mittel ausreichen würden, wandte sich das erstgenannte Komitee um Hilfe nach Berlin. Zwei große Wohltätigkeitsvereine daselbst sandten darauf" Geldbeträge; der eine schickte eine kleine, der andere eine namhafte Summe, und so war es möglich, den Notleidenden Unterstützung zu gewähren. Da erging von der Behörde ein Ausweisungsbefehl, nach dem die russischen Untertanen unseren Badeort mit der Richtung nach Saßnitz und andere Orten verlassen mußten — nur wenige Schwerkranke und Kurder durften hierbleiben —, und damit, daß die Fremden mit genügendem Reisegeld für die Fahrt versehen wurden, nahm die Hilfstütigkeit ihr Ende. Es verdient anerkannt zu werden, daß die Stadtbehörde sich sehr human .gegen die Ausländer zeigte und ihren Wünschen nach Möglichkeit entgegenzukommeu suchte. Nun sind andere Gäste in unsere Stadt eingezogen. Zahlreiche verwundete Krieger befinden sich in Wohltütigkeitsanstalten, Hotels und Privathäusern, die in Neservelazarette verwandelt sind. Unter ihnen hat sich das jüdische Kurhospital bei der Behörde und in der Stadt den Ruf erworben, vorbildlich und mustergültig zu sein. Die Seelsorge für die evangelischen Verwundeten dieser Anstalt, die sich nicht in die Kirche begeben können, versieht ein evangelischer Geistlicher, und er hält in diesem Hause seine Andachten in angemessener und taktvoller Weise ab, so daß inan sich in jene Zeit versetzt fühlt, von welcher der Prophet sagt (Jes. 56, 7): „Mein Hans wird ein Bethaus für alle Völker rouannt." Erwähnenswert ist noch schließlich, daß von den beiden Wohltätigkeitsvereinen der Gemeinde 600 Mark, und zwar 400 Mark für das Rote Kreuz und 200 Mark für die verwaisten Kinder gefallener Krieger zugewendet wurden. 22 Bremen, 18. September. Der gewaltige Tatendrang unserer jüdischen Jugend, sich freiwillig für den Felddienst zur Verfügung zu stellen, verdient die größte Anerkennung. Ein Osfiziersaspirant hier hat, nachdem er fünfmal sich gemeldet und keine Verwendung, gefunden, sich bereit erklärt, unter Verzichtleistung auf seine Charge, als gemeiner Soldat zu dienen, wenn er nur in die Front geschickt wird. Auch verheiratete Männer haben sich freiwillig, gemeldet, darunter ein im vorigen Jahre naturalisierter, jetzt 52jähriger Mann mit seinem Sohne. Dieser eine Fall ist typisch für viele. Man wird sich dies und ähnliche andere Fälle für die Zukunft merken müssen. Denn wenn auch nur die Hälfte von den etwa 8000 Naturalisationsgesuchen, die angeblich jährlich int Deutschen - Reiche einlaufen, genehmigt wird, so ergibt das im Lause der Jahre eine ganz ansehnliche Zahl treuer Staatsbürger. Ein hiesiger Kaufmann hat bereits sechs Brüder und einen Schwager im Felde. Er selbst erwartet auch täglich seine Eiul. ufuna. Ein jüdischer Kaufmann ans der Nachbargemeinde hat vier verheiratete Söhne, die all? im Schlacht- , selbe sind. Man kann wohl sagen, daß nur wenige Familien hier ' sind, die nicht einen oder mehrere Angehörige im Felde haben. Und , die feurige Begeisterung und Pflichteifrige Betätigung sind einzigartig. Wir haben allen Grund, stolz z.ir sein aus unsere jüdischen Söhne; sie werden uns Ehre machen. Kiel, 18. September. Ueber 300 Marinereservisten und Seewehr jüdischen Glaubens sind zu den Fahnen berufen, von denen der größere Teil früher hier seiner Militärdienstpflicht genügt hat. Es war rührend, Familienväter von 36 bis 45 Jahren wiederzusehen, die man als junge Soldaten an Sabbat und Feiertagen bei Tische gespeist hatte. Alle waren stolz und erhobenen Mutes in dem Bewußtsein, endlich den Engländern aus den Pelz rücken zu können. Viele hatten sich vorher durch Andacht beim Gottesdienst für die heilige Sache gestärkt. <W Köln, 17. September. Am 15. d. M. starb in Homburg v. d. H. der langjährige Präsident der zionistischen Organisation, Herr David Wvlsfsoh-n, im 58. Lebensjahre. David Wolffsohn (geb. im Jahre 1856) war der vertraute Freund Theodor H e r z l s, des Schöpfers der zionistischen Organisation. Schon an der Organisierung des ersten Zionistenkongresses im Jahre 1897 nahm er den tätigsten Anteil und zählte seitdem zu den hervorragendsten Vorkämpfern der zionistischen Idee. Mit besonderer Hingabe widmete er sich der Gründung der Jüdischen Kolonialbank, die int Jahre 1899 erfolgte. Nach dem Tode Herzls wählte ihu -der 7. Zionistenkongreß im Jahre 1905 zum Präsidenten des Aktionskomitees der zionistischen Organisation, die bis zum Jahre 1911 unter feiner Leitung stand. Nach der Verlegung des Sitzes der Zentrale nach Berlin verblieb er Präsident des Aufsichtsrates und widmete sich bis zu seinem letzten Atemzuge mit unverminderter Hingabe den Aufgaben der zionistischen Bewegung. — Die vom Jüdischen Nationalfonds herausgegebene Hilfsmarke, deren Erlös für verwundete Krieger und durch den Krieg notleidende Familien bestimmt ist, hat binnen zwei Wochen allein in Köln einen ansehnlichen Betrag, nämlich über 3000 Mark, eingebracht. Hiervon wurden 1000 Mark an das Rote Kreuz, 1000 Mark an die Städtische Kriegssammlung, 546 Mark an die Nationale Frauengemeinschaft und 500 Mark an beit Israelitischen Unterstützungsverein überwiesen. A. Sch. Augsburg, 18. September. Tie hiesige Kultusgemeinde beteiligt sich in hervorragender Weise mit allgemeinen Liebeswerk, einmal durch namhafte Beiträge für Kriegsfürsorge und Rotes Kreuz, dann aber auch durch persönliches Mitwirken einer großen Anzahl Damen und Herren in den verschiedensten Zweigen der Liebestätigkeit. Der zum Schutze der Stadt errichteten Bürgerwehr sind 30 jüdische Mitbürger beigetreten, um auf diese Meise der Stadt und dem Vaterland zu dienen. Erhebend waren die Ansprachen unseres verehrten Rabbiners Herrn Tr. Grün selb bei zwei Bittgottesdiensten und anläßlich der Vereidigung unserer jungen Soldaten, von denen 45 unser Gotteshaus mit füllen halsen. Leider muß schon ein recht herber Verlust berichtet werden. Als erstes Kind unserer Gemeinde ist Herr Rechtspraktikanl Fritz B i s s i n g e r auf dem Felde der Ehre gefallen. Allgemeine und aufrichtige Teilnahme wendet sich seinen Angehörigen zu um den Verlust dieses prächtigen jungen Mannes, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Er ruhe in Frieden. J. A. Nürnberg, 18. September. Die stimmungsvolle Halle unseres neuen Friedhofes war jüngst dicht gefüllt mit Trauergästen, um dern auf dem Felde der Ehre gefallenen Rechtspraktikanten und Leutnant der Reserve PaulStrauß das letzte Geleit zu geben. Von militärischer Seite war eine Anzahl von Offizieren zum Begräbnisse erschienen, darunter unser Glaubensgenosse, Herr Artilleriehauptmann der Landwehr L. Rosenwald. Zur militärischen Leicheuparade war vom 1. Chev.- Reg. eine halbe Eskadron ausgerückt, welche bei dem Hereintragen des Sarges das Gewehr Präsentierte. Es war das erste Opfer des furchtbaren Krieges, welches am hiesigen Friedhose zu Grabe getragen wurde. Herr Paul Strauß war ein hochbegabter, ernst strebender und ideal gesinnter, junger Mamr, der seine Pflichttreue nicht nur in dem von ihm erwähltet! Berufe, sondern auch in seiner Eigenschaft als Offizier in hervorragender Meise an den Tag legte, und war deshalb sowohl in einem großen Freundeskreise als auch beim Regiment bei Vorgesetzten und bei Untergebenen im gleichen Maße geschätzt und beliebt. Herr Rabbiner Dr. Freu den thal hob in seiner Lies zu Herzen gehenden Trauerrede hervor, daß wir Juden wenig Offiziere haben, und daß jeder, der aus dem Felde der Ehre gefallen, für uns einen doppelten und dreifachen Verlust bedeutet, daß es aber gleichwohl für uns Israeliten bei dem großen Schmerze der höchste Ruhmestitel ist, für das Vaterland gekämpft mw *0* das teuere Vaterland sein Leben gelassen zu haben. Als der Sarg der Erde üb.^aeben wurde, tönten, verntischt mit schmetternden Fanfarenklängen, drei Salven ' militärische Begrüßung dem leider so jung aus dem Leben geschiedenen, lupf:™1* Offiziere. Gksterrrich-Anggrn» K. Wien, 18. September. Das Ministerium für Galizien in Wien veröffentlicht in der Tagespresse folgenden Aufruf, der es verdient, auch im Reiche beherzigt zu werden. Dieser Aufruf lautet unter anderem: „Der Lauf -des Krieges hat -es mit sich gebracht, daß ein Teil Galiziens und der Bukowina, wenn auch vorübergehend, vom Feinde besetzt ist. Die beiden Grenzländer mußten den ersten Ansturm aushalten. Die Rückwirkung dieser kriegerischen Ereignisse tritt bereits in Oesterreichs Hauptstadt in schmerzliche Erscheinung. Wien ist überfüllt von Flüchtlingen aus Galizien und der Bukowina, die jäh ihr Heim verlassen mußten. Die einen, weil ihnen Feindesgewalt Haus und Hof verheert hatte, die anderen dem natürlichen Drange folgend, sich der Herrschaft des Feindes zu entziehen, ihre Familien in Sicherheit zu bringen vor den Greueln des Krieges. Unter Zurücklassung von Hab und Gut kommen die Unglücklichen, vielfach aller Mittel bar, auch nur das dürftige Dasein zu fristen, hier im Zentrum des Staates Schutz