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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-25 · Heft 39 (25.9.1914) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 39 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
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468 187). Nur für die zum öffentlichen Dortrag ungeeigneten Stellen ist hier die hebräische Sprache beizubehalten. Für die zum Schaden der Andacht in unseren Gottesdiensten so häufigen Wiederholungen gilt die leider in allen modernen Gebetbüchern vergessene Warnung Salomo Lurias, daß durch Wiederholung sogar die Wirkung des erhabensten Gebetes zerstört wird (Elbogen S. 81). Die geschichtliche Berechtigung der Frauen, zu der Thoraborlesung herangezogen zu werden, muß zum Heile des religiösen Gebens auch offiziell wieder anerkannt werden (Elbogen S. 170). Mit der sinnlosen Ueberschätzung des Kaddisch muß endgültig aufgeräumt werden. Erst im Anfang des 13. Jahrhunderts hat sich im Judentum die Idee der Verdienstlichkeit des Kaddischsagens und seines Wertes für das Seelenheil der Verstorbenen eingebürgert. Das Wort „Jahrzeit" entstammt mit allen feinen Unterbegrissen der katholischen Kirchensprache, in der es schon im elften Jahrhundert gebraucht wird 13). Tie Vorschriften über das Kad-dischfagen kennt der Schulchan Aruch noch nicht, ein sprechendes Zeugnis dafür, -daß es fremden Ursprungs und in seiner heutigen Auffassung unberechtigt ist. Dagegen ist es als Lobpreisung Gottes im unmittelbaren Anschluß an die Predigt und die Grabrede geschichtlich und inhaltlich begründet und beizubehalten (Elbogen S. 05). Das ist eine kleine Reihe von Bemerkungen, zu denen das Werk Ellbogens den Leser auregt. Es ist ein unentbehrliches Rüstzeug für jeden, dem die Entwickelung seiner Glaubensgemeinde am Herzen liegt und der für sie arbeiten will. Wer jetzt noch behauptet, wie es die hochgelahrten Gutachter des Hamburger Tempelgebetbuches verkündet haben, „daß es verboten ist, ein Wort im Gebetbuch zu ändern oder gar zn streichen," darf widerspruchslos als ein Ignorant strengster Observanz bezeichnet werden. Das Judentum ist die Religion unaufhörlicher Fortentwickelung. Das beweist auch die Geschichte seines Gottesdienstes. Tr. P a u l R i e g e r - Hamburg. * D i e 2 a g e n der Jude n. Gesammelt und bearbeitet von Micha Joses bin Gorion. Die Erzväter. Rütten & Loeuing. Frankfurt a. M. 1014. Von dem großangelegten Werke der Jüdischen Sagen und Mythen ist nunmehr der zweite Band erschienen, der die Geschichte der Erzväter bis zum Traum Jakobs in Bethel behandelt. Die jüdische Sage ist in der Hauptsache ein Midrasch zur Bibel. An die schlichten, treuherzigen biblischen Erzählungen hat die Phantasie ihre Ranken angesetzt, ausschmückend und erweiternd, belehrend und moralisierend. Gelegentlich gehen die Schilderungen ins Groteske, dann wieder sucht die Mystik hinter den einfachen Worten der Bibel tiefe Geheimmsse der Weisheit. Das alles ist in langen Jahrhunderten als die Frucht verschiedener Zeiten und Länder entstanden. Wir finden in Sodom und Gomorra das Prokrustesbett der griechischen Sage wieder, wir begegnen christlich klingenden Anschauungen und hören Ermahnungen, die in Toil und Stil ganz den langatmigen Büßpredigten Mohammeds gleichen. Der Verfasser jedoch will die Sagen nicht historisch voueinandertrennen, auch dort nicht, wo wir Zeit und Ort der Entstehung aus der Ueberlieferung kennen. Er behandelt den Midrasch als eine Einheit. Er bildet einen neuen Sagenmidrasch, der alles zusammenfaßt. Hiermit ist erst die Grundlage gegeben, auf der die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der jüdischen Sage — wenn eine solche möglich ist — erst aufbauen kann. Tie Sammlung selbst ist für den jüdischen Forscher, Rabbiner und Lehrer von unschätzbarem Werte. Was bisher im Bedarfsfälle nur mühsam und mit großem Zeitaufwand aus der weitschichtigen Midraschliteratur herausgelesen werden mußte, liegt nun übersichtlich 13) Im Necrolog-iuni Monastcrii S. Crucis Ratisbonensis wird das Halten des „iartag“ geboten. Daselbst heißt es fol. 229: „Hie sint angeschriben di toten, den wir gebunden sin, daz wir ir iarcit mit Vigilien und mit messen alle iar begen. Die Klöster führten eine besondere Commemoracio horum quorum anniversarius (Sterbetag) liic Celebrator oder einen Liber anniversariorum. Aus dem erstereu Worte ist das in deutschen Gemeinden übliche Wort „Memorbuch" geworden (Monumenta Germaniae historica: Necrologiae Germaniae III. ed. Baumann 1905, S. 106, 288 u. ö.). nach einem bestimmten Prinzip geordnet vor. Gleichzeitig ist durch die Uebertragung der hebräischen und aramäischen Quellentexte ins Deutsche erst die Möglichkeit einer Verwertung des reichell Materials für weite Kreise gegeben. In den Quellennachweisen wird nicht nur die Fundstelle der übersetzten Stücke, angeführt, sondern auch auf ähnlich lautende Parallelstellen und wichtige moderne Bearbeitungen der betreffenden Partien hingewiesen. Die Uebersetzung voll Rahel Ramberg-Berdycjewski ist — von Kleinigkeiten abgesehen — gut, besonders deshalb, weil sie das Original nachahmt und den Geist der hebräischen Sprache widerspiegelt. Es wäre unbillig zu verlangen, daß wörtlich übersetzt und jede Textvariante berücksichtigt wird. Nur, wo der Sinn sich erheblich ändert, dürfte allerdings auf eine Wiedergabe der verschiedenen Lesarten nicht verzichtet werden. Ein Beispiel: Abraham führt den Götzelldiellst all absurdum, indem er nacheinander Feuer, Wasser, Wolken, Wind und endlich die Erde als das mächtigste hinstellt. Eine andere Lesart setzt für „Erde" den Menschen. In einem solchen Falle ist die ausschließliche Angabe der ersten Lesart nicht gerechtfertigt. . Eine Schwierigkeit liegt darin, die versprengten Glieder der Sagen unter bestimmten Gesichtspunkten zu ordnen. Meist ergeben sich oie Ueberschriften, die der Verfasser den einzelnen Abschnitten ltnb Absätzen gibt, von selbst, aber vielfach sind sie doch bloße Berlegenheitsauskünfte und für den Inhalt nicht bezeichnend. Selbst die Titel der Bücher stimmen nicht mehr, da durch die Fülle des Materials der Verfasser gezwungen war, den letzten Teil der Jakobsgeschichte aus dem Band über die Stammväter in den folgenden zu verweisen. Allzu störend ist das nicht, da die Sage der Bibel folgt. Dennoch wäre vielleicht — auch aus anderen Gründen — ein ausführliches Sach- und Personenregister am Schluß des Werkes wünschenswert. Sehr sparsam ist der Verfasser mit Anmerkungen. Mit Recht, denn sonst würde sein Werk ins Uferlose wachsen. Es wäre aber vielleicht möglich, Bibelzitate, Zitate ans dem Gebetbuch und hebräische Wortspiele überall und konsequent als solche kenntlich zu machen, und mit Rücksicht auf die Laien, die nicht in der Lage sind, jederzeit auf die hebräischen Texte und Erklärungen zurückzugreifen, wären gelegentliche kurze Anmerkungen doch wohl angebracht. Die Sage erzählt, daß Abrahams 318 Knappen, die ihn nach dem biblischen Berichte begleiten, vor dem Kampfe davonlaufen, nur Elieser geht mit ihm, aber Gott verleiht ihm die Kraft der 318. Hier könute mit einem Worte gesagt werden, wie der Midrasch darauf kommt: der Zahlenwert der hebräischen Buchstaben des Namens „Elieser" ist 318. Derartige Anmerkungen würden den Wert des Buches für den Unkundigen noch erhöhen. Die rechte Mitte zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig wird der Bersasser zweifellos finden. Der größere Teil des Werkes steht noch aus. Aber schon jetzt kann man sagen, daß das Werk und die Arbeitsleistung, die hier ein einzelner vollbracht hat, Bewunderung verdient. Im Interesse der jüdischen Wissenschaft ist dem Unternehmen ein guter und schneller Fortgang zu wünschen. Rudolf Leszynfky. * — Vom alten Stamm. Eine Sammlung jüdischer Bücher. Die verlorene Schlacht. Humoristische Erzählungen von Scholem Aleichem. Jüdischer Verlag 1914. Je 2 Mark in Pappbd., 3 Mark in Leinenbd. Die in diesem Bande gesammelten Schriften sind Humoresken aus dem jüdischen Leben des Ostens ohne große Bedeutung. Neugierige Reisende, geschwätzige Frauen werden ganz lustig vorgeführt. („Es ist nicht wahr." „Tor Tropf.") Besonders amüsant ist die Ansaugsgeschichte, nach der das ganze Buch seinen Titel führt: „Die verlorene Schlacht", der Kampf Zwischen den vorgerückten und den jüngeren Schülern Zweier jüdischer Schulen, in denen die letzteren siegen, da sie von ihren „Behelfern" gestärkt und gut geführt werden, während die Lehrer der älteren alles Essen für sich nehmen und die ihnen anvertraute Schar führerlos lassen. Weniger charakteristisch ist die Skizze: „Der Gast", in der erzählt lvird, wie ein ausländisch gekleideter Betrüger seine Gastfreunde ausplündert und mit der Köchin durchgeht. Recht niedlich ist die Erzählung „Das große Los": ein armer jüdischer Fuhrmann kommt, da er zwei verirrte Frauen nach Hause bringt, durch' die Unterstützung, die er von den Angehörigen der Geretteten erhält, zu ansehnlichem Vermögen. Aber das Ganze bietet einen Ausschnitt nur aus einer Seite des jüdischen Lebens: des Kleinen, Kleinlichen, Betrügerischen, den mail nicht mit großer Freude liest. L. G.

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