Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1914)
- Date
- 1914-09-25
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229163--70748-3283111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seine Mängel bestehen nicht in dem, was Elbogen sagt, sondern in dem, was er nicht sagt. Er hat seinen Stoff meiner Meinung nach allzu eng auf das nnchbiblische Gemeindegebet beschränkt. Er hat die Geschichte des Gebetes in der Bibel, die Darstellung der Gebete beim Opferkultus, die Gebetdichtungen für die Familien- und Privatandacht, die Tisch-, Nacht- und Reisegebete, die Gebete bei der Beschneidung, Trauung und bei der Bestattung, die außerordentlich schönen und wertvollen Dichtungen einzelner Beter des talmudischen Zeitalters, die vereinzelten Spuren von KinderaebeteiP) usw. aus dem Bereich seiner Arbeit völlig ausgeschlossen. Eine von mir besonders schmerzlich empfundene Lücke ist die fehlende Darstellung, des Gebotes in der Muttersprache^) von der Zeit der Diaspora an bis in die unmittelbare Gegenwart. . Die lange und bedeutsame Geschichte der Predigt wird nur in ihrer letzten Renaissance im 19. Jahrhundert behandelt. Es bleibt also für die Nachlese noch ein großes ernstes Stück Arbeit zu leisten, ohne das die Geschichte des jüdischen Gottesdienstes ein Torso ist. Tie Darstellung Elbogens zerfallt in drei Abschnitte: die Beschreibung des jüdischen Gottesdienstes (zumeist nach der in'Deutschland üblichen Form), seine Geschichte und seine Organisation. Es wäre allerdings für die Anlage des Buches besser gewesen, von der Organisationen oder den äußeren Bedingungen des Gottesdienstes zu seiner Geschichte überzugehen und schließlich die Beschreibung des Gottesdienstes selbst zu bieten. Vielleicht wäre es sogar zu empfehlen gewesen, die Beschreibung des Gottesdienstes in dessen geschichtliche Darstellung einzuordnen. Dadurch wären zum Nutzen des klaren lleberblicks zahlreiche Wiederholungen überflüssig geworden und Raum für die Gebiete sreigeworden, deren Darstellung in Elbogens Buch vermißt wird. Tie Bibel stellt das Gebet als ein Zwiegespräch des Beters mit Gott dar. Der Beter fragt und Gott antwortet. Bezeichnend für diese Auffassung ist Abrahams Gebet für Sodom und Amora. Die älteste Form eines festfixierten Gebetes ist das Gebet bei der Darbringung der Erstlingssrüchte (Deut. 26, 5—11) und des Zehnten (das. 13—19). Die Bezeichnung Beth-Thefillah (Gebethaus) bei Jesaia 56,7 ist das erste Zeugnis für den reinen Gebetgettesdienst ohne Opferhandlung. Der allgemeine Name für die Gebetsstätten war aber Moed-El (Ps. 74,8; vgl. Klage!. 2,6) oder Beth-Moed (Hiob, 30,23)*). In ihnen fanden die wiederholt erwähnten Fastengottesdienste statt (Sech. 7,5; Jes. 58,3 u. ö.). Tie Gebete waren im Tempel zu Jerusalem die Einleitung der Opferhandlungen, außerhalb Jerusalems Ersatz für diese. Daher waren die osfizi-cllen Gebetszeiten und Namen der Gottesdienste die der Opferfeiern?) An den Tagen, an denen ein besonderes Zusatzopfer dargebracht wurde, rvard ein besonderes Zusatzgebet (Mussaf) üblich. Da am Abend keine Opfer dargebracht wurden, kannte man ursprünglich keine Gemeindeabendgottesdienste. Daher war auch bis zum Beginn der amoräischen Zeit ein Freitagabendgottesdienst unbekannt?) Geopfert, also auch gebetet wurde dreimal am Tage (Ps. 55,18; Dan. 6,11). Für die Gemeindevertreter beim Opfer, die je eine Woche bei den Opserhandlungen im Tempel anwesend waren, gab es außerdem noch eine vierte Gebetszeit beim Schließen der Tempeltore (Neila). Die älteste Form des Gebetes zeigen neben den erwähnten Gebeten der Thora die Gebetdichtungen in den Büchern Daniel und Esra sowie einige Psalmen und Sirachpartien. Die Schaffung fester Gebete schrieb daher eine gute Tradition den Nachfolgern Esras, den „Männern der großen Versammlung" zu, welche die Benediktionen, die Gebete und die Weihesprüche am Anfang und am Schluß der *) Posikta R. c. 41 (Ende 174 a), Schvchar Tob Ps. 14,7. Es handelt sich wohl um das Gebet zh^Sb ’l das auch sonst, da es achtzehn Bibelverse mit ebenso vielen Gottesnamen enthält, als Ersatz für die genannt wird. -') Bgl. meinen Aussatz in den „Mitteilungen des Liberalen Vereins" Nr. 2 und 3 (Berlin 1898), S. 4—11: „Das Gebet in der M utlersprache". a) Beth-Am (Jer. 39,8) ist dagegen das Rathaus. 4) Ps. 141,2; vgl. Berakh. 26b. ö) Daß die Gemeinde am Ende des Lecha dodi das Gesicht zur Tür wendet, geschieht wegen der Leidtragenden, die dann das eigentliche Gotteshaus zu betreten pflegen und von der Gemeinde mit einem Trostworte begrüßt werden. Sabbate und Feste eingeführt haben sollten (Berakh. 33a). Ein anderer Bericht ergänzte diese Tradition dahin, daß 120 Geronten, unter ihnen einige Propheten, an der Festlegung des Hauptgebetes tätig gewesen (Meg. 17b). In jedem Falle darf das Gemeindegebet bereits nicht allzu lange nach Esra als feste Einrichtung betrachtet werden. Allerdings war die Form des Gebetes noch lange wesentlich der Begabung des Beters und Vorbeters überlassen. Diese freie Gebetdichtung hat aber im Judentum eigentlich niemals ganz aufgehört. Das biblische Wort für gottesdienstliches Beten ist berekh; die kurze Lobpreisung, die ursprünglichste Gebetform des Gemeindegottesdienstes, ist die Berakha (Neh. 9, 5); der Borbeter wird darum Mebarekh (Thos. Ber. 1, 9) genannt?) Das allgemeine Wort für Gebet ist Thefilla, von dem ein denominatives Zeitwort hithpallel gebildet wird?) Dagegen bedeutet das Zeitwort abad mit seinen Weiterbildungen opfern. Das Hauptgebet, die Thefilla, bestand ursprünglich aus sieben Segenssprüchen (Ps. 119, 64: Siebenfach rühme ich Dich am Tage). Die älteste Paraphrase der Thefilla bietet das 36. Kapitel der Sprühe des Ben Sirach. Die 12. Bitte (36, 8, 9), die 11. (36, 11), die 10. (36, 13), die 14. (36, 17 bis 19), die 13. (36, 20, 21), die 15. und der Priestersegen (36, 22a), sowie die 18. (36, 22b) lassen sich in der Paraphrase wiedererkennen. Vielleicht sind sie die sieben ursprünglichen Bitten der Thefillc?) gewesen. Daß eine solche Thefilla bereits zur Zeit des Tempels bestand, wird durch die Angabe der Mischna bestätigt, daß die Tempelpriester an jedem Morgen ein Gebet gesprochen haben, welches drei Benedittionen, und zwar die 17., die 18. und die 19., enthielt. Es hieß Aboda und schloß mit der Erteilung des Priestersegens (Thamid V, 1). Durch die Hinzufügung der einleitenden drei Eulogiecn erfuhr die alte Thefilla ihre erste bedeutsame Erweiterung?) Die Anzahl der Eulogieen ist dann im Lause einer langen, sehr schwer zu kontrollierenden Entwicklung bis aus 18 gewachsen. Eine erneute Festlegung des Wortlautes der Thefilla ist in der Zeit des Rabban Gamliel II. wahrscheinlich infolge willkürlicher Aenderungen durch Sektiererkreise im Judentum nötig geworden. Sie ist das Werk des Simon ha-Pektuli in Jabne?) Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort wurde durch Samuel Ha-Katan die 12. Bitte um Abwehr der Feinde in eine solche gegen die Ketzer umredigiert?) Die letzte und jüngste Erweiterung der Thefilla ist die 15. Bitte, die nach der Redaktion in Jabne durch Teilung der Eulogie für Jerusalem (14. Bitte) entstand?) Ter Gottesdienst sollte abec nicht nur Erbauung schaffen, er sollte auch eine Art Ersatz für das Gesetzesstndium bieten, das stets als eine *) Ps. 95, 6; II. Ehr. 6, 13; Dan. 6, 11. Im Kal heißt barakh preisen. Kuieen heißt es nie; das Hiphil hibrikh ist Denominativ von birkhajim. 2) Das Stammwort pillel heißt hoffen, erwarten; Thefilla bedeutet also die Hoffnung auf Erhörung; hithpallel — die Erhörung einer Bitte erhoffen. 3) 12: 218 5-pTT] (jer. Ber. 4d wird 12 durch irftp 1^21 wiedergegeben; das ist auch wahrscheinlich der Anfang der ältesten Fassung dieser Eulogie); 13: laß untergehen, die Dein Volk ungerecht bedrücken; 10: 2pH ^2 P]1D8 (sie endete nach Sirach 51,12 wohl: ^81tt1 "TftO JIDpEP die Wiedervereinigung mit der babylonischen und ägyptischen Diaspora wurde seit den Tagen der nachexilischen Propheten ersehnt; 14: '"jtlHp mp bv EU (sie endete nach Sirach 51,12 wohl: TTI? 112, nach jer. Sota 22 a paa pwn); i3: ^np nx in; IS: -papn^en potwi; Priestersegen: "pP bv gr: K soAoytav 'Aapwv ~spl -vj X«oü ggu, also Paraphrase des 121; 18: 121 P18 DQ8 b5 1JH1* 4) Rosch Ha-Schana IV, 5. 5) Berakh. 28 b, Meg. 17 b. 6) Berakh. 281>; es sollte eigentlich keines Hinweises mehr bedürfen, daß nicht zu hebr. pft Abart, sondern zu shr. 18)2 desiit, destitit gehört und ein Partizip in der Bedeutung: Abtrünniger ist. Es haben sich wiederholte Schreibungen mit erhalten (]^tt und D\P8ö)f welche biefe Ableitung unbezweifelbar bestätigen. ist jeder Ketzer, der Mystiker, der Gnostiker, der Christ usw. 7) Numeri R 18 und Jelamdennu Korach gegen Ende: 8211 mjpTllP D’rttn fD“0 VVD- Die Eulogie D'btPYTbl endete ursprünglich Dip^YT N2121 *11*7 ’p^K und wird daher Meg. 17b