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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-25 · Heft 39 (25.9.1914) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 39 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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465 Ein glückseliges Weib blieb zurück, beugte sich über den duftenden Rosenstrauß, weinte und flüsterte: „O Herr, gib mir Kraft, seiner würdig zu werden!" Jaum Kippur. Jaum Kippur, -der heilige, wandelt durchs Land, - Und furchtbar lohet der Weltenbrand. Söhne und Brüder, sie zogen hinaus, Gatten fechten in blutigem Strauß. Unverzaget in Not und Gefahr Schirmen sie trutzig den deutschen Aar. — Heut', wenn des Kampfes Getümmel schweigt, Mancher Krieger in Andacht sich neigt. Und bei der Wachtfeuer glühendem Schein, Heil'g-er Jaum Kippur, denket er Dein. Wir aber, die einsam daheim geblieben. Wir sind im Geiste bei Euch, Ihr Lieben. Wir möchten die Hände aufs Haupt Euch legen, Um Euch zu schützen ans Euren Wogen. Wir steh'n vor dem Herrn in heißem Gebet, Das seine Gnade für Euch erfleht. O, führet siegreich das reine Schwert Und kehrt in Frieden zu Haus und Herd! Mög' Gott Euch segnen vom Himmelszelt! — Heil'ger Jaum Kippur, leucht' bald der Welt! Sophie I a c o b s o h n. Lin Lriek der Dorothea geh. Mendelslohn an ihren Gatten Simon Veit. >n Jnlihcft der „Deutschen Rundschau" habe ich eine Charak- \ teristik der merkwürdigen Frau, der Tochter Moses Mendelssohns gegeben, die ihren Gatten Simon Beit verlies;, um dem Schriftsteller Friedrich Schlegel zu folgen. Nicht etwa ihre Handlungsweise zu verklären oder zu verteidigen, sondern nur sie verständlich zu machen, versuchte ich in jener Studie. Wer Simon Veit ist, wurde den Lesern dieser Blätter häufig dargelegt. Zuletzt noch in dem Aufsatz Nr. 24 dieses Jahrgangs, S. 281 ff.: „Das Testament eines Berliner jüdischen Bankiers 1819." Dort ist auch unser Brief schon angedeutet. Dorothea schrieb ihn aus Rom, lvo sie mit ihren beiden Söhnen Jonas (Johannes) und Fcibisch (Philipp), die sie in ihrer Ehe Beit geboren hatte, zusammen lebte, nachdem sie dnrch den Gatten, der für sie und die Sohne weit über seine Berpflichtnngen gesorgt hatte, von seiner schlveren Krankheit unterrichtet worden war. Die guten Wünsche, die Dorothea in ihrem Brief anssprach, erfüllten sich nicht, Simon Beit starb am 1. Oktober 1819. Unser Brief ist aber ein schönes Denkmal für die Schreiber!» und den Adressaten. Er lautet folgendermaßen: Rvm, 28. August 1819. Mein wahrer und hochgeehrter Freund! Wie soll ich wohl mit Worten ausdrücken, was Dein Schreiben — der unwiderlegliche Beweis Deiner Verzeihung un-d treuen Freundschaft — für Empfindungen in mir erregt, 'wie tief mich Deine Worte gerührt haben! Ich habe alles Gott zu Füßen gelegt im Gebete, ich kann ja nichts thun und nur Er allein im Himmel, der Ewig-Allmächtige kann geschehenes Unrecht, wenn wir es aufrichtig vor ihm bekennen, durch seine Allmacht für die Ewigkeit ungeschehen machen, kann Böses in Gutes verwandeln. Das ist meine Hoffnung! Eins nur beschwöre ich Dich — denn warum soll ich wagen. Dich zu heftig durch zu vieles Schreiben aufzuregen, und Dir vielleicht zu schaden? Eins nur: klage Du Dich doch ja über nichts an! Du kannst wohl ganz ruhig sein und Dich in Deinem ohnehin großen Schmerzen und körperlichen Leiden des inneren Friedens im Bewußtsein Dich erfreuen, daß Du an nichts Schuld b i st! Ich weiß nur zu wohl, daß meine Starrköpfigkeit, mein Eigensinn, meine Heftigkeit, Leidenschaftlichkeit, meine unseelige Unruh, Unzufriedenheit und Phantasterei, ein gewisses sträfliches Treiben nach etwas Fremdem, Unbekanntem mich herumtrieb, und ich allein bin Schuld an unserer Trennung, und an Alles, lvas Gott mir verzeihen ivolle, lvie Du mir verziehen hast! Wäre damals schon eine w a h r e Bildung mein Streben gewesen, so wie es eine falsche war; hätte ich damals das Licht des wahren Glaubens, die einzige beseeligende Richtung nach den Gütern des ewigen Lebens ge-! kannt; vieles wäre dann wohl anders und besser gelenkt wor-! den. Gottes Barmherzigkeit hat mich mit Vater Güte veri schont — und auf einem Wege, wo so viele verloren gehen, : habe ich das ewige Leben gefunden, und bin von schrecklichen! Abwegen zurückgehalten worden. Ewig will ich Gott dafür j loben und ihn bitten, daß er Dich für Deine große Milde, da j Du segnest, wo andere geflucht haben möchten, daß er Dich mit ' seinen ewigen Gütern lohne, und Dir den Frieden Gottes gebe, lvie er ihn mir gegeben hat, damit wir dereinst in seiner ewigen : Klarheit auf ewig vereint leben mögen! Wohl hast Du Recht, i daß wir uns nicht scheuen sollen an den Tod zu denken, da : er uns doch früher oder später gewiß ist, und Gott allein es weiß, wann unser Ziel da ist. Schwache Personen überleben oft nach seinen unerforschlichen Ratschlüssen die stärksten, und j das Alter muß oft die Jugend zu Grabe tragen. Ich habe j immer noch die Hoffnung für Dich, daß Du Dich wieder erl holen und noch eine Reihe vergnügter Jahre das Wvhlgelingen! Deiner lieben Söhne Dich erfreuen wirst! Ich bete täglich zu j Gott für Deine Genesung, und für Deinen Frieden, und viele andere noch vereinigen sich mit mir in diesem Gebete. Gott wolle uns erhören! Die beiden Gemälde der Söhne sind bereits drei oder vier Wochen unterlvegs, und hoffentlich werden sie zu Ende des künftigen Monats in Berlin eintrefsen. Sie werden Dir gewiß Freude machen. Johann seines durch die Frömmigkeit und den Ausdruck des Friedens und der innigen Liebe und demutsvollen Einfalt; Philipp seines durch das Grandiose der Erfindung und Behandlung; in beiden ist eine seltene Harmonie der Farben, und tadellose Zeichnung bei großer Schönheit der Köpfe. Oeffentlich dürfen lvir dergleichen nicht sagen, weil man uns Parteilichkeit würde Schuld geben, aber unter uns dürfen wir es uns wohl gestehen, daß sie zu den allerbesten Werken unserer Zeit gehören. —- Ich weiß nicht, ob Philipp Dir heute schreiben wird; er ist sehr fleißig. Gott sei mit Dir, lasse mich Dir empfohlen sein, und laß mich Dich noch einmal durch Gott um Verzeihung bitten. —D. i L. G. jEitcrarifdjc Mitteilungen. I s tu n r Elbogen, Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. Leipzig. Buchhandlung Gustav Fock, G. m. b. H. 1913. Die Geschichte des jüdischen Gottesdienstes ist der Nachweis! seiner Umgestaltungen im Lause der Geschichte und zugleich der Wegweiser zu seiner sinngemäßen Weiterbildung. Das ist die außerordentliche Bedeutung des Werkes Elbogens, durch dessen Herausgabe im „Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums" sich die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" ein bleibendes Verdienst erworben hat. Eine unparteiische Geschichte des jüdischen Gottesdienstes ist ein lange empfundenes Bedürfnis. Seit Zunz' klassischen Werken sind ja nur vereinzelte Studien zur Geschichte des Gebetes erschienen. Es ist der Ruhm des neuen Werkes, daß es neben Zunz' Schriften bestehen kann und sie in erwünschter Weise ergänzt. Man kann gewiß in Einzelheiten eine andere Auffassung als Elbogen vertreten, in den Grundlinien aber darf seine Darstellung als ein Standard work bezeichnet werden.

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