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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-25 · Heft 39 (25.9.1914) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 39 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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464 trauriges Ende nahm und längst überwunden war? — Oder war's der Gedanke an ein blasses, schmales Gesichtchen, das sich eines Abends in heißem Erröten über die Hand der Schwester gebeugt; an junge Lippen, die halb unverständlich geflüstert: „Ich habe ihn einst gekannt, und wir haben uns sehr lieb gehabt, Schwester Else . . . ach, trenn ich ihn nur nach einmal Wiedersehen dürfte!" Oder all das zusammen — genug, die gute Schwester Else nahm den erstaunten Professor bei der Hand und führte den Willenlosen Stufe um Stufe die Treppe hinab und dann ein paar Schritte weiter bis zur Gartenpforte. „Bringen Sie ihr nur die Blumen selbst, Herr Professor," sagte sic lächelnd, „Frau Waldenburg ist heute zum erstenmal draußen im Garten — und sie ist Ihnen eine alte Bekannte." Ihre kleine energische Hand stieß die Pforte aus und schob den Zögernden in den Garten. Sie bekam jedoch so furchtbares Herzklopfen, daß sie beinahe den Professor zurückgezogen hätte; aber es war zu spät. Paul Rosendorf stand schon draußen im Sonnenschein und blickte sich suchend um. Da war sie — um diese Stunde die einzige Kranke hier im Garten. Gerade unter dem blühenden Rosenstrauch saß sie, und ein Ziveig jener zarten vergänglichen Blüten lag loie eine Krone über ihrem Haupt. Der warme, volle Schein der Septembersonne fiel über ihr blaßblaues Morgenkleid, zauberte leuchtende Goldfunken auf ihr schimmerndes blondes Haar, so saß sie da, den Kopf müde zurückgelehnt, in tiefe Gedanken versunken. Rosendorf ging langsam auf sie zu. Ihm war Plötzlich so weich, so wunderbar ums Herz, als stände er vor der Erfüllung seines Schicksals — wie vor künftigem, großem Glück. Unwillkürlich blieb er stehen, doch sie hatte das Knirschen seiner Schritte auf dem Kies gehört, wandte den Kopf und sah ihn an. Da erkannte er sie augenblicklich, und er erschrak, machte eine Bewegung, als wolle er umkehren. Ihr Blick bannte ihn wider Willen, und Plötzlich — das Neujahrsfest war nahe — der goldene, klare Septembertag und er war gesund, er war so froh, so dankerfüllt, etwas Uebermächtiges quoll in seinem Herzen auf. „Hilde!" rief er, alles um sich her vergessend. Ein warmes, weiches Rot flog über das blasse Gesicht, eine schmale Hand streckte sich ihm entgegen. Mit drei Schritten war er neben ihr. „Hilde!" wiederholte er, beugte sich zu ihr herab, zog ihre Hand an seine Lippen und legte die Rosen auf die wollene Decke, die ihre Knie umhüllte. „Das Neujahrsfest läßt grüßen!" Cie blickte dankbar, wortlos zu ihm aus. Sie konnte es nicht fassen, nicht glauben, konnte sich gar nicht satt sehen an den ernsten, männlichen, ihr einst so vertrauten und jetzt so fremd gewordenen Zügen. „Also Sie waren die fremde Kranke, für die ich spielen sollte? Wußten Sie denn, daß ich Ihr Nachbar sei?" „Ich hörte Sie das Lied spielen, das alte, liebe Lied, das wir so oft miteinander sangen, wissen Sie noch?" fragte sie und lächelte lvie im Traum. „Da fragte ich Schwester Else um Ihren Namen." „Und ich ahnte es nicht!" Sie waren beide so überrascht, so fassungslos gewesen; er, als der Gesunde, der Stärkere, faßte sich zuerst. „Wie geht es Ihnen jetzt? Besser? Werden Sie bald entlassen werden?" fragte er hastig. „In acht Tagen, meint Schwester Else." „In acht Tagen — und dann?" „Tann kehre ich nach Hause zurück. Nach Berlin." Sie sagte es so müde, so hoffnungslos. Tann raffte sie sich auf. „Und Ihnen ist es immer gut gegangen, Paul?" „Ich danke. Ich bin zufrieden . . Er hatte sich einen Stuhl herangezogen, und so saßen sie beide, weltentrückt, traumverloren, eine lange, lange Zeit. Sie hatten sich so viel zu sagen, aber vor der Ueberfülle verstummten ihre Lippen, beide lauschten aus das Pochen ihrer Herzen, jedoch keiner fand das rechte, das erlösende Wort. Niemand störte sie. Endlich stand er aus, strich sich mit der Hand das schlichte, schon ergrauende Haar aus der Stirn und sagte schwer atmend: „So finden wir uns wieder — nach fünfzehn Jahren!" Leise, kaum verständlich fügte er hinzu: „Nun, wo es zu spät ist..." Hilde richtete sich auf, ihr Blick ward hell, ihre Wangen brannten. „Zu spät — wofür?" fragte sie schnell. „Für das Glück." „Weshalb zu spät?" „Weil ich verlernt habe, daran zu glauben! . Weil ich ein alter, kalter, verknöcherter Mensch geworden bin." Sie wußte nicht, was sie ihm darauf erwidern sollte. Es ging ihr durch den Sinn: Wer so spielen kann wie du, wer sich ein warmes Herz bewahrt hat für fremder Menschen Leid und Unglück, der kann nicht kalt und verknöchert sein. Aber durfte sie ihm das sagen? Ihr Herz zog sich zusammen, sie spürte es wie einen Krampf, sie konnte nicht sprechen, die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie schwieg, und ihre bebenden Finger spielten nervös mit den Rosen auf ihrem Schoß. Der innere Kampf prägte sich auf ihren lieblichen Zügen aus, jähes Rot wechselte mit tiefer Blässe. Sie wollte ihn nicht verlieren; war doch ihre letzte Hoffnung, an die sie sich in diesen letzten Wochen, da sie ihn sich so nahe wußte, geklammert, die sie dem Tode abgerungen, und die sie wieder ins Leben zurückgerufen hatte, ihn sich wieder zu gewinnen! Plötzlich zog er die Uhr. „Ich muß fort — mein Zug geht um zwei." Sein Blick hing gespannt an ihren Lippen, er wartete auf ein Wort von dieser noch immer heiß geliebten Frau. Würde sie sich groß genug zeigen, das erlösende, befreiende Wort zu finden, das ihm sagen sollte: Bleib da — geh nicht fort? Sie fühlte, sie müsse das Wort sagen, sie war und blieb die reiche Frau — und er ein armer Gelehrter, nicht noch einmal würde er um sie werben. Niemals war ihre Liebe zu ihm geschwunden, im tiefsten Schrein ihres Herzens war sie ihm treu geblieben, auch als sie die schwerste Kunst des Weibes, „Entsagung", üben mußte. Sterbend hatte ihr Vater ihre Hand in die seines besten Freundes gelegt. Mit dem Bewußtsein, daß sie eine tiefe Herzensneigung hatte opfern müssen, war er ihr ein gütiger Führer, sie ihm eine treue Freundin und Weggenossin geworden. Mit schwindender Kraft sie segnend, waren seine letzten Worte gewesen: „Wenn du ihm wieder begegnest, wo immer es auch sei. suche gutzumachen, was dein Vater an ihm gesündigt, werde glücklich mit ihm!" Eine Flut von Gedanken wirbelte in ihrem Hirn. Liebe und Pflicht geboten ihr, ihres Vaters Schuld zu sühnen, ihren weiblichen Stolz zu besiegen. „Paul, gehe nur fort, um mich bald zu holen! Das Neujahrsfest ist ein Fest der Rene und Buße, aber auch der Freude und der Liebe," flüsterte sie heiß errötend, ihm beide Hände entgegenstreckend, die er mit heißen Küssen bedeckte. „Sei gesegnet für dieses Wort, Geliebte!" gab er tief ergriffen zurück. „Ein neues Jahr — ein neues Leben soll nun. will's Gott, bald für uns vereint beginnen, wie ich es vor fünfzehn Jahren erträumte und ersehnte! Ich verlasse dich heute, in acht Tagen hole ich dich in das Haus meiner Schwester. Im Sonnenschein der Liebe sollst du voll und ganz genesen, und dann trennt uns nur noch der Tod!" Noch einen langen, innigen Kuß drückte er auf ihren blonden Scheitel, noch ein Grüßen und Winken, und er ging.

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