Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1914)
- Date
- 1914-09-25
- Page
- Seite 463 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Leben hatte er gewähnt, selig im Besitz der Geliebten, an ihrer Seite beginnen zu dürfen! Er hatte seine Vaterstadt verlassen. Gerade in jener Zeit bittersten Herzwehs und tiefster Erniedrigung hatte eine kleine Erbschaft ihn in den Stand gesetzt, seinen langgehegten, brennenden Wunsch zu erfüllen und sich ganz den Natürwissenschaften zu widmen. Nie wieder hörte er den Namen seiner Jugendgeliebten, nie wieder zog ein Liebestraum in seine Seele ein. Er hatte keine Zeit dafür, der Geologe, den sein Zigeunerleben hierhin und dorthin verschlug, der Mann der Wissenschaft, den ein unaufhörlicher rastloser Drang nach Erkenntnis vorwärts, immer vorwärts trieb! Ein Augenleiden, das er sich auf einer geologischen Forschungsreise zugezogen, brachte nach Jahren angestrengter Tätigkeit den ersten unfreiwilligen Ruhepunkt in das Leben des jungen Gelehrten. Und zum erstenmal vielleicht in all den langen, langen Jahren, die zwischen jetzt und damals lagen, kam mit diesem Stillstehen zugleich ein Zurückblicken auf die durchmessene Lebensbahn über ihn, das ihn seltsam anmutete. Wie es draußen in dem herrlichen Spätsommerabend duftete, wie die Vögel lockten und riefen, wie ihr süßer Sang sich in sein Herz hineinstahl, überfiel ihn ein wunderlich wehmutsvolles Sehnen nach den Tagen der fernen Kindheit, nach jenen anderen ungleich seligeren Stunden, die er mit Hilde verlebt, wo die Liebe ihr geheimnisvolles Wunderwerk an ihnen beiden vollbrachte. Wohin war jene Zeit geschwunden? „Kehre, o kehre zu mir doch zurück!" sang die alte braune Geige, es klang fast wie das Weinen einer Menschenstimme, und nebenan im Zimmer lauschte ein Herz den Tönen mit bangem, sehnsüchtigem Klopfen, zitternde Lippen flüsterten: „Du all mein Sehnen, du all mein Glück!" Aber Geige und Menschenstimme klagten nicht miteinander, und zwischen ihnen lag die kalte Steinwand der Hospitalmauern. Professor Rosendorfs Augen begannen sich zu bessern. Schon durste er zuzeiten das Krankenhaus verlassen. Abends, wenn die Sonne zur Rüste gegangen und das grelle Tageslicht in weiches Dämmern überging, wanderte er durch die schmalen verschlungenen Wege des Hospitalgartens, lauschte den lauten und leisen Stimmen, die auf ihn einsprachen, und erfreute sich aller Gaben von der Hand der gütigen Mutter Natur, insbesondere der späten üppigen Rosenpracht! Rosen! Paul Rosendors stand vor einem mit zarten blaßroten Blüten über und über bedeckten Rosenstrauch, sog den herrlichen Duft tiesatmend ein, und wieder und wieder mußte er der Stunde gedenken, wo in Hildes goldblondem Haar ein ebensolcher Zweig geblüht hatte. Wo war sie? Was mochte aus ihr geworden sein? _ Da war er schon wieder bei demselben Thema angelangt! Wohin sollte das führen, wenn er, der reife, gesetzte Mann, „der Steinsucher mit dem versteinerten Herzen", wie seine Freunde ihn scherzend nannten, wenn er sich jetzt aufs Träumen verlegen wollte? Wahrlich, es war hohe Zeit, daß diese gefährliche Ruhepause ein Ende hatte, daß er wieder arbeiten, schaffen durfte! Der erste Selichoth-Tag! Die Festtage fielen in diesem Herbst ungewöhnlich früh! Vorfestliches, rastloses Treiben überall! Das halbe Krankenhaus steht unter Wasser, überall wird gescheuert und geputzt. In der weiten Vorhalle begegnet Professor Rosendorf der Schwester Else, die geschäftig an ihm vorübereilen will. „Ich rücke aus, Schwesterchen, bei Ihnen wird mir's jetzt ungemütlich," rief er lachend und sprang wie ein übermütiger Junge über einen im Wege stehenden Eimer. „Im Ernst, Schwester Else, ich bin in Gnaden entlassen, und heute nachmittag reise ich." fügte er fröhlich hinzu. „Nach Hause? Zu Ihren Eltern?" fragte die kleine Schwester mit der freundlichen Teilnahme, die sie all ihren Patienten entgegenzubringen pflegte. Daß er unverheiratet war, wußte sie, über seine sonstigen Familienverhältnisse hatte er sich nie geäußert. „Meine Eltern sind lange tot," erwiderte er ernst. „Was ich mein „Zuhause" nenne, ist das meiner verheirateten Schwester, denn die Wohnung eines vagabundierenden Junggesellen, der sich bald hier, bald dort herumtreibt, verdient den Namen Heimat nicht." „Glücklich, wer überhaupt noch einen Zufluchtsort hat," sagte Schwester Else gedankenvoll, „ich denke mir, in den Festzeiten sehnt man sich doppelt danach. Nicht wir, die wir hier Heim und Beruf gefunden haben, ich meine jene, die in der Welt alleinstehen," fügte sie mit ihrem stillen Lächeln hinzu. Er blickte aufmerksam in ihr gutes Gesicht und erriet, wohin ihre sorgenden Gedanken gingen. Mit kurzem Gruß wandte er sich ab und wollte an ihr vorübergehen. „Reisen Sie schon jetzt?" fragte die Schwester betroffen, da sie von ihrem Pflegebefohlenen einen anderen Abschiedsgruß I erwarten mochte. j „Nein, Schwesterchen, ich habe zuvor noch eine not-! wendige Besorgung," klang es zurück.! „Schwester Else, bitte, einen Moment!" rief Paul Rosen-! dors eine Stunde später, als er die kleine Schwester vor sich her die Treppe hinaufgehen sah. Sie drehte sich um — er hielt die Hände auf dem Rücken und sah sie fast übermütig an. Als er ihrem verwunderten Blick begegnete, wurde er j fast verlegen.! „Das Neujahrsfest ist ja nahe, Schwesterchen," sagte er j entschuldigend, „und ich bin so froh, daß ich nach Hause und in erster Reihe wieder an meine Arbeit darf,! da möchte ich doch auch irgend jemandem eine kleine Freude i bereiten. Das Neujahrsfest ist zwar ein ernstes Fest, aber es J ist doch auch ein Fest der Freude, nicht wahr, Schwesterchen?"! fragte er und sah sie treuherzig an. j Der Schwester Else fielen allerlei fromme und heilige Dinge! ein, die mit dem Neujahrsfest zusammenhängen, aber sie sagte nichts von alledem, sondern nickte nur und wiederholte leise: „Ein Fest der Freude - ~ und der Liebe!" Er, in seinem Eifer, überhörte den Zusatz; hinter seinem Rücken brachte er einen wundervollen Strauß von Teerosen zum Vorschein, deren leuchtendes, zartes Gelb in einen Kranz blaßroter Rosenknospen gebettet war.; „Bringen Sie Ihrer Patientin auf Nummer Neun diesen; Festgruß, Schwesterchen," bat er herzlich, „und sagen sie ihr, j der unbekannte Nachbar ließe sie grüßen und wünschte, daß j sie unter ihrer treuen Pflege ebenso schnell und genesen möge! wie er selber!"! Damit hatte Paul Rosendors geglaubt, seiner Dankbarkeit lind Herzensfreude Genüge zu tun, und damit so meinte er — schloß jene kleine Episode mit der unbekannten Leidensgefährtin für immer ab. Aber er irrte sich. Niemals hatte sich Schwester Else damit abgegeben, eine! Heirat stiften zu wollen, und wenn ihr jemand dieses zu-! gemutet oder prophezeit hätte, würde sie sich voll tiefster Mißbilligung dagegen gesträubt haben. Wer gab ihr nun heilte, gerade heute ein, etwas Derartiges anzustiften? War es die Feststimmung, die ihr Herz schneller und freudiger schlagen! ließ. War es die Erinnerung an Liebe und Liebesglück, das ' sie einst vor langer Zeit auch an sich selber erfahren, das ein