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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-25 · Heft 39 (25.9.1914) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 39 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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-- 462 --- büre Zuschauer des heftigen Kampfes, und die Granaten platzten in unserer Nähe. Natürlich ist der Standort der Lazarette während einer Schlacht möglichst geschützt. Am Versöhnungstage versammelten sich die jüdischen Soldaten des l. Armeekorps in Cheuby zu einem feierlichen Feldgottesdienst, bei welchem ein jüdischer Feldprediger die Rede hielt. Einige Soldaten hatten sogar ihre Gebetmäntel umgetan, und die alte Melodie des Kol Nidre rührte die Andächtigen zu Tränen. Der Herbst mit seinem unfreundlichen Wetter kam heran; wir lagen vor Metz, hörten von Zeit zu Zeit eine Kanonade, die vom Fort Julien herkam. Unsere Wirtsleute waren noch immer des Glaubens, daß Metz sich halten werde. Meine brave Wirtin sagte mir: „Mete, la pucelJe se ne rendra jamais.“ : I , i!! Aber das Unglaubliche wurde Wahrheit! Am 16. November übergab Bazaine die Festung dem Prinzen Friedrich Karl, und wir waren Zeugen, wie die große Armee ohne Waffen an uns vorbeizog, um nach Deutschland in die Gefangenschaft zu gehen. Das Wetter war regnerisch und kalt, die Straßen waren mit Schmutz bedeckt. Wahrlich ein trauriger Anblick, die abgezehrten Soldaten an sich vorbeiziehen zu sehen! Das Lazarett folgte nunmehr dem 1. Armeekorps, das in der Richtung nach Amiens vorging. Der Winter war ungewöhnlich hart, es kamen Temperaturen bis — 12 Grad Maumur vor. Bei starkem Schneegestöber und heftigem Wind mußten wir manchen Tag zehn Stunden zu Pferde bleiben. Die Steigbügel wurden mit Stroh umwickelt, doppelte und dreifache Unterkleidung angezogen. Das waren Tage, von denen man sagen darf, sie gefallen mir nicht. Für solche Strapazen ist denn auch ab und zu ein guter Schluck Kognak von Nutzen, was den Abstinenzlern gesagt sein soll. Die Quartiere waren von wechselnder Güte; auf dem Lande manchmal sehr primitiv, in den Städten recht gut. Ich will die Kreuz- und Ouerzüge zwischen Rouen und Amiens und umgekehrt nicht im Detail aufzählen, ich mag wohl im ganzen einige hundert Meilen im Sattel zurückgelegt haben. Wenn wir als Furiere voraufritten, um für das Lazarett Quartiere zu besorgen, folgten wir gewöhnlich den Offizieren der Reserveartillerie, und dann gab es immer einen sehr scharfen Trab von mehreren Meilen in einem Zuge. Mitte Dezember erreichten wir Rouen und wurden in der Vorstadt Notre-Dame de Bondeville einquartiert, wo ich bei einem früheren Fleischermeister, einem gemütlichen Rentier, eine gute Wohnung fand. Mit den kinderlosen Wirten wurde ich bald sehr gut befreundet, und da ich auch meine ärztliche Kunst bei ihnen mit Erfolg anwenden konnte, entwickelte sich ein sehr gemütliches Verhältnis. Ich benutzte den Einspänner des Wirtes zu Fahrten nach der Stadt, fuhr mit ihm zu Bekannten aus das Land und konnte die viele freie Zeit, die wir hatten, vergnüglich ausnutzen. Im Januar erhielt ich ein selbständiges Kommando. Ich sollte mit dem halben Feldlazarett einer Kolonne folgen, welche gegen Franktireure, die in der Gegend von Vernon an der Seine sich gezeigt hatten, operieren sollten. Es kam aber zu keinem Gefecht, und ich hatte nur das Vergnügen, einmal selbständig ein Kommando zu führen. In Vernon wohnte ich in einer fürstlich eingerichteten Villa und lud dort einen jungen Kaufmann aus Danzig, einen sehr begabten Musiker, zum Abendessen ein. Nach dem Abendessen setzte sich mein junger Freund, der die Uniform eines Unteroffiziers trug, ans Klavier, spielte meisterhaft und sang vortreffliche Lieder. Die Dame, welche den Haushalt des von dem Besitzer verlassenen Schlößchens führte und uns recht gut gepflegt hatte, hörte andächtig zu und fragte mich, ob denn in der preußischen Armee die einfachen Unteroffiziere so großartige musikalische Leistungen aufzuweisen pflegten. Ich sagte ihr, er musiziere nicht nur vortrefflich, sondern spräche auch tadellos Französisch. Als sie sich nun mit dem jungen Kaufmann unterhielt, da muhte sie ihrer Hochachtung vor der preußischen Armee Luft machen und sagte: „Nun wundere ich mich nicht, daß die Deutschen den Sieg errungen haben." Als das Lazarett nach der Kapitulation von Paris Notre- Dame de Bondeville endgültig verließ, würde der Abschied von den Ortsbewohnern durch ein Essen gefeiert — ein Beweis dafür, welcher Sympathien wir uns zu erfreuen hatten. Ich wurde zum 5. Feldlazarett als Feldstabsarzt kommandiert und begab mich zur Uebernahme meiner selbständigen Stellung nach Clermont vor Paris. Dort wohnte ich bei einem Pariser Bankier, der täglich nach Paris fuhr, um seine Geschäfte zu besorgen, abends aber nach Clermont zurückkehrte. Dieser Mann war voller Hochachtung vor der Disziplin der deutschen Truppen und bewies mir seine Freundschaft durch das Anerbieten, mich und einen Kollegen aus Königsberg ungefährdet nach Paris mitzunehmen und für unser Unterkommen dort zu sorgen. Von Clermont zog das 5. Feldlazarett nach Compiegne, wo wir das herrliche Schloß und die mächtigen Wälder der Umgegend genauer kennen lernten. Unvergeßlich ist mir ein Stern, in dem sechs meilenlange Alleen von uralten Bäumen zusammentrafen. Von Compiegne machten wir noch einen Ausflug nach Pierrefonds, einem von Napoleon III. mit großem Kostenaufwand restaurierten Jagdschloß. Erst Ende August verließ das Lazarett Frankreich und kehrte über Dürkheim nach Königsberg zurück. Der Gesundheitszustand unserer Truppen war dank der Impfung ein guter, während in Nordfrankreich eine Pockenepidemie ausbrach. Der Einzug der Truppen in Königsberg gestaltete sich sehr imposant. Die Truppen wurden mit Kränzen überschüttet, und als ich als letzter an der Spitze des Feldlazaretts den Beschluß des Zuges machte, da regneten die Kränze von den Balkons zu Dutzenden auf uns herunter. km neues Jahr — rin neues Leben. Eine Neujahrsgeschichte von Regina Neißer. Nach einem vorhandenen Stoff bearbeitet. lSchluß.) emeinsame Jugenderinnerungen wachten auf und erfüllten beider Herzen; sie woben ein festes, inniges Band um sie, und wo immer sie sich trafen, hatten Hilde Ehrenfeld, der ausgehende Stern aller Bälle und Festlichkeiten, und der unbekannte junge Philologe so viel miteinander zu plaudern, daß die weniger Begünstigten ihn beneideten und alte Damen mißbillig flüsternd die Köpfe zusammensteckten. Aber das alte Lied vom Leid der Liebe ward auch ihnen gesungen. Die Stunde kam, wo der junge, kargbesoldete Gymnasiallehrer der reichen Bankierstochter sein Herz zu Füßen legte, und jene andere bittere Stunde kam. wo er es wagte, den Vater um die Hand des Mädchens zu bitten, das gewillt war, alles mit ihm zu teilen, Not und Sorge des Lebens, Glück und Seligkeit ihrer jungen Liebe. Noch jetzt, nach fünfzehn Jahren, stieg es wie heiße Zornesröte im Antlitz des sinnenden Mannes auf, wie er jenes Tages, jener stolzen, harten, schnöden Abweisung gedachte! Es war am Rüsttage des Neujahrsfestes; ein neues Jahr — ein neues

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