Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1914)
- Date
- 1914-09-25
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
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461 bereitet, im Pflegen geübt sind, ohne Tätigkeit sein; sie werden von den Komitees zurückgewiescn, weil die freiwilligen Helferinnen in immer neuen Massen znströmen. Achnlich ist es gewiß in anderen Großstädten. Ist das wirklich ein Segen? Viele der Krankenschwestern haben sich bereit erklärt, umsonst zu dienen, sie mußten den Damen weichen, die, gewiß von edlen Motiven geleitet, aber ohne Kenntnis — denn was will ein mehrwöchiger Kursus besagen und etwa gar eine Prüfung, vor wohlwollenden Richtern abgelegt — ohne eine Ahnung der schwierigen, Nerven- und Willenskraft anstrengenden Arbeit, sich einem Berufe widmen, zu dem Jahre der Vorbereitung gehören müßten. Aber nicht bloß in der Krankenpflege, sondern auch in Vereinen wird nicht immer getan und gegeben, wie es geschehen sollte. Ich weiß von gar manchen Vereinen, in denen gerade zur Kriegszeit den mitunter seil vielen Jahren tätigen Beamten männlichen und weiblichen Geschlechts — also Menschen, die von dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten — gekündigt worden ist, mit der Begründung, man wolle jetzt der freiwilligen Helfer sich bedienen. An der Spitze mancher dieser .Vereine stehen hochherzige Männer und Frauen, die allezeit und gerade auch in diesen Tagen gewaltige Summen spenden und ihre Kräfte dem allgemeinen Wohl widmen. Sind diese und ihre Genossen sich gar nicht des starken Widerspruchs bewußt, den sie selbst begehen? Ahnen sie denn gar nicht, daß sie auf der einen Seite fluchen, während sie auf der anderen Segen zu verbreiten sich einbilden? Auch Privatleute verfallen in denselben Fehler. Man müsse sparen, müsse sich einschrünken —- hört man allerwege. Für die meisten ist das ganz gut, denn gar viele leben gewöhnlich über ihre Verhältnisse, und auch für die, bei denen jener Tadel nicht zutrifft, die immer zu rechnen gewohnt waren, ist die Enthaltsamkeit kein Uebel. Aber spart an rechter Stelle und entzieht das Brot nicht denen, die es brauchen. Denn cs ist der direkte Gegensatz des Wohltuns, wenn viele, die es nicht unbedingt müssen, ihre Dienstmädchen entlassen oder ihnen den Lohn kürzen — denn wo sollen die Armen in dieser knappen Zeit einen anderen Dienst finden? Und geradezu eine Versündigung am allgemeinen Wohl ist es, wenn in wohlhabenden Familien seit dem Beginn des Krieges den Privatlehrern für Sprache, Musik, Zeichnen einfach gekündigt worden ist. Ich will diejenigen, die so bereit waren, die eigene Ausbildung oder die ihrer Kinder zu unterbrechen, gar nicht fragen, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Sie können doch nicht glauben, daß wir der Barbarei entgegeneilen, und sind, lvenige unrühmliche Ausnahmen abgerechnet, nicht kleinmütig genug, unsere Vernichtung für möglich zu halten. Meinen sie denn wirklich, ein Unterricht lasse sich nach vielmonatiger Unterbrechung an dem Punkt wieder anknüpfen. wo er stehen geblieben ist? Ahnen sie denn nicht, daß vieles, wenn nicht alles, in der Zwischenzeit vergessen wird, daß in den freien Künsten die Befähigung erlahmt, lvenn Uebung und Unterweisung fehlt? Stellen sie sich denn nicht selbst vor, daß sie sich durch ihre unangebrachte Sparsamkeit doppelte Kosten bereiten? Sie tun sich daher nicht wohl, durch solche Entlassung von Lehrkräften, und sie schädigen die, welche durch Unterrichterteilen sich ihre Existenz geschaffen haben. Viele Hunderte, die bisher auskömmlich zll leben hatten, und am ersten diejenigen, die am besten bezahlt wurden, stehen mit einem Male brotlos da. Darum ihr alle, die ihr irgend es könnt, behaltet eure Privatlehrer und -lehrerinnen! Nicht bloß das Mitleid mit den Armen soll euch dabei leiten, nicht nur das Bewußtsein, durch solches Verfahren wirklich wohlzutun, sondern die Ueberzeugung, daß Wissenschaft und Kunst Mächte sind, deren Pflege in ernsten Zeiten nicht vernachläsiigt werden darf. Weder die Schulen noch die höheren Bildungsstätten, weder die Theater noch die Konzertsäle sind geschlossen — tut euch selbst wohl, indem ihr eure Häuser wie bisher zll wahren Tempeln der Kunst und Wissenschaft erhebt. Dus drn krirgserinrikrungm rines MMtsrurrtes im Ishrr I87U. Von Geheimrat Dr. A. Waldenberg. A Geh. Justizrat Friedman« in Glogau feierte am 9. September sein 5,0 jähriges Uienstjiibiläum. (Bergt. „Gemeindebote" Nr. 38). m lg. August überschritten wir bei Belchen (Baden) die französische Grenze. Schon am 14. August begann der Kampf des 1. Armeekorps mit den vor Metz lagernden Franzosen. Der Punkt, um welchen am heftigsten die Schlacht entbrannte, war die Brasserie. eine vor Metz gelegene Brauerei. Am nächsten Tage errichteten wir in Ehateau-gras, einem kleinen Schlößchen, ein Lazarett; während unser Lazarett weiter nach Metz dirigiert wurde, erhielt ich den Befehl, die Leitung des Lazaretts weiter fortzuführen. Jedoch schon nach drei Tagen rückte ich, nachdem ich das Lazarett einem anderen Arzt übergeben, nach Les Etangs vor und etablierte dort ein neues Feldlazarett, das eine größere Zahl schwer verwundeter Preußen und Franzosen aufnahm. Vorher habe ich noch in Cvncelles kurz nach der Schlacht bei Gravelotte viele schwer Verwundete verbirnden; die Arbeit dauerte bis in die Nacht, und es fehlte an den notwendigsten Beleuchtungsmitteln. Das Lazarett in Les Etangs leitete ich bis zur Uebergabe von Metz und habe dort eine größere Zahl von Amputationen und Gefäßunterbindungen vorgenommen. Von Les Etangs ritt ich öfter nach Cvncelles, um vom dortigen Johanniterdepot Liebesgaben für die Verwundeten in Empfang zll nehmen. Während der Schlacht von Nöisseville waren wir unmittel-