Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1914)
- Date
- 1914-09-25
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
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4G0 Naturalien m die bedürftigen. Biele unserer Glaubensgenossen können sich trotz ihrer schöneren Notlage aber nicht entschlieszcn, die rituellen Vorschriften ai'.ßer acht zu lassen und in einer der vielen bestehenden Volksküchen ihr Mahl einzunehmen. Besonders fehlte es für den Mittelstand an einer geeigneten Einrichtung. Ta wurde am 0>. b. M. obige Anstalt eröffnet. Hier wird für 35 Pfennig ein reichliches und schmackhaftes Mittagsmahl gewährt. Bedürftigen wird in den bekannten, sauber ausgestatteten Räumen der Tvhnbee-Halle. Gipsstraße 12», in den Stunden zwischen 12 bis 2 Uhr gegen Marken, die ihnen von Wohltätern, wohltätigen Vereinen oder der Anstalt selbst ansgebändigt worden sind, das Essen verabreicht. Wer zahlen kann, zahlt selbst, vier nicht den vollen Preis zahlen kann, gibt einen Zuschuß von 10 Pfennig, wer auch das nicht kann, erhält die Speisemarken unentgeltlich. Um es auch bedürftigen Familien zu ermöglichen, das Mittagessen in der eigenen Behausung gemeinsam einznnehmen, können solche das Essen vor 12 Uhr ans der .Uriegsspeiseanstalt abholen. Es werden täglich etwa 300 Personen gespeist. Natürlich wird Geld gebraucht, um die Einrichtung zu erhalten. Spenden für diesen Zweck niunnt der Schatzmeister, Herr Fedor Eisner, Wallstraße 84, dankend entgegen. Es ist eine gute Gelegenheit für alle, schon in Anbetracht des nahenden Rosch-Haschnnah-Festes, hier ihre Wohltätigkeit durch Hergabe von Beiträgen oder Entnahme von Speisemarken zwecks Verteilung zu betätigen. Das rechte Wohllun. Bon V u d w i g (Zeig c v. I. mit irgendeine Tugend in der ungeheuren Zeit, die wir durchleben, 31t wahrhafter Blüte gelangt, so ist es außer Tapferkeit und Selbstüberwindung die! Wohltätigkeit. Jene werden im Felde geübt, diese zu Hanse. | Wohltätig sein heißt nicht bloß spenden, sondern seine j -graste in friedlichem Wettbewerb dem Vaterlande weihen. Eine solche Tätigkeit können ebensogut Männer wie Frauen Herrirfjtc’i; meist wird sie freilich den Frauen zuteil. Denn die Männer, ganz abgesehen von den Millionen, die im Felde stehen oder die zu kriegerischer Arbeit vorgebildet werden, sind entweder zu alt oder zu schwach, oder sie sind mit ihrem Amte, zur Vertretung von Kollegen stark, manchmal über Gebühr beschäftigt. Doch bleiben noch Hunderttausende übrig, die eine nützliche Tätigkeit, die dem Ganzen ersprießlich ist, üben wollen: Bnreaudieiist in den Wohlfahrtsanstalten, Empfang und Bewirtung auf Bahnhöfen, Hilfe im Sanitätsdienst. Ein solches Wvhltnn, das unter fachmännischer Leitung vortreffliche Wirkung tut, sei jedem empfohlen, der mit seinen eigenen Pflichteil nicht vollauf belastet ist. Nur mögen die, welche solche Tinge übernehmen, sich eins vor allem gesagt sein lassen, nur ihre humaiie Leistung nicht in eine höchst unhumane zu ver- »vandeln: Uebernehmt keine Arbeit, die ebensogut oder besser voll bezahlten Hilfskräften übernommen werden kann, drängt euch nicht ans angeblichem Wohltun in Stellungen, die von Arbeitsloseii, wenn auch gegen ganz kleines Entgelt, anSgefüllt iverden köiinten. Denn es gibt, wie jeder iveiß, schon jcht (Alitte September) Stellungslose genug, nicht bloß, wie es schon zu allen Zeiten gilt, besonders in großen Städten, sondern noch viel mehr andj außerhalb, und zwar infolge des Krieges. Kaufleute, Fabrikanten, industrielle Unternehmer haben, wenn ihnen zweiwöchentliches oder monatliches Kündigungsrecht znstcht, von dieser Befugnis bereits Gebrauch gemacht; es ist kein Zweifel, daß zum Anfang des Quartals l. Oktober (mit Kündigung vom 15. August an) gar viele folgen werden. Die Zahl der Stellungslosen, gerade beiin Beginn des Winters, wird daher eine große sein, nicht minder groß die der kleinen und mittleren selbständigen Kaufleute, die ihre Läden verödet erblicken und daher, wenn sic nicht geradezu sich genötigt sehen, ihre Geschäfte zu schließen, Zeit genug haben, etivas zu tun, und das Verlangen, einen kleinen Nebenerwerb sich zu verschaffen. Meint also nicht, dem öffentlichen Wesen zu dienen, das heißt Wohltat zu üben, wenn ihr euch erbietet, freiwillig zu leisten, was bezahlte, zumal geschulte Hilfskräfte besser zu erwirken imstande sind. Die Vereine und großen Organisationen, die sich das Ziel stecken, unmittelbar sür die vom Kriege Betroffenen: Verwundete, Hinterbliebene Gefallener, Familienmitglieder der im Heere Dienenden, zu wirken, sollten sich sagen, daß sie für die mittelbar Getroffenen, also sür die infolge der Kriegswirren ihrer Stellung Beraubten, auch einzutreten haben. In viel höherem Grade gilt dies aber für die Frauen, denn im Gegensatz zu den Männern ist der überwiegende Teil der verheirateten Frauen beschäftigungslos in dem Sinne, daß sie keine bestimmte Tätigkeit außerhalb des Hauses ausüben. Ich rede hier nicht von der dienenden Klasse und den vielen tausendenUnverheirateter, die als Lehrerinnen, Künstlerinnen, Gewerbetreibende von den Repräsentantinnen großer Kaufhäuser bis zu den Lanfmädchen beschäftigt sind. Alle diejenigen nun, die einen bestimmten Beruf nicht haben, ältere und jüngere Hausfrauen, die sich bisher, abgesehen vielleicht von einer mehr oder minder zeitraubenden Vereinstätigkeit, mit dem schönen Wirken als Hausfrauen und Mütter begnügten, drängten sich zur Betätigung ihrer Kraft. Bei dem Empfang der Truppen, in den Volksküchen und den Speiseanstalten für Mittellose, in den Kriegskindergärten, in den Horten und Heimen aller Art, in den zahllosen Komitees des „Roten Kreuz" meldeten sich die Frauen. Sie dürsteten ordentlich danach, wohlzutun. Da sei nun zunächst offen und ehrlich bekannt — ich sage es deutsch, damit ich nicht nach dem Gebrauch eines englischen Satzes zum Verräter gestempelt werde — „Mildtätigkeit beginnt und beginne im Hause". Ich kenne bei aller Wertschätzung der im öffentlichen Leben stehenden Frauen keinen schöneren und keinen heiligeren Beruf als den der Hausfrau und Mutter. Die Frau, die ihre Dienste der öffentlichen Wohltätigkeit widmet und ihre kleinen Kinder vernachlässigt oder sie Kinderfräuleins anvertraut, begeht ein Verbrechen; aber auch die, welche erwachsene Kinder und ihren Mann den ganzen Tag im Stich läßt, übt eher Schlimmes als Gutes. Gerade in ernsten, schweren Zeiten, in denen der Mann des Erwerbs oder der inneren Ruhe wegen mühsam arbeitet, in der die erwachsenen Kinder tagsüber für das öffentliche Wohl tvirksam sind, hat die Frau noch mehr als sonst die Pflicht, die Behaglichkeit des Hauses zu wahren, es nicht bloß zu den Mahlzeiten und den kargen Ruhestunden 31t einer wirklichen Friedensstätte zu gestalten. Sollte es daher recht viele Frauen geben, die gerade in unseren Zeiten noch mehr als sonst den Ihrigen und dem Hause leben, so sollen sie sich nicht als Sünderinnen, sondern geradezu als Wohltäterinnen betrachten. Die aber für das öffentliche Wohl wirken, sollten vorsichtiger sein in der Auswahl ihrer Betätigung. Von den Perversen rede ich nicht, die es wagen, Gefangenen Blumen und Schokolade mit kokettem Angenaufschlag zu reichen, aber von den Abertausenden, die sich zu den Pflegerinnenkursen drängen. Es gehört in ein anderes Gebiet, zu untersuchen, wie viele sich berufen glauben und wie wenige auserwühlt sind, wie viele ausharren werden und wie dagegen so manche einen Sport üben, dessen sic bald überdrüssig werden — aber ein anderes ist zu bedenken. Ihr, die ihr wirklich Geschicklichkeit, Entsagung und Ausdauer genug besitzt, um als Helferinnen tätig zu sein, die ihr also in wahrem Sinne Wohltätigkeit zu üben imstande seid, bedenkt ihr denn gar nicht, wie viele ihr schädigt, wie ihr geradezu Bedürftigen das Brot nehmt? In Berlin sollen viele hunderte Privatschwestern, also Frauen, die wirklich vor-