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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-25 · Heft 39 (25.9.1914) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 39 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
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458* . echtesten sittlichen Kerns, daß unter den feindseligsten Verfolgungen und Bedrückungen, die über anderthalb Jahrtausende auf dem Nacken des Judentums lasteten, dennoch kein feindseliger Geist im jüdischen Stamm erzeugt wurde, und daß die Geschichte keinen einzigen Akt des Hasses seitens dieses Volkes gegen Menschheit, Nation, Staat und Gesellschaft, von denen er so grausam behandelt worden, zu verzeichnen hat. In der Kunst, sich über das Geschick zu erheben und in allen äußeren Stürmen die innere Freiheit und Fassung nicht zu verlieren, hat es sich frühzeitig geübt, und darum auch hat es die Kunst des Verzeihens so gut gelernt. „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, betet für die, die euch kränken und beleidigen!": das sind allerdings Lehren, die viele in den alten Urkunden des Jlldentums vermissen. Aber je älter das Judentum, je mehr ist seine Lehrform eine natürliche, Praktische, geschichtliche. Es lehrt nicht, wie viel jüngere Zeitalter lehrten; es erzählt, wie die Himmel die Ehre Gottes erzählen, es Predigt, wie Die Sterne die Majestät des Herrn Predigen. Das innere Geistes- und Gemütsleben des jüdischen Volkes, aufblühend und hervorbrechend in den edelsten Taten seiner großen Männer, lehrt Feindesliebe und Versöhnung. Nicht so sehr in Gesetzen und Lebensordnungen, die vergänglichen Erscheinungen ihren Ursprung verdanken, hat der unsterbliche Geist des Jlldentums sich bleibend und dauernd ausgeprägt und offenbart, als vielmehr in den Grundtönen, die durch seine vieltausendjährige Geschichte erklingen in den Geistesrichtungen llnd Seelenstimmungen, die das Volk zu keiner Zeit verleugnet. Unter den Vorwürfen, die von den Gegnern des jüdischen Stammes diesem häufig gemacht werden, ist auch der, daß wir Jilden ein Volk wären, bei dem der kälte, berechnende Verstand weit mehr vorherrscht als das Gefühl. Das Judentum, meint man, rechnet oder vielmehr berechnet viel zu viel; es läßt den Verstand zu sehr herrschen, wo die unschuldige Lust walten dürfte. Allein, die llns diesen Gemütszustand schlechthin vorwarfen, begehen insofern einen kulturhistorischen Fehler, als sie diese teilweise Erscheinung nicht aus der Geschichte des Jlldentums, sondern aus einer angeblichen Stammeseigenheit lind aus unserer Religion erklären. Wer einigermaßen mit der jüdischen Geschichte vertraut ist, weiß es, warum die Juden so wurden, wie sie sind. Wer immerwährend berechnen mußte, nicht nur die geringsten Allsgaben seiner Notdurft, sondern auch Fürstengunst und Pöbelgunst, weil von ihrer Laune lind Willkür die Sicherheit seines Vermögens, seiner Ehre, seiner Heiligtümer und seines Lebens abhing und leider wir sehen es besonders an Rußland noch abhängt, dem mußte am Ende der Rechengeist einwurzeln. Israels Erlebnisse konnten gar nicht anders, als das Judentum zl! dem verstandesnüchternen Volke machen, das es ist. - Was aber die Geschichte aus uns gemacht hat, das kam von außen, nicht aus dem innersten Geiste Israels. Nicht der mit dem kalten Verstände berechnende Jude, sondern der wie ein Fürst bei den Seinen, das Haus zum Gottestempel weihende, das Wissen der Zeit wie ein Philosoph umfassende, das Herz der Menschheit in seiner Brust tragende Jude das war der erste Jsraelssohn des Mittelalters, das ist der wahre Kern seiner Natur. Folgt doch diesem kalten Verstandesjuden in seine Hällslichkeit, beobachtet ihn in seiner Sorge für Weib und Kind, belauscht ihn, wenn die Hilferufe leidender Unschuld an sein Ohr schlagen, prüfet ihn, wenn er für Menschenrecht und Wahrheit das rechte Wort reden, die rettende Tat üben soll und ihr findet den edleren, himmelwärts strebenden Geist, die bessere Natur, die Oberhand gewinnen. Die Mache. Berlin, den 18. September 1914. Von dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" geht uns folgendes zur Veröffentlichung zu: Politische Brunnenvergistung. Die nach dem erhebenden Wort des Kaisers, daß er keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche kenne, von den politischen Parteien stillschweigend getroffene Vereinbarung, während der Dauer des Krieges die innerpolitische Streitart zu begraben, ist erfreulicherweise mit nur ganz wenigen Ausnahmen von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken innegehalten worden. In den wenigen Fällen, wo konfessionelle oder parteipolitische Verbissenheit trotzdem einmal über die Stränge schlug, hat die militärische Zensur, das Oberkommando, mit anerkennenswerter Unparteilichkeit eingegrifsen und den parteipolitischen Streit iw Keime erstickt. Eine unrühmliche Ausnahme mache nur eine gewisse a n t i s e m i t i s ch e H e tz p r e s s e, die die Schürung des konfessionellen und Rassenhasses gewerbsmäßig betreibt. Es sind dies insbesondere die „D e u t s ch s o z i a l e n B l ä t t e r ", das Organ der deutsch-völkischen Partei, der „Hammer" in Leipzig, das Organ des durch seine hetzerischen Flugblätter sattsam bekannten Reichshammerbundes, und das Organ des in Berlin domizilierenden Verbandes gegen Ueberhebung des Judentums „Aus Vorposten". Die „Deutschsozialen Blätter" kündigen sogar in ihrer letzten Nummer vom 9. dieses Monats an, daß sie demnächst eine Generalabrechnung mit den „jüdischen und judenfreundlichen" Zeitschriften halten werden. Der „Hammer", dessen letzte Nummer vom 1. dieses. Monats von der ersten bis zur letzten Zeile sich in gehässigen Angriffen gegen die Juden ergeht unb die albernsten Märchen über sie auftischt, treibt die Schamlosigkeit so weit, sein weiteres Erscheinen während des Krieges damit zu begründen, daß er darüber wachen müsse, daß nicht die „in einem Freudenrausch schwer erkämpften Güter einem heimlichen Räuber zum Opfer fallen, wie es nach 1870/71 geschah." Damals seien die 5 Milliarden Kriegsentschädigung „durch schwindelhafte Börsenmanöver fast restlos in jüdische Taschen" gewandert. „Auf Vorposten" besitzt sogar die Dreistigkeit, mitzuteilen, daß das Blatt als Feldpostbrief an alle Mitglieder, die zu den Fahnen gerufen sind, versandt werde. Also selbst in Feindesland, unter dem Donner der feindlichen Kanonen, soll noch zwischen Christen und Juden, die nur ein Gedanke, die Errettung des Vaterlandes aus der Umklammerung der feindlichen Mächte, beseelt, und die, brüderlich vereint, mit Heldenmut irr den Kampf ziehen, die giftige Saat des Glaubens- und Rassenhasses ausgestreut werden. Man darf wohl annehmen, daß diesen gewissenlosen Friedensstörern das Handwerk sehr bald gelegt werden wird. & Eine Anregung, die wir vor einiger Zeit gegeben haben, wird nun auch, wie wir den „Basler Nachrichten" entnehmen: für die Schweiz empfohlen. Es heißt daselbst: An die Juden in der Schwei z. Eine Anregung zugunsten des schweizerischen, deutschen, französischen und österreichischen Roten Kreuzes. Die unuuentau kritische Luge unserer Brüder in den verschiedenen kriegführenden Staaten veranlaßt mich zu nachfolgender Anregung- An Stelle der schriftlichen Glückwünsche anläßlich des jüdischen Neujahrs- und Versöhnungstages (21. und 30. September) leiste jeder Jude zu Händen seines Kultusvorstandes einen Enthebungsbeitrag von mindestens 2 Franken. Wenn wir in der Schweiz die Zahl der ansässigen Juden, laut Mitteilung au§ dem statistischen Amte, mit 19 023 Personen annehmen, so entspreche dieser Sammlung der ansehnliche Betrag von 38 046 Franken. Diese Enthebungsbeiträge sollen dann, entsprechend der konglomeraten Zusammen-

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