Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1914)
- Date
- 1914-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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7$. Jahrgang Nr. 39 ^SifY A Berlin, 25. September 1914 eitung desAudentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint w6chentUch. A bonnements-preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljähr!ich 2 IIT. — Postscheckkonto 324;. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des . Geheimen Regiernngs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und L^pedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8>V, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Zum Versöhnunghseste. Von Tr. V. Seligkvlvitz. — Die Wo che — Das rechte Wolsttuir. Von Ludwig Geiger. — Geh. Justizrat Friednianu in Glvgau. (2lbbUdunss) —Aus denKriegserinnerungen eines NNlitärarztes im Jahre 1870. Von Geheimrat Dr.A. Waldent' e rg. — Feu i lleton: Ein neues Jahr — ein neues Leben. Eine Neujahrsgeschichte von Negina 4teiher. — Jaum Kippur. Von Sophie Jacobsohn. — Ein Lries der Dorothea geb. Mendelssohn an ihren Gatten Simon Veit. Von I.. 0. — Literarische Mitteilungen. Der Ccmeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Cottbus, Danzig, Posen, Lissa, Hohensalza, Neiße, Kolberg, Bremen, Kiel, Köln, Augsburg, Nürnberg, Wiesbaden, Wien. — Von 9tah und Fern Lum Verlöhnungsfklte. Voil Tr. B. Seligkowitz. s haben Denker versucht, sämtliche Pflichten der Menschen auf einen allgemeinen Satz zurückzusühren. Einer sagte,- die oberste Pflicht, die alle übrigen einschließe, sei die, durchweg bei der Wahrheit zu bleiben. Und es ist etwas an diesem Ausspruch; denn es gibt kaum eine Sünde, die nicht mittelbar eine Unwahrheit einschlösse. Andere meinten, Gott ähnlich zu werden, sei die allumfassende Pflicht. Und wer möchte leugnen, daß auch darin etwas Richtiges ist, sobald nur erst festgestellt ist, welche Eigenschaften Gottes wir uns aneignen sollen. Denn, es könnte sonst jemandem einsallen, statt Gottes Güte nachzuahmen, lieber nach seinem Richteramt zu streben oder seine Schrankenlosigkeit sich zum Muster zu nehmen. Andere haben noch anderes hierfür aufgestellt. Wir Israeliten brauchen diese Grübeleien der Weisen nicht. Uns ist als großer Grundsatz der Thora aufgestellt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst", oder wie Hillel dafür gesagt hat: „Was dir unangenehm ist, tue auch keinem andern!" — mit dem herrlichen Zusatz: das sei die ganze Thora, alles übrige die Erklärung. Diese Lehre hatte Hillel einem Heiden zur Antwort gegeben, der das Judentum in der kürzesten Zeit, oder solange er auf einem Fuß stehe, kennen lernen wollte. Das Verlangen des Heiden war unverständig, ungebührlich und keck. Schon das von ihm gewählte Bild für die Kürze der Zeit verletzt durch seine Frivolität. Lächelnd antwortete ihm Hillel: „Was dir unlieb ist, das tue auch deinem Nebenmenschen nicht." Die Antwort ist gewiß sehr kurz, enthält aber nicht bloß das vorzüglichste Moment, sondern auch den schwierigsten Teil des Judentums. Denn leichter ist es, Speisegesetze und Sabbatgesetze zu beobachten, als alles zu unterlassen in Worten und Handlungen, was den Nebenmenschen kränken oder ihm Schaden zufügen könnte. Ehristliche Theologen machen eine verlegene Miene, wenn sie auf Hillel zu sprechen kommen. Sie wollen es nicht zugeben, daß zur Zeit, als der Stifter der christlichen Kirche noch ein Kind war, Hillel bereits die wichtigsten Lehren der christlichen Religion vorgetragen hatte, und daß dieser im Geist des jüdischen Meisters sein Lehramt ausübte. Das Verlangen der Vertreter des Judentums ist ein sehr bescheidenes, daß man ihnen nicht eine Lehre aus den Evangelien vortrage, mit der ihre Väter längst vertraut waren. Im übrigen ist es doch nur ein echter Streit von Theologen, die Frage aufzuwerfen, ob dem Judentum oder dem Christentum die Priorität in dieser Beziehung zukomme. Nicht das ist die Hauptsache, wer zuerst gelehrt hat, daß das Gebot der Nächstenliebe das Hauptgebot der Religion sei, sondern wer sich bemüht hat, es praktisch zu Gefolgen und seinen Gehorsam durch Taten zu beweisen. Die Bekenner der Gotteslehre hätten gar nichts dagegen, daß das Christentum auf dem Lebensmeer unter der Flagge dieses obersten Gebotes segle. Jeder Jude müßte sich im Gegenteil darüber freuen, daß seine wichtigste Lehre auch zum Stützpunkt der Tochterreligion geworden. Ja, kein Israelit würde das Prioritätsrecht geltend machen, wenn er sehen würde, daß die ganze Menschheit diese hochheilige Nächstenliebe nicht nur der Welt verkünden, sondern auch zu jeder Zeit und gegen alle Menschenkinder durch ihr Handeln betätigen wollte! Wie dankbar würde das Judentum der Tochtcrreligion sein, wenn die neue Lehre als treue Mitarbeiterin auf dem Feld der Nächstenliebe, Schulter an Schulter mit der alten Lehre, die Unduldsamkeit und den Haß bekämpfen und der Nächstenliebe immer weitere Gebiete erschließen wollte! Vergleicht man jedoch das ethische Handeln der Juden mit dem von Millionen Christen, so. findet mün. daß jene im Punkt der Nächstenliebe keine Rassen- und Religivnsunterschiede kennen, daß sic fördern helfen, unterstützen, aufrichtige Teilnahme zuwenden, Trost spenden und mit Freude betätigen, wo es ihnen möglich ist, ohne um Geburtsscheine und Taufzeugnisse sich zu kümmern, während leider so viele, die sich Christen nennen, das Gebot der Nächstenliebe nicht hören, sobald es sich um einen Juden handelt! Und wird man uns nicht zugeben müssen, daß wir. mit unserer Lehre von der Versöhnung des Menschen allein stehen, das; sie unser Eigentum und zugleich das charakteristische Merkmal des Judentums ist? Nicht ein Ruf an Israel allein, sondern ein Ruf an die Menschheit ist dieser Tag der Versöhnung. Wen das Gewissen anklagt, vom Weg des Rechts und der Tugend abgewichen zu sein, wer Weh getan und Weh gelitten, sie alle sind gerufen, um Versöhnung zu erlangen und Versöhnung zu gewähren. Der Versöhnungstag, der alles Nationale abstreift und nur das rein sittliche Moment hervortreten läßt hat durch seine strenge Feier und die unnennbar tiefe, heilige Scheu, die ihn umgibt, mehr als alle schönen Worte und Lehren über Feindesliebe und ähnliches die Herzen versöhnlich gestimmt. Und es ist wahrhaft rühmenswert und ein Zeugnis