Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 18. September 1914 78. Jahrgang Nr. 38 Der Gemeindevote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums". kl>rrrlponvrn?en und Nachrichten. SeutschlsnÄ. 2X2 Berlin, 15. September. Bei Ausbruch des Krieges hat der Deutsch-Israelitische Gemeindebund den jüdischen Gemeinden ■ ein „Gebet sür den Landesherrn und sür das Kriegsheer" Zur Verfügung gestellt. Es beruht auf dem Text der in den Synagogen zu Berlin beim Sabbatgottesdienst üblichen Fürbitte sür Kaiser und Vaterland, enthält aber an geeigneter Stelle folgenden Zusatz: „Deine Gnade, o Ewiger, sei mit unserem Heere, das, dem Rufe unseres Kaisers mit Begeisterung und Heldenmut folgend, hinausgezogen ist in den uns frevelhaft aufgezwungenen Kamps. Denn es ist ein Kampf der Gesittung gegen die Verächter Deiner heiligsten Gebote von stecht und Menschenliebe, ein Kamps der Gerechtigkeit gegen rohe Gewalt. Schütze unsere treuen Kämpfer sür die Ehre des Vaterlandes, führe sie Zu schnellen Siegen und wende das Herz unserer Feinde, daß die Waffen wieder ruhen und alle Menschen friedlichen Werken uachgehen!" Wie nur erfahren, wird das Gebet in sehr zahlreichen Gemeinden vorgetragen. 2X2 Berlin, 15. September. Ter Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat sich am 21. August an das Kriegsministerium mit der Bitte gewandt, dahin Zu wirken, daß jüdische Soldaten, die in deutschen Lazaretten ihren Wunden erliegen, auf einem jüdischen Friedhof ihre letzte Ruhestätte finden können, und darauf hingewiesen, daß er sich in gleichem Sinne an die jüdischen Gemeinden gewandt habe. Unterm 9. September hat das Kriegsministerium den. Bescheid erteilt, daß die Möglichkeit der Beerdigung von Heeresangehörigen jüdischen Glaubens auf jüdischen Kirchhöfen sür die im Heimatsgebiet Verstorbenen insofern gegeben ist, als die Verwaltung der Reservelazarette nach den Bestimmungen der Friedenssanitätso-rdnung zu erfolgen hat. Diese schreibt im 8 137,6 vor, daß die Beerdigung verstorbener Soldaten jüdischen Glaubens ebenso stattfindet, wie die der anderen Militärleichen, auf Wunsch aber auf jüdischen Begräbnisplätzen erfolgen kann. In solchem Falle wird die Leiche bis zu dem bezetchneten Platz gebracht und dort der jüdischen Gemeinde übergeben. Auf das Rundschreiben an die Gemeinden sind bereits verschiedene interessante Fälle gemeldet worden, in denen Gelegenheit geboten wurde, für unsere verwundeten und Heimgegangenen Brüder die letzte Fürsorge zu üben. <£2 Berlin, 15. September. Im Aufträge Ihrer M a j e st ä t der Kaiserin statteten die Hofdamen Gräfinnen v. Brockdorfs und v. Gersdorf am vorigen Dienstag den im „Israelitischen K r a n k e n h e i m", Elsässer Straße 85, untergebrachten Verwundeten einen Besuch ab. Unter Führung des Chefarztes, Herrn Sanitätsrat Tr. Adler, erkundigten sie sich teilnehmend bei den einzelnen Patienten nach ihren: Befinden und überreichten Geschenke und Blumen im Aufträge der Kaiserin. Der Besuch dauerte anderthalb Stunden, und die Damen sprachen sich mit größter Anerkennung über die zweckmäßige nwderne Anstalt aus, welche sie in allen Teilen eingehend besichtigten. R. W. Berlin, 15. September. Am Sonntag, den 20. d. M., begeht der in weiten. Kreisen Berlins bekannte und hochgeschätzte Direktor S. I. Leszynsky seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, der sich einer seltenen Frische und Rüstigkeit erfreut, ist feit vielen Dezennien in hervorragender Weise für die Interessen des Judentums tätig. So manche Institution innerhalb unserer Gemeinde ist durch seine Anregung, .entstanden und erfreut sich seiner Förderung. Er gehört unter anderem dem Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes an, zu dessen treuesten und bewährtesten Mitgliedern er zählt; ihm ist auch die Begründung der segensreich wirkenden F r i e d r i ch - W i l h e l m - Victoria- Stiftung zugunsten der jüdischen Kultusbeamten Deutschlands zu danken. Herr Leszynsky ist seit einer Reihe von Jahren Vorsitzender der B e t h - H a m i d r a s ch - G e s e l l s ch a f k zu Berlin, gehört als tätiges Mitglied zahlreichen religiösen und sozialen Vereinen an und nimmt auch, an allen sonstige:: Bestrebungen zur Hebung des Judentums regen Anteil. Möge es den: Jubilar vergönnt sein, noch viele Jahre in ungeschwächter Kraft und Frische im Dienste des Judentums und der Allgemeinheit zu wirken, zur Freude seiner Familie und nach dem Wunsche aller, die seine segensreiche Tätigkeit kennen und schätzen. 2X2 Berlin, 15. September. Eine V o lk s s p ei s e h a l l e ist am 6. d. M. in der Grenadierstraße 37 eröffnet worden, hauptsächlich sür die bedürftige jüdische Bevölkerung, die auf rituelle Kost reflektiert. Ihnen wird Gelegenheit geboten, sür wenig Geld (10 bis 40 Pfennig) ein gutes, kräftiges Mittagbrot zu bekommen (Suppe, Gemüse, Fleisch, Kartoffeln, Brot). Die Halle steht unter der Leitung des hiesigen Vereins „Hachnassath Orchim" (Dr. Meier Hildesheimer) und der „Frauengruppe der Fr. Vgg." (Frau B. Galewski), von demn ihti' große Anzahl von Damen und Herren in aufopfernder Weise sich in den Dienst dieser Einrichtung gestellt und auch die erforderlichen Mittel gespendet haben. 2X2 Berlin, 15. September. Wir erhalten mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehenden Aufruf: Soziale Hilfe ist jetzt die Pflicht aller derjenigen, die nicht mit der Waffe in der Hand den: Vaterlande dienen können. In allen Schichten der Bevölkerung hat man sich zusammengeschlossen, um durch gemeinsame Hilfe die allgemeine Not Zu lindern. Zahllose Familien sind durch den Krieg iit ihrer wirtschaftlichen Existenz vernichtet oder doch schwer betroffen worden. Viele Tausende von Flüchtlingen weilen in Deutschland und wissen nicht, wie sie ihr Leben fristen sollen. Besonders groß ist die Zahl der Juden, die während des Krieges in furchtbare Not geraten sind. Unsere Organisationen haben sofort bei Beginn des Krieges Hilfsaktionen eingeleitet und Aufrufe zur Linderung der Not erlassen. Das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds in Köln hat eine planmäßige Aktion für die Sammlung von Spenden für verwundete Krieger und für durch den Krieg in Not geratenen Familien eingeleitet. Als bestes Sammelmittel hierfür hat sich die diesem Zweck dienende „H i l s s m a r k e des Jüdischen N a t i v n a l f o n d 8" bewährt. Dieses wirksame Propagandamittel muß in Zukunft mit besonderem Eifer in allen uns nahestehenden Kreisen verwendet werden. Auch die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat es unternommen, sich insbesondere der notleidenden Ir:den anzunehmen, die fern von ihrer Heimat und ihrer Familie in Deutschland vom Kriege überrascht worden, sind. Zu diesem Zweck ist eine Sammlung eiugeleitet worden, deren bisherige Ergebnisse bereits viele Familien vorder größten Notlage bewahrt haben. Mit beiden Aktionen stehen wir jedoch erst im Beginn unserer Arbeit. Das Elend lvird immer größer. Unsere Anstrengungen müssen verdoppelt werden, «um den Anforderungen, die man an uns stellt, gerecht werden zu können, llm die Sammeltätigkeit noch planmäßiger und wirksamer zu gestalten, haben nur beschlossen, beide Aktionen zu vereinigen. Für die Sammlung größerer Spenden haben loir außer der Hilfsmarke Quittungsbücher herausgegeben, die der: Vertrauensleuten und Sammlern in beliebiger Anzahl zur Verfügung stehen. Wir sind überzeugt, daß die bekannte Opserlvilligkeit der deutschen Juden auch bei diesem überaus wichtigen Hilfswerk nicht versagen wird und unsere Freunde sich ihn: mit gewohnter Hingebung und Umsicht widmen werden. Spenden sind au Herrn Max Wottsteiner, Chartottenburg, Roscherstraße 5, Postscheckkonto Berlin 3847, zu senden. Jüdischer Nationalsi'nds. Zentrale sür Deutschland: Justizrat Dr. Bodenheimer, Max 'W o l l st e i n e r. Zionistische Vereinigung für Deutschland: Tr. Arthur Hantke. Hilfskomitee: Frau Dr. Zlocisti. B. T. Berlin, 15. September. Am 12. d. M. ist der Begründer der 1 Berlinischen Bodengesellschaft, Kommerzienrat S. Haberland, im Alter von 78 Jahren gestorben. Der Name Haberlands ist mit der Entwicklung Berlins in den letzten Jahrzehnten eng verknüpft. Haberland stammte aus einfachen Verhältnissen und hat sich von den kleinsten Anfängen emporgearbeitet. Als er vor etwa fünfzig Jahren nach Berlin kam, errichtete er hier eine Schal- und Tücherfabrik, widmete sich dann aber bald Bodengeschäften. Er war Auffichtsrat in verschiedenen Gesellschaften, so in der Sächsischen Bodenkreditgesellschaft in Dresden. Die Beisetzung findet heute (Dienstag) vormittags auf dem Friedhof Schönhauser Allee 23/25 statt. Der