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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-18 · Heft 38 (18.9.1914) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 38 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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455 Am nächsten Lage begegnet er der Schwester im Korridor. „Liebe Schwester," sagt er mit einer Schüchternheit, die säst etwas Rührendes Hat, „sehen Sie, es gibt doch noch jemanden, der an Ihre Kranke denkt; stellen Sie ihr, bitte, diese Rosen ans Bett, als Gruß der wioderkehrenden Gesundheit." Noch ehe sie danken kann, war er in seinem Zimmer verschwunden; wie die meisten Männer schämte er sich der weichen Regung. Was war es denn anderes als Mitleid, das ihn bewog, die Einsame durch ein paar Blumen zu erfreuen? Ein Almosen, einer Armen gespendet! Wie wenig ahnte er, daß Frau Waldenburg, sobald sie allein war, die Rosen an ihre Lippen drückte, und mit zitternder Stimme murmelte: „Ein Almosen für eine arme fremde Kranke — aber doch von ihm . . ." Professor Rosendorf griff zu seiner geliebten Geige — die wonnige Spätsommerluft da draußen, die durch das weitgeöffnete Fenster strömte, macht ihm das Herz so leicht — so schwer. Und wie er spielt, steht die Vergangenheit vor ihm auf, Bild um Bild. Er sieht sich wieder — den blutarmen, langaufgeschossenen Gymnasiasten, den Sohn der Witwe des kleinen Kultusbcamten, dem die Gunst eines Freitisches in dem Hause des reichen Bankiers Ehrenfeld, dessen Knaben er unterrichtet, zuteil geworden. Ihm gegenüber sitzt das kleine, goldblonde Töchterchen und bringt ihm durch ihre drolligen Fragen und altklugen Bemerkungen halb zur Verzweiflung — diesen gelehrtesten und fleißigsten aller „Pennäler", von dem die Sage geht, daß er selbst während der Nacht von griechischen Verben und lateinischen Exerzitien zu träumen pflegt. Wenn der Winter kam und die frohe Jugend sich draußen rtuf dem Eise tummelte, durfte Paul Rosendorf das kleine Fräulein manchmal im Schlitten fahren. Zusammengeduckt >vie ein Vögelchen saß sie dann da in ihrem kostbaren dunklen Pelzwerk, von dem sich das feine Köpfchen so licht abhob. Zuweilen fielen die blonden Zöpfe weich und schwer über seine Hände, daß es ihn seltsam durchzuckte. Stahl sich schon damals die Liebe zu dem kleinen Mädchen in fein Herz? Dann war er fortgezogen aus die Universität, und lange, lange Zeit hatten sie beide sich nicht gesehen, nichts voneinander gehört. Jahre später endlich, als er schon eine Hilfslehrerstelle am Ghmnasium seiner Vaterstadt bekleidete, war er in der Familie seines Direktors der alten Jugendbekannten vvrgestellt worden. Wie gut er sich jenes Abends entsinnt — wie deutlich das Bild der schönen Hilde Ehrenfeld noch vor ihm steht! In ihrem zartblauen Kleide, einen Zweig blaßrosa Rosenknvspen im goldschimmernden Haar, stand das junge Mädchen am Flügel und sang, während der Hausherr sie begleitete, das altbekannte Lied: „Lang, lang ist's her . . ." Wie oft hatte sic dann später jenes Lied gesungen, für ihn gesungen — und seine Violine, eben jene uralte Amati, die in seiner ehemals begüterten, später verarmten Familie wie ein kostbares Heiligtum gehalten, die von Geschlecht zu Geschlecht sich schon fvrtgeerbt hatte — fang die Begleitung dazu. Es war schwer zu sagen, ob die junge Menschenstimme oder die alte, unscheinbare Geige mehr Kraft und Weichheit und Süßigkeit des Tones besäße. So wie sie stimmten wohl selten Natur und Kunst, eine Menschenstimme und ein Instrument zusammen! Wie diese herrliche, glockenklare Stimme auf den weichen Tonwellen zu schweben schien, wie sie von ihnen umschmeichelt ward, gleichsam darin untersank, um sich dann, von ihnen getragen, zu einer jubelnden Höhe, zu einer Fülle und Klarheit zu erheben, daß selbst solche, die weder Freunde noch Kenner der Musik waren, sich tief ergriffen fühlten. (Schluß folgt.) Lekrkrüchtr. Geschichtliche Miszellen. In dein weitverbreiteten „Lehrbuch der Geschichte für höhere Lehranstalten", von Dr. Friedrich Neubauer, Direktor des Lesfintz-Gymnasiums zu Frankfurt cl M., Teil IV., (Unterprima), Halle 1911, Seite 109, gibt der Verfasser als Ursache der zur Zeit des Schwarzen Todes ausgebrochenen Judenverfolgung an: „Die Erbitterung der notleidenden Bevölkerungsklassen gegen die Juden, die sich durch Leihgeschäste zum Teil bedeutenden Reichtum erworben hatten." Eine objektive Geschichtsschreibung erfordert die Hervorhebung, daß das Erwerbsleben der Inden in damaliger Zeit großen Beschränkungen unterlag und die sogenannte wucherische Ausbeutung von der Obrigkeit als gesetzlich Zulässig anerkannt wurde. Weiter müßte als Ursache der Judenverfolgung der religiöse Fanatismus angegeben werden. Es ist das unbedingt erforderlich, zn erwähnen, wenn nicht systematisch der Judenhaß gezüchtet werden soll. Der Direktor eines den Manen Lessings geweihten Gymnasiums wird doch sicherlich nicht solche Absichten hegen. — Zu der Festschrift, die Direktor und Mitglieder des Kollegiums dem König-Wilhelms-Gymnasium anläßlich der Feier seines 25jährigen Bestehens (Ostern 1911) dargebracht haben, hat Oberlehrer Forchhammer eine Arbeit beigesteuert, betitelt: „Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden des Mittelalters mit besonderer Beziehung aus Magdeburg tmb die benachbarte Gegend." Der Verfasser bemüht sich offensichtlich, sachlich zu berichten, doch kann auch -er nicht aus seiner Haut heraus, um das banale Wo et zu gebrauchen. Wenn er Seite 177 zugibt, daß die Geschichte dieser (Juden-)Verfolgungen ein düsteres Blatt in der Geschichte des deutschen Volkes ist. so meint er schließlich, das dürfe man aber trotzdem „nicht zu hart anklagen oder gar verurteilen". Mit dieser Auffassung dokumentiert der Verfasser, daß er die geschichtlichen Verhältnisse nicht objektiv zu würdigen versteht. Er weist auf den Wucher hin und zitiert hierüber Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen". Die zwiespältige Stellung Luthers zu den Juden wird der Verfasser doch wohl keimen. Auch ist der Vorwurf (S. 171) unbegründet, daß die Juden in Deutschland bis zur Zeit der ersten Verfolgungen doch Gelegenheit zu anderer Beschäftigung hätten finden können. So wären sie niemals im Mittelalter Bauern geworden. Die gegenteilige Auffassung von Caro und Berliner hält er für zu weit gehend. Wir beanspruchen keinen Philosemitismus, nur etwas mehr Gerechtigkeit. M. Sj>. Sprechlaal. Gern veröffentlichen wir folgenden Aufrust Zeichnet die Kriegsanleihen! Wir stehen allein gegen eine Welt in Waffen. Vom neu traten Allsland ist nennenswerte finanzielle Hilfe nicht 31t erwarten, auch für die Geldbeschaffung sind wir auf die eigene Kraft angewiesen. Diese Kraft ist vorhanden und wird sich betätigen, wie draußen vor dem Feillde, so in den Grenzen des deutschen Vaterlandes, jetzt, wo es gilt, ihm die Mittel zu schassen, deren es für den Kampf um seine Existenz und seine Weltgeltung bedarf. Tie Siege, die unser herrliches Heer schon jetzt in West und Ost errungen, berechtigen zu der Hoffnung, daß auch diesmal wie einst nach 1870/71 die Kosten und Lasten des Krieges schließlich auf diejenigen fallen werden, die des Deutschen Reiches Frieden gestört haben. Vorerst aber müssen wir uns selbst helfen. Großes steht auf dem Spiele. Noch erwartet der Feind von unserer vermeintlichen finanziellen Schwäche sein Heil. Der Erfolg der Anleihe muß diese Hoffnung zerstören. Deutsche Kapitalisten! Zeigt, daß Ihr vom gleichen Geiste beseelt seid wie unsere Helden, die in der Schlacht ihr Herzblut verspritzen! Deutsche Sparer! Zeigt, daß Ihrnicht nur für Euch, sondern auch für das Vaterland gespart habt! Deutsche Korporationen, Anstalten, Sparkassen, Institute, Gesellschaften, die Ihr unter dem mächtigen Schutze des Reichs erblüht und gewachsen seid, erstattet dem Reiche Euren Dank in dieser schicksalsschweren Stunde! Deutsche Banken und Bankiers! Zeigt, was Eure

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