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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-18 · Heft 38 (18.9.1914) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 38 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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oder Schreiben darf er nicht — selbst die unentbehrliche Zigarre ist ihm streng verboten. Was soll er denn nun machen? Die monotone Stimme seines Vorlesers, die ihm ans die Nerven fällt, noch öfter als bisher ertragen? Oder ein dutzendmal täglich, anstatt drei- bis viermal wie bisher, durch die dämmernden Krankenhausgänge wandern, um seine Ungeduld müde zu laufen? Er möchte der Fremden bitterlich zürnen, die in sein Stillleben störend eingedrungen, ihm seine einzige Freude geraubt hat — und dennoch! Wenn er an das fieberheiße Gesicht mit den geschlossenen Augen, an das halb aufgelöste. Prachtvolle Blondhaar denkt — so flüchtig und undeutlich wie das dämmerige Licht und seine blaue Brille es ihm zu sehen erlaubten — so kommt ein träumerisches Gedenken über ihn, und wieder und wieder, gleichsam als Ausdruck dieser weichen Stimmung, liegt ihm die Melodie des „Lang, lang ist's her" im Ohr. Ob er will oder nicht, jeden Morgen muß er fragen: „Was macht Ihre Kranke, Schwester Else?" Die unbekannte Nachbarin auf Nummer Neun begann eine große Rolle in seinem täglichen Einerlei zu spielen. Er hörte den beängstigenden Husten, er las die Sorge in Schwester Elsens freundlichen Zügen. Er ahnte und fühlte, daß da neben ihm der schwere Kampf um ein junges Leben gekämpft wurde — und erleichtert atmete er auf, als es nach bangen Tagen und Nächten endlich hieß: „Sie hat den neunten Dag überstanden — will's Gott, kommt sie durch!" Von nun an schien es mit der Besserung langsam vorwärtszugehen, und eines Abends kam Schwester Else und bat: „Spielen Sie bitte, einmal wieder, Herr Professor, die Kranke hat es selbst gewünscht." „Sie haben wohl geplaudert, Schwesterchen?" fragte er und drohte neckend mit dem Finger. Die kleine Schwester errötete. Die Kranken wollen unterhalten fein, und wovon soll man ihnen reden, wenn nicht von den harmlosen Dingen, die sich in den vier Wänden des Krankenhauses abspielen? Professor Rosendorf nahm gehorsam seine Geige und spielte, was ihm gerade in den Sinn kam — und, wie es so geht, er verlor sich in seinen musikalischen Träumereien, daß er bald an nichts anderes mehr dachte, und sein Leiden, das Krankenhaus und die unbekannte Nachbarin völlig vergaß. Schwester Else hatte vorsorglich die Fenster geöffnet, und aus den Flügeln der weichen Abendluft zogen die Töne hinüber. Nebenan lauschte die kranke Frau, in ihre Kissen zurückgelehnt, mit jener süßen Müdigkeit, die den von schwerer Krankheit Genesenden überkommt, wenn alles Denken und Wollen gleichsam noch schlummert und der Mensch nichts anderes tut, als das neuerwachende, ncugeschenkte Leben unbewußt auszukosten. Doch mitten in diesem träumerischen Hindäwmern kommt ein aufmerksamer Blick in die großen blauen Augen. Der blonde Kopf hebt sich lauschend empor, und endlich fliegt ein schwaches seliges Lächeln über das blasse Antlitz, leise flüstern die Lippen die Worte jenes alten Liedes vor sich hin: „Sing' mir das Lied, dem so oft ich Hab' gelauscht —" Sie regt sich nicht, sie atmet kaum - bis drüben der letzte Ton verhallt ist. Dann wendet sie den Kopf zu der Schwester, die ordnend im Zimmer hin und her geht. „Wie heißt denn mein Nachbar auf Nummer Acht, Schwester Else?" fragt sie, mühsam ihre Stimme beherrschend. „Professor Roseudorf. — Spielt er nicht herrlich, gnädige Frau?" erwidert die gute Schwester begeistert. „Rosendorf? — Paul Rosendorf?" „Ja, ich glaube wohl." „Ah!" - ein tiefer Seufzer — und mit Erstaunen sieht Schwester Else, daß ihre Kranke sich hastig nach der Wand wendet, den Kopf fest in die Kissen gedrückt, als wolle sie schlafen. „Die Medizin, gnädige Frau!" mahnt sie pflichteifrig. Keine Antwort, keine Bewegung — und als sie mit dem Glase in der Hand näher tritt, sieht sie die blasse, eingefallene Wange tränenüberströmt. Sie sagt nichts, sondern erfüllt schweigend ihre Pflicht, dann aber, zartfühlend wie diese einfache Krankenschwester ist, verläßt sie geräuschlos das Zimmer. Wieder und wieder kommt Schwester Else zu ihrem angenkranken Patienten und bittet: „Spielen Sie, Herr Professor, damit meine Kranke bald gesund wird," und ihm selber unbewußt steigert sich sein Interesse für die unbekannte musikliebende Nachbarin. Längst ist die Krisis überstanden, Schmerzen und Fieber- Haben nachgelassen, dennoch kann Frau Waldenburg sich nicht so erholen, wie der Arzt es wünscht, wie die aufopfernde und nimmermüde Pflege der Schwestern es verdiente. „Ich begreife das gar nicht!" sagt kopfschüttelnd der alte Arzt. — Sie müssen sie zum Essen zwingen, Schwester!" Er verordnet Wein und stärkende Medizin und geht weiter. Doch Schwester Else mit ihrem weiblichen Scharfblick, mit der treusorgenden, fast mütterlichen Liebe, die sie ihren Kranken widmet, hat die wahre Ursache dieser müden, freudlosen Gleichgültigkeit längst erkannt. Hat sie doch in ihrem erfahrungsreichen Beruf schon zu oft erlebt, daß es alleinstehenden Menschen nie drückender zum Bewußtsein kommt, wie verlassen sie sind, als in der Zeit der ersten Genesung, wo der Körper so hinfällig und das Herz so weich gestimmt ist, so bedürftig jener zahllosen, kleinen Liebesbeweise, wie sie die Freude und Liebe der Angehörigen über einen Genesenden auszuschütten pflegt. „Die arme Dame," bemerkte die kleine Schwester mitleidig, während sie ihrem Patienten die schmerzhafte Augeneinspritzung machte, „wenn sie nur nicht gar so allein und verlassen wäre! Alle anderen Kranken haben Freunde und Angehörige, die sie besuchen, zu ihr kommt niemand; es tut mir gar zu leid um sie!" „Aber wo steckt denn eigentlich ihr Mann, Schwester Else?" rief Professor Rosendorf ungeduldig, zum erstenmal näher auf die Verhältnisse der Fremden eingehend. „Der ist seit Jahren tot; sie ist allein und kinderlos," erwidert die gute Schwester, froh daß es doch noch jemanden gab, der sich für ihre Schutzbefohlene interessiert. „So — sie ist Witwe?" fragt er überrascht. „Hat sic auch keine Verwandte hier?" „Nein, niemanden. In der ganzen großen Stadt gibt's nicht eine Seele, die sich um sie bekümmert." „Woher ist die Dame eigentlich?" forscht er weiter, mehr aus Teilnahme für die Kranke als aus persönlichem Interesse. „Sie lebt in Berlin, mußte einer Erbschaft wegen nach Rußland fahren. Auf der Rückreise erkrankte sie und schleppte sich gerade noch mühsam bis hierher. So kam sie zu uns," schloß Schwester Else ihren Bericht. Nach einer Weile ihrem -eigenen Gedankengange folgend, fügt sie hinzu: „Sie muß übrigens viel Schweres erlebt haben, die arme Frau!" „Ja, ja," nickt der Professor gedankenvoll, „es kommen wohl allerlei Patienten hierher ins Krankenhaus, und manch einem mag schon etwas in die Brüche gegangen sein, was kein Arzt und keine gute Schwester mehr heilen kann." Und mit der treuherzigen Offenheit, die den Verschlossenen der einfachen Krankenschwester gegenüber zuweilen anwandelt, bekannte er: „Ich könnte auch ein Liedchen davon singen, Schwester; ich habe gerade die Tage so viel daran denken müssen, — aber das sind tempi passati — lang, lang ist's her."

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