Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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453 ruhe I geworden war. Dort fesselten seine gewählte und doch stets klar verständliche Sprache, seine maßvolle, oft witzige Kritik immer das Ohr des Bürgerausschusses, in den Rondells der badischen und der deutschen- Hauptstadt dagegen schwang sich der jugendlich-feurige Redner rasch zu einer führenden Stellung empor und errang fast durchweg auch im gegnerischen Lager großes Ansehen, vielfach sogar lebhafte Sympathien. Wie er in der sozialdemokratischen Partei seinesHeimatlaudes Baden die gewichtigste Stimme führte und in der Karlsruher Landtagsstube, entsprechend dem Auftreten bei 'den heißen Wahlkämpfen eine Säule der bedeutsamen Großblvckpolitik ward, so verkörperte sich in chm bei den sozialdemokratischen Parteitagen -und im Reichstage — umhin er bei Neuwahlen immer unbestrittener, zuletzt im Januar 1912, mit 31 569 Stimmen von 57 214 entsandt wurde — der Gedanke des Revisionismus. Diese beiden wichtigen, nicht bloß wahltaktischen Ideen, der Großblock der Linken und der Revisionismus, verlieren in diesem begeisterten Vorkämpfer von Recht und Freiheit ihren tatkräftigsten Verfechter, und damit erleidet durch Franks plötzlichen Tod die Sache des Fortschritts einen nie zu verwindenden Schlag. Jedoch nicht etwa nur die Sache des politischen und des sozialen Fortschritts, sondern nicht weniger die des kulturellen. Bei keiner Bildungsfrage oder öffentlichen Wohlfahrtsang-elegenheit von Wichtigkeit in Mannheim, dem reichen und unternehmungskühnen Zentrum südwestdeutschen Aufstiegs, dürste seit einem Jahrzehnt Dr. Frank mit Rat und Tat gefehlt haben. So betrauern und beklagen denn jetzt ganz Mannheim, seine zweite Heimat, und weiteste Kreise des Badener Landes seinen plötzlichen Hingang: ohne Unterschied des Standes, der Konfession, der Partei traten warme Beileidskttndgebungen an die Oeffentlichkeit. Sein näherer Kreis aber, die Mannheimer Sozialdemokratie, preist ihn wie einen Fürsten alter Zeit, fast wie einen Gott, in wehmütigen, rührenden, teilweise halbverzweifelten Klängen. Und sein Organ, die dortige „Volksstimme", buchte nicht nur alle die eindringlichen Aeußerungen seiner beneidenswerten Beliebtheit und ganz ungewöhnlichen Wertschätzung, sondern auch aus Briefen und Feldpostkarten der allerjüngsten Vergangenheit die schönen Züge seiner echten Hingabe an die Vaterlandsliebe und die Sache der Gerechtigkeit, für die er, der Kriegsfreiwillige, beim ersten Zusammenstoß mit dem Feinde, unweit Baccarat in Französisch-Lothringcn, am 3. September, tapfer in der ersten Reihe den Heldentod starb. Dafür hat ihm, dem Juden, als Augenzeuge der katholische Feldpvediger, Stadtdekan Bauer, sonst sein schroffer politischer Gegner, einen unantastbaren Bericht nach Mannheim überbracht. Ein musterhafter Idealist, ein Held der Humanität ging von dannen. FI. WM Lin neues Jahr — ein neues Leben. -Eine Neujahrsgeschichte von Regina N e i ß e r. Noch einem vorhandenen Stoff bearbeitet. urch den hohen Gang des israelitischen Krankenhauses in B., den mildes Dämmerlicht erfüllt, schreitet langsam ein stattlicher Mann — eine Melodie vor sich hinsummend. Draußen wogt das geschäftige Leben und Treiben der Großstadt, brennt sengend die heiße Augustsonne, hier drinnen aber ist's kühl und still. Auf und ab schreitet der Mann, wie von innerer Unruhe gepeinigt, und doch ists nichts anderes als die Rastlosigkeit eines gesunden, tatkräftigen und arbeitsfrohen Menschen, der sich eine Zeitlang zu völliger Untätigkeit verdammt sieht. Bor dem Tor hält ein Wagen und dann läutet's. Die Pforte des Krankenhauses tut sich auf, blendendes Sonnenlicht schießt jäh und unbehindert herein, so daß der Mann mit der blauen Schutzbrille unwillkürlich die kranken Augen schließt und ein paar Schritt zurücktritt. Zwei Krankenschwestern, in der kleidsamen dunkelblauen Tracht mit dem -Abzeichen ihrer Glaubensgemeinschaft, dem Schild Davids, führen oder vielmehr sie tragen eine Dame herein, die schwer und fast bewußtlos in ihren Armen liegt. Eine neue Leidensgefährtin, denkt der Mann mit einem flüchtigen Blick auf bas heiße, fieberglühende Gesicht, als die Kranke au -ihm vorübergetr-ag-en wird. Die großen Kastanienbäiune draußen beschatten die Fenster, ihr schon hier und da gefärbtes Laub füllt den breiten, luftigen Korridor mit wohltuendem grünen Dämmerlicht. Professor Rvsendvrfs Augen sind noch sehr schwach, doch so viel sehen sie trotzdeni, daß die Dame jung und anmutig ist. Ein vages Erinnern fliegt ihm durch den Sinn — hat er das Gesicht früher schon einmal gesehen? Im Vorbeigehen grüßt er die Schwestern und wandert weiter. Auch sein Liedchen summt er weiter, aber diesmal ists eine andere Melodie, die jenes flüchtige Erinnern in ihm geweckt hat und die ihn nun den ganzen Tag begleitet. Und abends nimmt er seine Geige und stimmt das alte Volkssied an: „Lang, lang ists her." j Ist er doch der einzige Kranke in diesem Seitenflügel des Hospitals; so darf er sich den Genuß wohl gönnen, und niemanden stört sein Spiel. Und niemand hat eine Freude an diesem unvergleichlich schönen Spiel — nur daß vielleicht eine der Schwestern in geschäftigem Vorübereilen einen Augenblick stehen bleibt und zuhört, und daß alsdann in einem älteren oder jüngeren Herzen allerlei aufwacht, das lange darin geschlummert hat. Die Schwester Else kommt, wie alle Abende, mit dem Tecservice; zögernd bleibt sie an der Tür stehen. „Nun, Schwester, was gibt's?" fragt der Professor, ohne sein Spiel zu unterbrechen. „Ich möchte Sie bitten, heute abend nicht zu spielen, Herr Professor; wir haben eine Schwerkranke auf Nummer Neun." „So—o—," macht er gedehnt und läßt den Bogen sinken. „Es ließ sich nicht anders machen," meint die kleine Schwester bedauernd; „oben ist alles beseht." Schweigend legt er sein-e -alte Am-ati in den Kasten zurück. Nicht sorgsamer kann eine zärtliche Mutter ihr Kleines in die Wiege betten, als der Professor diese treue und einzige Freundin seiner Mußestunden mit weicher Sei-dendecke umhüllt. Nach einer Weile, während die Schwester geräuschlos den Tisch deckt, fragt er: „Das war wohl die Dame, die man heute mittag hereinbrachte, Schwester? — Wer ist es denn?" fügt er mit plötzlich erwachendem Interesse hinzu. „Eine Frau Waldenburg," erwidert die Schwester. „Sic ist hier auf der Durchreise krank geworden; -wir haben sic aus dem Hotel abholen müssen." „Waldenburg — so?" wiederholt er zerstreut und verstummt dann abermals. „Wann sollen wir den Umschlag für die Nacht machen?" fragt die Schwester noch im Hinausgehen. „Um neun Uhr, Schwester; — ja so — ich darf ja nicht mehr spielen! Nun dann werde ich mich nachher gleich niederlegen," und verstimmt setzt er sich an den einladend gedeckten Tisch. Nicht mehr spielen! Und das war seine einzige Freude und Beschäftigung während -des ganzen langen Tages! Lesen