Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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herrlichste bewährt hat. So schlicht und gottvertrauend, begeistert und kraftvoll tritt der deutsche Jude in die Reihen seiner Mitkämpfer ein. Um so höher schlägt unser Herz für die große Sache des Vaterlandes, weil wir deutschen Juden alle es fühlen, daß jetzt vielleicht der Wendepunkt unseres Geschickes gekommen ist. Wir alle hoffen, daß das deutsche Volk, das jetzt für Sitte und Kultur feine Existenz aufs Spiel gesetzt hat, nach einem glorreichen Abschluß dieses Ringens feinen jüdischen Mitbürgern ihre durch Recht und Moral begründeten Forderungen nicht verweigert. Fürwahr, ein herrliches Ziel, dasmns Juden vorschwebt: Kampf um die Freiheit des Vaterlandes, Kampf um die Ehre unserer Gemeinschaft! Daß die deutsche Judenheit sich dieser hohen Aufgabe bewußt ist, hat sie in diesen Wochen, in denen unsere Truppen so manches Ruhmesblatt ihrem Heldenkranze scholl eingefügt haben, bewiesen. Ein Erlösungsschrei entfuhr uns, als lvir das Erwachen der delltschen Judenheit sahen, als wir bemerkten, daß nicht verminderte Tatenkraft sie zu diesen inneren Kämpfen getrieben hat, sondern daß es nur g e - h e m m t e Tatenkraft war, die sich so austoben wollte. Ehe die ersten unserer Feinde vernichtet zu Boden sanken, haben lvir so in unserem Innern den ersten glorreichen Sieg davongetragen. Möge dieser Sieg den Weltenbrand überdauern! Denn auch dann, wenn die Stürme dahingebraust, wenn die blutigen Wunden vernarbt sind, auch dann muß dieser Segen des Krieges fortwirken. Vieles werden wir jetzt erreichen, aber auch groß wird die Arbeit sein, die wir noch zu leisten haben, um unserer welterzieherischen Aufgabe, die einst in die Wiege des Judentums gelegt wurde, gerecht zu werden. Nur Einigkeit und rastloses Ringen wird uns befähigen, auch dies letzte zu erreichen. Kelchstags- und Landtagssbgeordneter Dr. Ludwig Frank. <1874 — 1914.) ch kenne keine Parteien mehr!" hat Kaiser Wilhelm II. bekanntlich in der ewig denkwürdigen Reichstagssitzung vvm 4. Angnst ausgernfen. Und mit diesem eines wahren Bolkssürsten würdigen Satze deckt sich ja tatsächlich im großen ganzen das Verhalten der maßgeblichen Wortführer der bisherigen oppositionellen Richtungen. Ta fügte cs denn nun der Zufall, das; ein Mann, in dem sich zwei Weltanschauungen paaren, die im heutigen wesentlich konservativ regierten Deutschen Reiche bei den politischen Machthabern sich nicht des! besten Leumundes erfreuen, gleichwohl mit vollem Bewußt- , sein sein vaterländisches verz nachdrücklich zur Geltung gebracht und diese seine greifbar betätigte Ucberzengnng mit seinem Leben bezahlt hat. Tr. Ln d w i g Frank, der soeben, erst vierzigjährig, als erster ans dem Felde der Ehre gefallene deutsche Volksvertreter, ivar Sozialdemokrat und Jude. Er war freilich ersteres durch selbsterrungene Einsicht, letzteres durch das Erbe des Blutes. Aber an eben dieser Tradition hing dieser bedeutende Mensch mit so viel Innigkeit und so viel selbständigem Entschluß, daß er hier in diesen Blättern ein kurzes Gedächtnisblatt unbedingt vcrdieilt. Seine Person wurde in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" nach dem Zusammentritt des neuen Reichstages 1912 solvohl in Nr. 12 in der Uebersicht „Von den Juden im Reichstag" vorgcstellt als auch in der Serie knapper Selbstschilderungen „Die j jüdischen Reichstagsabgevrdneten", Nr. 14, S. 160: hier mit j einer bezeichnend gedrängten statistischen Notiz. Vielleicht hat! damals mancher Leser an dieser Kürze des rede- und federgewandten Autobiographen Anstoß genommen, besonders im Vergleich mit den ausführlichen Auskünften seiner parlamentarischen Konfessionsgefährten von der Fortschrittlichen'Volkspartei und der sozialdemokratischen Fraktion. Aber wer den Verblichenenkannte, weiß genau, daß ihm ein Versteckspielen oder gar Verheimlichen völlig fernlag, ja, seinem stets streng wahrheitsliebenden Wesen geradezu widersprach. Sollte daher bei jener Gelegenheit nicht irgendein alltägliches Hindernis die Enge der Mitteilungen verschuldet haben, so muß man diese wohl auf den unleugbaren Umstand schieben, daß in dieser breit in Anspruch genommenen vielseitigen Wirksamkeit neben dein Juristen, Advokaten, Parteiführer, Agitator, Parlamentarier, Wohlfahrts- und Friedensapostel (Frank ist eigentlich der Vater der Berner Friedenskonferenz) der Jude nicht eben Platz fand, ausdrücklich zur Geltung zu gelangen. Aber ein arger Irrtum wäre es, danach anzunehmen, Frank habe jemals irgendwie seine Abstammung verleugnet. Dies ist schon deshalb von vornherein völlig ausgeschlossen — ganz abgesehen vvn dem schon oben betonten durchschlagenden Wahrheitsfanatismus —, weil der edle Tote mit -echt jüdischem Familiensinn und Kindcsgefühl seinen alten teuren Eltern zugetan war, die jetzt, hvchbetagt, den jähen Zusammenbruch ihrer großen Hoffnungen schmerzlichst beklagen. „Wie unser Frank von Anfang an deren Stolz war, so hing auch seine Liebe ständig an seinen Eltern, von denen er immer mit tiefer Rührung zu sprechen pflegte": so rühmt ihn der Nekrolog seiner allernächsten politischen Freunde. Aus kleinen jüdisch-ländlichen Verhältnissen ist diese imposante Gestalt mit ihrem gewaltigen Einfluß und ihrer geradezu erstaunlich weit ausgreifenden Wirksamkeit hervorgewachsen. Am 23. Mai 1874 wurde er zu Nonnenweier, einem dem Rhein benachbarten Tors im badischen Amt Lahr als Sohn eines Kleinhändlers geboren. Seine Eltern leben noch jetzt dort in stiller Zurückgezogenheit, und ebendaselbst besuchte auch der srühgeweckte Knabe die Volksschule. 1885—1893 oblag er am Gymnasium zu Lahr dem humanistischen Studium-, er schied vvn da mit einer allgemein bekanntgewordenen Primusrede, die — in eine Verherrlichung der sozialistischen Welt- und Staatsanschauung ausklang. Diese radikale Abiturientenansprache wuchs sich zu einem Zwischenfall insofern aus, als Frank sein Reifezeugnis erst mit Verspätung erhielt. Sodann widmete er sich an den Universitäten Freiburg, i. B. und Berlin 1893—1896 eifrigst der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft, bestand 1897 das erste juristische Staatsexamen als Rechtspraktikant, 1900 nach vorgeschriebener Ausbildungszeit das zweite als Referendar und ließ sich, 1899 zum vr. iur. et cam. promoviert, im Jahre 1900 in Mannheim als Rechtsanwalt nieder. Hier erwarb er bald eine lohnende Praxis, die sich mit seinem politischen Ruf rasch beträchtlich steigerte. Als Anwalt kreuzte er in den schwierigsten Fällen die Klinge siegreich mit dem Anklagevertreter. Gegen Wucht und Scharfsinn seiner Beweismittel war schwer aufzukommen. Auch seine Sprache und ihr Ausdruck waren glänzend: es war ein ästhetischer Genuß, ihn sprechen zu hören und zu sehen. Der charaktervolle Römerkopf, der das Wort durch leidenschaftliche Mimik unterstrich, reckte sich über starkem Nacken glühenden Auges eindringlich aus der Toga. Was Wunder, wenn dieser Mann noch stärkeren Eindruck als Volksredner aüsübte? Gern erzählte Frank bon den lebhaften sozialen Erörtern,ngen der Freiburger Studienjahre. Bald gewann er Anschluß an die Sozialdemokratie. Erst kurze Zeit in Mannheini, galt er als berufener Nachfolger des populären Führers August Dreesbach. 1907 zog er, nachdem er bei der großen Totenfeier diesem eine erschütternde Leichenrede gehalten, als sein Nachfolger für Man-ttheim-Weinheim-Schwetzingen in den Reichstag, während er schon 1904 Stadtverordneter in Mannheim, 1905 Abgeordneter zum badischen Landtag für Karls-