Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229162--70726-3283088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schwankenden Thron gestützt werde. Wir haben kein Interesse all der Erhaltung Rußlands und noch weniger an der Erniedrigung Deutschlands. Für England ist es ebenso schlimm, an der Seite Rußlands zu kämpfen als gegen Deutschland, mit dem es gar keinen Streit hat. Die Einmischung Englands in einen Kampf, dessen. Hauptzweck die Erhaltung der Kosakenherrschast ist, mit ihrer Beugung jedes menschlichen Fortschritts, wäre eine solche furchtbare Schmach für die Menschheit wie für die englischen Interessen, daß wir kaum daran zu denken wagen." Der Legen des Krieges. Von K u r t Alexander, Krefeld. 3n mörderischem Ringen stehen sich die Völker der Erde gegenüber. Ein Krieg, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen hat, läßt die Menschheit aufstöhnen in namenlosem Weh. Wir Kinder unserer Zeit kannten den Krieg nur aus den Erzählungen unserer Väter. Wir spielten mit dem Begriff Krieg, wie mit einem grausigen, rätselhaften, unfaßbaren Etwas, das doch nie zrir Wirklichkeit werden könnte. Und nun ist es doch geschehen: schrecklicher, grauenhafter, blutiger, als wir es lins je ausgemalt haben. Greueltaten sind begangen worden, die uns jäh aus unserem Wahn, auf der Höhe der Kultur zu wandeln, herausgerissen haben. Schon klagen Tausende an den Heldengrübern der Gefallenen, und jeder Tag mag neues Leid und neue Qual bringen. Man wollte uns Deutsche vernichten; man glaubte, innere Kämpfe, innere Zwietracht haben unsere Kräfte ausgezehrt. Aber welche Täuschung erfuhren unsere Gegner! Das deutsche Volk bot der Welt ein Schauspiel, das an innerer Wucht und Kraft seinesgleichen in der Völkergeschichte vergebens sucht. Alle Partei-, alle Rassen-, alle Religionskämpfe waren mit einem Schlage beendet, alle selbstischen Regungen waren erstickt. Wahrlich! Nicht vernichtend und verheerend zog der Krieg über die deutschen Lande, sondern auf seinen Schlachtruf erhob sich ein großes, wahrhaft großes Pvlk, das, abhold allem Unedlen, bereit war, das Höchste, Das man von ihm fordern würde, hinzugeben. Wie in schwülen Sommertagen die furchtbare Spannung sich in einem Gewitter auslöst, das wohl verheerende Wirkungen zurücklassen kann, aber doch der erschlafften Natur frische Kräfte zuführt, so tönte reinigend und erlösend der Schall der Kriegsdrommete auch für die deutsche Jude n h e i t. Müde schienen wir deutschen Juden geworden zu sein. Wir schienen vergessen zu haben, welch hohe Aufgabe wir noch zu erfüllen hatten. Die Leiden und Verfolgungen hatten uns entmutigt. Und wir dachten nicht mehr daran, daß es unsere Bestimmung war, dulden zu müssen, um dann, durch unsere Leiden geklärt, die Lehrer der Menschheitsethik werden zu können. Wie das große deutsche Volk zerspalten war in eine Unzahl ■ Gruppen, die sich gegenseitig aufs heftigste befehdeten, so standen sich auch in der kleinen Judenheit, der Einigkeit doch, so not gewesen wäre, die Gegensätze schroff gegenüber: hie Liberalismus, hie Orthodoxie! Hie Deutschjudentum, hie Nationaljudentum! So ertönten die Kampfrufe. Immer unversöhnlicher wurden die Parteien, immer erbitterter wurden die Kämpfe geführt. Man scheute sich sogar nicht, schon der Jugend die Grundsätze der einen 'oder anderen Anschauung einzuflößen, um auch sie Wsifvertraut zu machen mit dom Ränkespiel des Parteikampfes. Es wäre aber ungerecht, wenn wir dabei nicht betonen würden, daß diese traurigen Erscheinungen alte, echt jüdische Eigenschaften nicht haben verschwinden lassen: durch Wohltätigkeit, Arbeitsfreudigkeit und Lernbegierde zeichnete sich auch der Jude unserer Zeit noch immer rühmlichst aus. Im ganzen aber bot man unseren Gegnern, deren ganze Aufmerksamkeit doch darauf gerichtet war, jeden unserer Fehler, jede Schwäche zu erspähen und zu ihren niedrigen Zwecken auszunutzen, das traurige Schauspiel einer durchaus uneinigen, sich selbst zerfleischenden Gemeinschaft. Sollte so die deutsche Judenheit, nachdem sie schon Großes erreicht hatte, kurz vor dem letzten Ziele verzagend ermatten? Nein! Das durfte nicht sein. An einsichtigen Mahnern hat es nie gefehlt; ja, wir glauben sagen zu dürfen, daß ihre Zahl in den letzten Jahren sich stetig gemehrt hat. Und sicher wäre es auch ihnen gelungen, auf die Dauer das deutsche Gesamtjudentunr aufmerksam ztl machen auf die Größe der Gefahr, in die es sich selbst gebracht hat. Da aber trat ihnen ein Bundesgenosse zur Seite, der mit eisenbewehrter Faust mit einem Schlage alles Häßliche, allen Zwiespalt unterdrückte: der Krieg. Wie die große Zeit ein großes deutsches Volk fand, so zeigteil auch wir Juden, die »vir ja leider von jeher gewöhnt sind, uns besonders nennen zil müssen, lins den ungeheuren Anforderungen, die man an uns stellte, gewachsen. Und ob arich unsere Herzen bluten, ob der Opfer, die wir bringen müssen, wir sind stolz daraus, sie geben zu dürfen. Auch wir vergaßen allen inneren Hader, auch uns beseelte nur der eine Gedanke, eintreten zu wollen für die bedrohte Ehre des deutschen Vaterlandes. Brüderlich reichte der Nationäljude seinem Gegner die Hand. Die furchtbare Gefahr, die uns umgibt, hat auch ihn fühlen lassen, wie teuer ihm die deutsche Heimaterde geworden ist, und freudig nimmt er zu ihrer Verteidigung die Waffen in die Hand. Alle religiösen Gegensätze schwanden; im innigen Gebet zum Lenker der Schlachten vereinigten sich die Anhänger aller Richtungen. Und auch sonst fiel so manches häßliche Beiwerk von der jüdischen Volksseele ab, so manches, was auch die Psyche des deutschen Volkes verunzierte, was aber bei lins unter dem Druck der Verhältnisse greller zutage getreten ist: im Hinblick auf die Not,' die über so viele der Unseren hereingebrvchen ist und noch Hereinbrechen wird, legte man allen überflüssigen Prunk ab; das Gefühl der gemeinsamen Gefahr glich scharfe gesellschaftliche Gegensätze aus. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, daß der jüdische Wohltätigkeitssinn sich in diesen Wochen allerorten aufs Justizrat Arnold Seligsohn in Berlin. sVergl. den Artikel imJ.Gemeindeboten" Nr. 37.)