Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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449 Diese Zahl wurde am 13. morgens berichtigt, so daß bereits damals mehr als 300 000 Gefangene gezählt wurden. Aber durch den neuen großen Sieg in O st Preußen wird die Zahl noch weit größer- Ueber diese neue wunderbare Waffentat des Generalobersten v. Hindenburg heißt es: Die Armee des Generalobersten v. Hindenburg hat die russische Armee in Ostpreußen nach mehrtägigem Kampf vollständig geschlagen. Der Rückzug der Russen ist zur Flucht geworden. Generaloberst v. Hindenburg hat in der Verfolgung bereits die Grenze überschritten und lallt Meldung bisher über zehntausend unverwundete Gefangene, etwa achtzig Geschütze, außerdem Maschinengewehre, Flugzeuge, Fahrzeuge aller Art erbeutet. Die Kriegsbeute steigert sich fortgesetzt. Der Generalquartiermeister v. Stein. * In der „Vossischen Zeitung" lesen wir folgendes: Der P o g r o nl h ä u P t l i n g als I u d e n f r e ll u d. Rach Meldungen des „Petersburger Börsenblattes" wird in russischen Reichsdumakreifen folgendes erzählt. Unmittelbar nach der Kriegserklärung schritt der berüchtigte Judenfresser und Pogromhäuptling Purischkewitsch in Odessa, wo er sich damals gerade befand, au der Spitze einer patriotisch demonstrierenden Volksmenge. Vertreter der Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung, das Bild des Zaren und eine Thora-Rolle tragend, kamen ihm entgegen. Purischkewitsch näherte sich ihnen, küßte sie und die Thora-Rolle, stieg auf eine Estrade und hielt eine Ansprache: „Alles, was ich bis jetzt über die Juden gesprochen und gedacht habe, ist Unwahrheit und Irrtum. Ich nehme alle meine Worte zurück. In diesen großen historischen Tagen habe ich mich davon überzeugt, daß die Juden ebenso treue russische Untertanen sind wie wir selbst. Es gibt weder Juden noch Russen mehr. Es gibt nur ein großes und unteilbares russisches Volk." Ob es wohl einen Juden in Rußland gibt, der diese Liebeswerbung eines Mannes, cut dessen Händen das Blut unzähliger Juden klebt, für echt nimmt und glaubt, daß aus dem Pogrom-Saulus wirklich ein judenfrenndlicher Paulus geworden'sei? Wie lügnerisch alle Verheißungen der Russen sind, geht aus nachstehendem Bericht der „Nat.-Ztg." hervor: Wien, 7. September. Ein Warschauer Zahnarzt, dem es glückte, die Grenze zu überschreiten, erzählte: Als ich am 23. v. M. Warschau verließ, herrschte daselbst vollständige Ruhe. Anfang August kam es in Warschau zu a n t i s e m i t i s ch e n Unruhen, die von Russen inszeniert wurden. In der Vorstadt Praga wurden einige Juden getötet und zahlreiche jüdische Geschäfte geplündert. Die Exzesse dauerten jedoch nur einige Tage und scheiterten an dem gesunden Sinn der polnischen Bevölkerung, die sich von den inszenierten Exzessen vollkommen fernhielt. Dagegen nahmen in Skierniewiee und Bialla die antisemitischen Unruhen einen größeren Umfang an. In Skiernielvice, das zirka 5000 Einwohner zählt, wurden einige hundert Juden von russischen Soldaten, die sich in größerer Anzahl dort befanden, ermordet. Uns wird geschrieben: „M e i n e l i e b e n I u d e n!" Um die Gemüter der Gebildeten zu beruhigen, hat der russische Minister der Volksaufklärung u. a. die Verfügung getroffen, daß diejenigen Studenten, die gemäß dem 1893 erlassenen Universitätsgesetz vom Hochschulbesuch ausgeschlossen sind, vom Oktober dieses Jahres wieder die Universität besuchen dürfen. Die Bekanntmachung schließt jedoch mit dem Satze: „Diese neue Verordnung bezieht sich lediglich auf „nichtjüdische" Studenten. Bezeichnend für die „Liebe" zu den Juden ist ferner nachstehendes Vorkommnis, das in der Zeitung „Rjetsch" zur Veröffentlichung gelangte. Gleich beim Ansbruch des Krieges wurden die gebildeten und studierenden jungen Frauen aufgefordert, sich als Krankenpflegerinnen in den Kliniken und beim Roten Kreuz zu melden. Der Bescheid betreffs ihrer Annahme sollte ihnen hinterdrein zugehen. Eine jüdische Studentin richtete nach wochenlangem vergeblichen Warten endlich die Anfrage an das Obuchow-Krankenhaus und erhielt die unzweideutige Antwort: „Wir sind bereits versorgt und jüdische Pflegerinnen werden überhaupt nicht gebraucht." M. B, In einem Feuilleton von Stefan Großmann („Voss. Ztg.") heißt es: Koschere F e l d k ü ch e. Das in Marmaros Sziget stationierte 12. Honvedbataillon besteht fast zur Hälfte aus Juden. Lauter Riesenkerle. Einer von ihnen liegt verwlmdet da. In mühsam ungarischem Deutsch antwortet cr auf meine Frage: „Versorgt waren wir — großartig! Alles war so, wie der Oberst Pataky und der Oberrabbiner Dangig in Marmaros Sziget bei der Abschiedsfeier gesagt haben. Was soll ich Ihnen sagen? Einen eigenen Schächter haben wir mitgehabt, in der Feldküche ist koscher gekocht worden! Gott sei gelobt, nicht einer hat Verbotenes essen müssen." Kann mau von der Feldküche mehr verlangen? Die „Breslauer Morgenzeitmig" schreibt: Eine ru s s i s ch - h e b r ü i s ch e Bio g r a p h i e K a i s e r Wilhelms. Sehr bezeichnend für die gegenwärtige Stimmung der russischen Inden ist eine in hebräischer Sprache verfaßte Lebensbeschreibung Kaiser Wilhelms II., die ein Darmstädter Händler zurzeit in seinem Laden ausgestellt hat. Die eigenartige Biographie, deren einzelne Worte und Buchstaben so angeordnet sind, daß sie in ihrer Gesamtheit ein Kaiserporträt ergeben, preist den Monarchen in schwnngvvllen Worten als den großen Beschützer des Friedens und der europäischen Kultur. Verfasser des Werks ist ein Kantor ans einer russischen Kleinstadt. Der Kaiser hatte seinerzeit dem durch eine Feuersbrunst schwer heimgesuchten Ort eine größere Geldsumme überwiesen: durch die Kaiserbiographie will nun die dortige Gemeinde ihrem Gefühl der Dankbarkeit Ausdruck geben. Dr. A. In einem Artikel der „Vossischen Zeitung" von Arthur Holitscher heißt es: Wohl dem, der in diesen Tagen einen Rosenkranz in seiner Tasche mit sich führen kann. Es muß gar kein Rosenkranz sein und gar kein geweihtes Stückchen Symbol, und es ist einerlei, ob einer an ein Alleinseligmachendes glaubt, ob er an die Transsubstantiation glaubt oder sie leugnet, ob er vor Bildern liegt oder vor ungeschmückten Säulen, ob er sich gegen Osten ans einen Teppich hinkniet oder ob er die Gebetriemen sich um die Handgelenke und die Schläfen bindet. Alles kommt daraus an, wie er aus seiner Kirche tritt, in welchem Zustand der seelischen Ruhe und seligen Sicherheit er sich von seinem Teppich erheben, die Lederstreisen, die seine Adern umpreßt hatten, wieder verwahren wird. In diesen Tagen kommt es nicht darauf an, 31t leben oder zu sterben, es handelt sich darum, in Hoffnung zu leben und 31t sterben. Auf den Stärkegrad der Seele, die die Ströme der Verzweiflung Parieren, abhalten, an dem einzelnen Menschen vorüber ins Nichts teufen kann, in eine atmosphärische Schicht hinweg,' in der sie kein Unheil mehr anstiften können, in der sie sich auflösen, weit weg von den zarten und leicht beeinflußbaren Gebilden, als die wir die Menschenseele erkannt haben. In der Prüfung, die uns auferlegt ist, müssen wir nicht nur den Grad unserer körperlichen Widerstandsfähigkeit zu erkennen suchen. Jeder muß heute vor allen Dingen seinen Gott ins Feuer schicken. Von einem neuen Beispiel der Z u r ü ck s e tz u n g der Juden berichtet das „Berl. Tagebl.". Ein jüdischer Herr in Düsseldorf bot dem dortigen Postamt seine Dienste an, doch wurden statt seiner und einiger anderer Herren, von denen einige ihre Verwendbarkeit im Postdienste Nachweisen konnten, Gymnasiasten eingestellt. Die Tätigkeit der jungen Leute führte zu allerlei Unzuträglichkeiten. Nach der Entfernung der Gymnasiasten wurden die Einstellungsgesuche erneuert; es kam auch zur persönlichen Meldung, doch wurden sowohl der Einsender — der, nebenbei bemerkt, 1A Jahre im überseeischen Postdienst beschäftigt war — als noch fünf andere jüdische Herren zurückgewiesen. Wir teilen diesen Vorfall mit, wie er im „Berl. Tagebl." gemeldet wird, und bitten unsere Düsseldorfer Freunde, genau zu recherchieren. Handelt es sich hier wirklich um eine Abweisung fähiger Bewerber nur aus dem Grunde, daß sie Juden waren, so hat sich die Behörde einer Pflichtverletzung, der Vernachlässigung eines kaiserlichen