Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
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446 des Feldes blüht und verwelkt, sondern wir haben das Recht, uns als dem Urquell alles Daseins entstammende lebende und schaffende vernünftige Wesen zu betrachten. Freilich müssen wir dann, da wir unseren Lebenswandel selbst bestimmen, die Folgen für unser Tun und Lassen ohne Murren allein tragen, aber dafür haben tvir die Möglichkeit, allen Lockungen und Irrungen der Welt zum Trotz uns ans den Banden sklavischer Gewohnheiten eines die Menschwürde erniedrigenden Lebenswandels zu befreien und unsere ursprüngliche göttliche Reinheit, als wären wir eine nBHn ein neu erschaffenes Wesen wieder zu erlangen. Dann ist es nicht mehr der düstere Schatten unserer Niedrigkeit, sondern der glänzende Sonnenstrahl unseres Daseins, der, Licht verbreitend, unserem neuen Lebensabschnitt voranzieht. Wir begehen dann das Neujahrsfest als den Tag unserer geistigen und sittlichen Wiedergeburt, als unsere n ersten Weltentag, der uns zurückführt zu Gott, in dem wir uns wiederfinden und weiterleben, zu Gott, der groß im Ratschlüsse und mächtig im Ausführen ist, dessen Augen offen sind über den Wegen des Menschen, ihm zu vergelten nach der Art seines Tuns und nach der Frucht sein e r Handlungen7 * * 10), zu Gott, von dem wir mit Elihu ben Berachel sprechen: Wahrlich, Gott tut nicht Unrecht, der Allmächtige beugt das Recht nie?) „Ueberall" — lautet ein räbbinischer Ansspruch — „wo von der Allmacht Gottes gesprochen wird, da ist auch von seiner milden Herablassung die Rede."") Gottes Größe, sein mildes Walten im Leben des Menschen besteht eben darin, daß er, obgleich er allwissend ist und alles vvrausschaut, des Menschen Handlungen dennoch in keiner Weise beeinflußt. Hier herrscht kein Widerspruch, sondern es ist eines jener ewigen Rätsel, deren Lösung ebenso unmöglich wie Gott selber unfaßbar ist. Indem der Allmächtige dem "Menschen das Bestimmungsrecht über seinen Lebenswandel einräumt, macht er ihn zwar für seine Taten und Werke verantwortlich, aber er gibt ihm auch die Möglichkeit, zu jeder Zeills e i n o’Vin "120/ sein Lebensbuch auf den Inhalt zu prüfe», Leidenschaften und Gewohnheiten, die sein dt6k seine Gottähnlichkeit entstellen, zu entsagen und jenen altersgrauen Weg zu beschreiten, auf dem mit unvergänglichen Lettern das Wort geschrieben steht: Gottesfurcht ist Weisheit, das Böse meiden —• Vernunft?") Erinnert uns das Neujahrsfest an die Gotteskraft in uns, an die Willensfreiheit, die unseren Lebenswandel leitet, so lenkt es zugleich unseren Blick auf den Herrn dieser Kraft über uns, der uns durch das Leben führt und über unser Sein oder Nichtsein bestimmt. Nicht die eigene Kraft ist es, wird uns am Neujahrsfeste immer aufs neue eingeschärft, die den Menschen so stark macht"), daß er alles, was er will, auch vollführen zu können glaubt. Nein, wie seinem Leben, ist auch seinem Wollen eine Grenze gezogen. Selbst seine Willensfreiheit, die ihn vor allen anderen Geschöpfen so vorteilhaft auszeichnet, wird nicht selten in Willenslosigkeit verwandelt. Zu dem Ausspruch in Hiob 41, 26: Alles Hohe und Große sieht der Herr, er ist der König über die Söhne stolzer Kraft, bemerkt der Midrasch: Wie, sieht denn nicht Gott auch die Demütigen und Schwachen? Steht denn nicht geschrieben: Seine Augen durchspähen die ganze Erde? Warum heißt es nun hier, er sieht alles Hohe und Große? Dieses Wort — lautet die Antwort — bezieht sich aus die Hochfahrenden und sich Ueberschätzenden, die, ihrem nach reichen Erfolgen dürstenden Tatendrang folgend, beim Erkennen ihrer überschäumenden Willenskraft 7) Jcrcmia 32, 19. H) Hwb 34, 12. “) Megitlal, 31a. 10) Hiob 28, 28. ") 1. Samuel 2, 1. deren Quell und Ursprung vergessen und in ihrer Selbst- Vergötterung sich so mächtig selbständig dünken, daß sie glauben, den Gottesbegriff aus ihrem Dasein ausschalten zu dürfen, über ihr Lebensgeschick ganz allein entscheiden zu können. Was aber geschieht? Früher oder später ergeht es ihnen, wie einst dem hochmütigen, auf seine Kraft, Taten und Erfolge stolzen und in seiner Verblendung sich als einen Gott dünkenden König von Babylon, von dem die Heilige Schrift (Daniel 5, 21) berichtet: Er wurde von den Menschenkindern ausgestoßen, sein Herz glich dem eines Tieres, und unter den wilden Bewohnern des Waldes fand er Unterkunft, bis er erkannte, daß es einen Gott gibt, der über das Reich der Menschen schaltet?") Vor einer solchen Ueberschätzung und Vergötterung unseres Intellekts warnt uns aufs eindringlichste das Neujahrsfest, indem es uns an das alte, aber immer neu bleibende Wort erinnert: Nichtig sind die Staubgeborenen □IX ’33, vergänglich wie die Lüge die Menschenkinder V'X; aus die Wage gestellt, erweisen sie sich allesamt einem Hause gleich?") Auf welcher Geistesstuse der Mensch auch steht, was Großes und Bedeutsames er auch geschaffen, was für eine Stellung er im Leben auch einnimmt: er gibt sich einer Täuschung hin, wenn er glaubt, den Born seiner Weisheit, die Quelle seines Reichtums, die Wurzel seiner Kraft und seiner Erfolge in sich selbst finden zu können. Der Mensch, von dem der Psalmist sagt, Gott hat ihn zum Herrn über die Werke seiner Hände eingesetzt"), zeigt sich nur dann in seiner wahren Größe, wenn er den den Kern des Judentums treffenden Ausspruch: Es ist der Geist Gottes, der mich bestimmt, der Odem des Allmächtigen, der mich beseelt"), zur Devise seines Lebens macht. Das ist die Forderung, die der Jahreswechsel, au dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich die Hände reichen, die Erinnerungen an unser Wollen und Können, Denken und Tun dem Grabe der Vergessenheit entsteigen, um uns in das neue Leben zu folgen, an uns richtet; das ist die Mahnung, die am ersten Tischri mittels Posaunenschalls an uns ergeht. Nicht an Gott nur glauben — lautet diese Mahnung —, sondern und in erster Reihe erkennen sollen wir ihn, erkennen durch seinen Geist, der uns beseelt, durch unsere Werke, die der Vernunft, mit der er uns begnadet, entspringen, durch die uns umtosenden Weltereignisse, die auf sein Geheiß entstehen; erkennen, daß unser Glauben an Gott, ebenso wie das dafür gebräuchliche Wort n31DK>i in Wahrheit nnx wurzelt, und anerkennen, daß seine Macht allein es ist, die über die Welt und Menschen regiert. Freilich nicht allein der erste, sondern auch jeder andere Tag des Jahres gestaltet sich für den Menschen zu einem an erhebenden und erschütternden Erinnerungen reichen Neujahrs- oder Gerichtstag"); freilich ist der weckende Ton des Schophar, der die Stimme unseres besseren „Ich", die Stimme der in uns wohnenden Gotteskraft") versinnbildlicht, nicht bloß am Jahresanfang und in Israels Andachtsstätten allein, sondern täglich und stündlich und auch im Gewühle der Welt, auf dem geräuschvollen Markte des Lebens zu vernehmen. Allein das verringert weder den historischen noch den religiösen Wert unseres Neujahrsfestes, das, durch Jahrtausende geheiligt, nicht minder als der Versöhnungstag auf unsere Gedankenwelt einen heilvollen Einfluß ausübt, indem es im Spiegel der Vergangenheit die Gegenwart uns zeigt und zugleich unseren ") Jalkut Schimoni Hwb C. 41. ") Psalm 62,10; Adam bezeichnet den Menschen aus der niedrigsten, Jsch auf der höchsten Geistesstuse. ") Ebenda 8, 7. “) Hiob 33, 4. “) Rvsch Haschann 16a. ") Psalm 47, 6.