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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-18 · Heft 38 (18.9.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 38 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang Nr. 38 Berlin, 18. September 1914 eitung desAudentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitvng erscheint rvöchenrlich. A bonnement s°p ue'i s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begrün-et von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Reduktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. i I Tlnhfrlt» 8l,m Neujahrsfeste. Von Albert Katz. — Die Woche. IJIltJvlll* Der Legen des Krieges. Von Kurt Alexander, Krefeld. — Zustizrat Arnold Seligfohn in Berlin. — Reichstags- und Landtagsabgeordneter Dr. Ludwig Frank. Von Fl. — Feuilleton: Ein neues Jahr — ein neues Leben. Eine Neujahrsgeschichte von Regina Reißer. — Lesefrüchte. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Rogasen, Breslau, Glogau, Dresden, Leipzig, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Heilbronn, Straßburg, Hagenau Wien, Nom, Jerusalem. — Von Nah und Fern. Lum Keujshrsfrltr. Von A l b e r t K a tz. n keinem anderen Feste wird uns das Walten Gottes im Geschicke des einzelnen Menschen sowohl wie in der Geschichte der Völker so klar und eindringlich verkündet, wie am Neujahrsfeste, das von der Heiligen Schrift bald Tag der Erinnerung, bald Tag des Posaunenschalls genannt wird. Wir forschen vergebens nach der Zeit seiner Entstehung, vermögen nicht die Ursachen anzugeben, die ihm diese Auszeichnung verschafft haben; wir wissen nur, daß es seit Jahrtausenden heiliger Brauch ist in Israel, am ersten Tage des Jahres vor Gott das Bekenntnis auszusprechen: dieser Tag, der Beginn deiner Schöpfung, ein Gedächtnis bleibt er an den ersten Weltentag4), denn so ist es Gesetz für Israel, so ist es Vorschrift von dem Gotte Jakobs?) Ja, es ist Gesetz für Israel, am Beginn des Jahres die Erinnerung an den ersten Weltentag, an dem der Mensch die Welt noch als ein Paradies betrachten durfte, wachzurusen und durch die Stimme des Schophar weithin zu verkünden. Es ist Vorschrift für die Gemeinde Jakobs, am Rosch Haschana an den ersten Weltentag zurückzudenken, um in der sichtbaren Schöpfung den unsichtbaren Schöpfer zu erkennen, der dem Menschen, vermöge des ihm verliehenen „freien Willens" kl'VLN iTTTO# die Mittel und Wege an die Hand gegeben, das verlorene Paradies wieder zu erlangen und das getrübte Verhältnis zwischen Gvtt und Mensch in seiner ursprünglichen Reinheit wieder herzustellen. Warum — fragen unsere Weisen — heißt es bei dem für alle anderen Festtage vorgeschriebenen Mussafopfer DfQ“nprn „ihr sollt es darbringen", und bei dem für das Neujahrsfest orWPl „ihr sollt es tun, vollbringen"? Und sie antworten — Gott spricht zu Israel: Möchtet ihr es doch an diesem Tage vollbringen, vor mir so geläutert und rein zu erscheinen riEHri D3m Vttns DVH ibso als hätte ich euch heute zu einem neuen Geschöpfe gebildet?) Es gilt also, am ersten Tage des Btvnats Tischri, h Darunter ist nicht der erste Schöpfungstag, sondern P rnWJD n*rnn zu verstehen. Siehe Rosch Haschana 27», Tossaoth zum Ausspruch des Rab Samuel bar Isaak. -) Psalm 81, 5. *) Levit. Rabba C. 29. den die Tradition als den Geburtstag der Welt bezeichnet^), in gesteigertem Maße als sonst im Laufe des Jahres an den Schöpfer und Lenker der Welt zu denken und alles abzustreifen, was die in uns lebende und wirkende Gotteskraft schwächen, unsere zu vollziehende sittliche Wiedergeburt beeinträchtigen könnte. Von diesem Gedanken geleitet, bemerkt ein alter Lehrer: Am Rosch Haschana wurde Adam erschaffen, an diesem Tage stand er zu Gericht vor dem Herrn und an diesem Tage kehrte er zu ihm zurück und wurde von dem Heiligen, gelobt sei er, in Gnaden wieder ausgenommen. „Adam!" sprachderHerrzuihm: „Du sollst deinen Nachkommen bis in die spätesten Geschlechter als Vorbild und Merkzeichen dienen. Sie werden, wie du, am Rosch Haschana zu Gericht vor mir stehen und dürfen meiner Liebe gewärtig sein, wenn sie sich, gleich dir, zu mir bekehren. Ich werde dann den Richterstuhl verlassen, den Gnadenthron besteigen und mich ihrer erbarmen."®) Was hier nur bildlich angedeutet wird, ist von einem älteren Lehrer, Rabbi Akiba, der wie kaum ein anderer vor und nach ihm das Walten einer höheren Macht im Leben des Menschen zu beobachten Gelegenheit hatte, klar und deutlich ausgesprochen worden: Alles ist von der göttlichen Weisheit vorausgeschaut, aber dem Menschen ist die freie Wahl gelassen, und nach ewiger Güte wird die Welt gerichtet?) Auf diesem Gedanken basiert die jüdische Weltanschauung, die in der Liturgie des Neujahrsfestes so herrlich zum Ausdruck kommt. Der Inhalt unserer Gebete erinnert uns nicht nur an die Entstehung des Alls, an! die Geschehnisse der Welt, an die großen und kleinen Ereignisse des Lebens, in denen das Dasein Gottes sich manifestiert, sondern er zeigt den Menschen auch den Weg, den er einzuschlagen hat, um das in ihm wirkende Göttliche zu voller Entfaltung bringen zu können. Mit anderen Worten: das jüdische Neujahrsfest mahnt den Menschen nicht nur, über seinen irdischen Ursprung, über seine Niedrigkeit und Abhängigkeit von jener allumfassenden Macht, die das Universum trägt und hält, ernstlich nachzudenken, sondern es läßt ihn auch die Größe seines göttlichen Ursprunges erkennen, erkennen, daß er selbst einen Teil der Gotteskraft in sich birgt, daß er vermöge der ihm innewohnenden überirdischen Elemente eine Welt im Kleinen bildet, in der er zum Herrscher eingesetzt ist und selbständig regiert. Ja, mini rrninm 'nes San „Alles ist von der göttlichen Weisheit vorausgeschaut, aber die freie Wahl ist dem Menschen gelassen." Vertiefen wir uns in den Sinn dieses Wortes, erkennen wir in der Macht unseres Willens auch diejenige, die unser Leben beeinflußt, unsere Taten und Handlungen leitet, dann sind wir in dem unendlichen All nicht mehr das geringste Glied, das gleich der Blume 4) Rosch Haschana 8a. ®) Jalkut Schinwni Numeri C, 29; sieh c auch Sohar, Emor. ") Abvth 3, 15.

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