Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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geschaffen durch Hilfskräfte, so daß der Schulbetrieb im bisherigen Rahmen im Gange ist. Auch ist es ein günstiges Zeichen für die Ruhe und Zuversicht, die im deutschen Publikum herrscht, daß die Eltern der Hausschüler nicht gezögert haben, ihre Kinder aus der Heimat wieder ins Alumnat zu schicken. Es sind nur zwei Abmeldungen von Pensionären auf Grund der gegenwärtigen Kriegslage ein.gelaufen. — Das Kuratorium der Jacobson-Schule hat die Turnhalle der Anstalt zu Lazarettzwecken zur Verfügung gestellt, und die älteren Schüler werden Samariterdienste im Bedarfsfälle leisten. g/a, Münster (Wests.), 4. September. Die 4 Abiturienten der ersten Klasse des hiesigen jüdischen Lehrerseminars meldeten sich bei Beginn der Mobilmachung sosort freiwillig zu den Fahnen und wurden eingestellt. Sie unterzogen sich alle mit Erfolg der Abschlußprüfung, die unter dem Vorsitze des Seminardirektors Dr. Katz stattfand. Einer der Kandidaten erschien in der Uniform des 8. Paderborner Husarenregiments. — Die hiesige Synagogengemeinde stiftete für das Rote Kreuz 1000 Mark, und der Vorsteher der Gemeinde, Justizrat Dr. Eohn, persönlich 1000 Mark. Durch freiwillige Spendeu für denselben Zweck gingen in der Gemeinde 6000 Mark ein. Köln, 4. September. In der Reihe der Hilfsaktionen, die für das Wohl unserer im Felde stehenden Krieger und der zurückbleibenden notleidenden Familien unternommen werden, tritt eine nette eigenartige Aktion auf den Plan. Der I ü d i sehe 9t a t i o n also u d s laßt eine H i l f s m a r k e znm Verkauf gelangen, deren Ertrag allen Verwundeten und Notleidenden ohne Unterschied des Bekenntnisses zugute kommen soll. Längst sind alle Scheidelinien Zwischen Parteien und Konfessionen verschwunden, und in aufopferungsvoller Weise arbeiten alle gemeinsam 'im vaterländischen Interesse. ES ist deshalb anznnehmen, daß der Absatz 'der Hilfsmarke entsprechend dem patriotischen Zweck recht erheblich sein wird, zumal der Pr,eis eines Markenheftchens, das 20 Marken enthält, auf nur 1 Mark bemessen ist. Die Hilfsmarke soll insbesondere für Feldpostsendungen benutzt werden, die bekanntlich portofrei sind. Unsere in der Front stehenden Vaterlandsverteidiger werden sich freuen, aus den Marken zu ersehen, wie die in der Heimat Zurückgebliebenen rnn allen Mitteln bemüht sind, die verwundeten Krieger und die notl-eidenden Familien in der Heimat zu unterstützen. Aber auch bei gewöhnlichen-Postsendungen bürfcit und sollen die Hilfsmarken in 5fnbetracht des edlen Zweckes reichlich verwendet werden. M. B. Kreuznach, 4. September. In unserer Gemeinde wird eine rege und vielseitige Tätigkeit auf dem Gebiete der Kriegssürsorge entfaltet. Der israelitische Frauenverein hat eine Nähstube eingerichtet, in welcher Damen des Vereins für das Rote Kreuz arbeiten. Viele Frauen und Mädchen sind am Bahnhof an der Erfrischungsstation für durchreisende verwundete Krieger tätig, andere in der Feldküche und als Hilfsschwestern in den Lazaretten. Gespendet wurde bis jetzt: Vom Bikkur-Eholim-Verein 500 Mark fürs Rote Kreuz und 100 Mark den hiesigen vereinigten Kriegervereinen, vom Israelitischen Unterstützungsverein 200 Mark für allgemeine Kriegszwecke und gleichfalls 50 Mark den vereinigten Kriegervereinen, vom Israelitischen Frauenverein 100 Mark für allgemeine Kriegszwecke und vom Moses-Mendelssohn-Verein 60 Mark für das Rote Kreuz. 2 500 Mark wurden von der Synagogengemeinde, der Ehebra-Kaddischa und den Wohltätigkeitsvereinen bereitgestellt zur Unterstützung der durch den Krieg in Not geratenen Gemeindemitgli-eder. Gleichzeitig sei hier erwähnt, daß drei jüdische Oberprimaner das Notabitur gemacht haben, um als Kriegsfreiwillige in das Heer einzutreten. — Jeden Freitag abend findet in der Synagoge in Verbindung mit dem Gottesdienst eine Kriegsandacht statt. Herrn Rabbiner Dr. Tawrogi ist die Seelsorge in den hiesigen Lazaretten, in welchen sich bereits eine Anzahl jüdischer Verwundeter befindet, übertragen worden. SS Koblenz, 4. September. Der V o r st a n d und die ep r ä se n t a n t e n de r hiesig e n S y n a g o g e n g e nt einde haben beschlossen: Die unteren Räume des Synagogengebäudes, soweit dieselben verfügbar sind, durch Vermittelung der Residenzstadt Koblenz für noch näher zu bestimmende Zwecke den Frauenvereinen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig wurden einstimmig bewilligt: 500 Mark dem Roten Kreuz, 500 Mark dem Vaterländischen Frauenverein und 500 Mark dem Israelitischen Frauenverein. Der letztere Betrag soll zur Speisung und Versorgung von Frauen und Kindern, deren Ernährer zur Fahne einberufen sind, verwendet werden. Grsterrrich-Aligsrn» k. Wien, 4. September. Die „Zeit" bringt in der Sonntagsnununer vom 30. August folgende Schilderung ihres Kriegsberichterstatters über den ersten Sieg der österreichischen Truppen über die russische Armee bei Krasnik. Ludwig Dauer schreibt vom Kriegspresfequartier: Endlich sind wir in Galizien. Hier ist eine andere Welt, und wir sind dem Feinde näher, es ist, als ob wir den dicken, bösen Atem Rußlands schon riechen könnten. Ein trüber Ausdruck von dumpfem Schmerz auf den Polnischen Gesichtern, das Leid und der Druck von vielen Jahrhunderten, Schmach und Unterdrückung in den traurigen Gestalten der Ghettojuden. Bor dem Portal des Grafenschlosses stehen die polnischen Inden in langen Kaftanen, die bleichen Gesichter von ungeschorenen Bärten überwachsen. Auch die kleinen Jungen tragen schon die Schläfenlöckchen geringelt, gehen in denselben düsteren, langen schwarzen Röcken wie die Alten, und sie scheinen auch kaum jung, sie haben in ihren Mienen den gleichen traurigen Ernst wie ihre Väter. Schwermütig, wie benommen, fast erschreckend still, so starren sie auf uns. 91 u § d i e s e r kleinen g a l i z i s ch e n Jude n st a d t solle n allein achtzig Juden unter den Fahnen stehen. Aber nicht dies allein bewegt sie; hier sind ja alle unter der Gefahr des Feuers. Alle hoffen, aber sie sind so arm, daß sie sich nicht einmal recht zu hoffen trauen . . . Da lauft ein Offizier durch die Bäume zu einer Gruppe von Journalisten. Noch bevor er den Mund öffnet, weiß man, er bringt gute Botschaft. Ein Sieg! Plötzlich dringt ein unbegreifliches Geheul, das niemand vergessen kann, wer es je vernahm. Vor dem Portal staut sich die ganze kleine Judenstadt. Irgendwie haben sie die Nachricht von dem ersten großen österreichischen Sieg über die Russen erfahren. Diese Juden wissen noch nicht, wie man jubelt. Ihr klägliches Leben hat es sie noch nicht gelehrt. Jenes Geheul war ihr Jubel, ihr erster Jubel. Nun erscheinen die Offiziere vor ihnen, kommen eilends aus dem Schlosse und Park herbei, und sie heben die Hände zu ihnen auf, die Kaftanjnden, wie zu helfenden Göttern. Ruse in jenem heiseren, gurgelnden „Jiddisch" begrüßen die Retter. Ein Hause von Jungen zieht hinter der schwarz-gelben Fahne, und die Alten beginnen einen — Freudentanz! Wie wohl vor Jahrtausenden das Volk des Königs David, wenn ihr Feind geschlagen ward. Uralte Tempelgesänge, die die Jahrtausende erhielten, werden laut, und sie klingen als Huldigung zu den österreichischen Offizieren. Sie singen, sie tanzen, eine Volksleiche, die Zu neuem Leben erwachte. Ihre Brüder und Schwestern werden frei fein, Menschen werden können. So feierte die kleine galizische Jndenstadt Oesterreichs ersten großen Sieg über die Russen. Von Mh und Fern. -- Die Großloge f n r Deutschland VIJI II. O. V. B. hat im Einverständnis mit den betreffenden Logen, beziehungsweise mit den betreffenden Vereinen für Ferienkolonien jüdischer Kinder dem kaiserlichen Kommissar und Militärinspekteur für freiwillige Krankenpflege ihre Ferienheime als Nekonvaleszenteliheime zur Verfügung gestellt, die von den Behörden mit Dank angenommen wurden. — Der verstorbene Stadtrat Jacobh, der schon bei Lebzeiten durch seine mildttätigen Spenden sich auszeichnete, hat der Stadt Berlin ein V e r nt ächtnis von 200 000 M a r k gemacht. Das Geld soll für Unterstützungszwecke verwendet werden. - - Der V e r e i n e h e m ntiger Zvgtiu g e des 11. W a i s e n - Hauses der jüdischen Gemeinde ztl Berlin in Pankow hat mit einem Grundstock von 450 Mark eine Kriegsstiftnng ins Leben gerufen, ans welcher die Angehörigen der im Felde stehenden ehemaligen Zöglinge unterstützt werden sollen. — Der Lissaer H i l f s v e r e i n in Berlin hat beschlossen, dein Roten Kreuz 1500 Mark zu überweisen und 1500 Mark der Stadtgemeinde zu Lissa in Posen zu übersenden, zwecks Unterstützung von Frauen und Kindern der zur Fahne einberufenen Mannschaften ohne Unterschied der Religion und Parteistellung. — Der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Lessen, Herr A. Ascher, hat seine sämtlichen Söhne, sechs an der Zahl, für die Ehre des Vaterlandes ins Feld geschickt. — Ans München wird gemeldet: Prinzessin A r n n l s stattete in Begleitung ihrer