Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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443 Vor den Bergen stehen bleiben und bekämen weder Siebengebirge, noch Rolandseck, noch irgendetwas Interessantes zu sehen." Sehr originell sind die Briese, die er an die Mutter sandte, als der Vater im Jahre 1857 ihm die Freude machte, ihn aufzusnchen und längere Zeit bei ihm zu verweilen. Er bittet sie unter anderem, ihm eine gilt gebratene Gans mit recht knusperiger Haut zu schicken. Da er jetzt alle Mittage zu Hause esse, könne er sie gut gebrauchen und immer kalt davon essen. „Ich würde mir dann bloß ein Beefsteak holen lassen, während jetzt zwei, und hätte also doch eine Abwechslung." Mit seltener Wärme und in den innigsten Ausdrücken sind die Geburtstagsglückwünsche abgefaßt, die er jeweilig der Mutter sendet. Hier nur ein Pröbchen dieser Gratulationszuschriften. So heißt es in einer derselben vom 5. Mai 1862: „Meine zärtlichsten Umarmungen, meine innigsten Glückwünsche, meine heißesten Küsse zu dem morgigen Geburtstag. Wie viel Gutes, Besseres als mir selbst ich wünsche, das lasse dieser Händedruck Dir sagen. Der vielgeliebten Mutter erlaube ich mir anbei eine Kleinigkeit zu schicken, die ihr hoffentlich wohl gefallen wird. Es war das Schönste, was ich sah. Von Vater weiß man ja nie, was man ihm schenken soll, wenn man sich auch den Kopf zerbricht, und so wird er, wie so oft, mit meinen Umarmungen vorliebnehmen." Als Ende Oktober 1862 der alte Heimann Lassal zu dem größten Schmerz seines Sohnes starb, konzentrierte sich die ganze Sohnesliebe auf die zurückgebliebene Mutter, deren Verzweiflung unbeschreiblich war. Alle Briefe, die er um jene Zeit und auch später an sie richtete, sind rührende Beweise seiner pietätvollen kindlichen Liebe. Himmelhoch bittet er sie, ja nicht den ganzen Tag zu weinen, denn damit sei nichts getan. Man „kann sich doch nun einmal, und wenn uns das Liebste stirbt, nicht abschlachten, so gern man es manchmal auch täte". Er bietet seine ganze Ueberredungskunst auf, um sie zu bewegen, zu ihm nach Berlin zu ziehen. Er führt ihr ihre Vereinsamung in Breslau zu Gemüte, während sie in Berlin immer den ganzen Tag um ihn sein und auch viel Leute sehen könnte. Doch die alte Frau wollte trotz ihrer Liebe zu ihrem Sohn eben in ihrer Heimat leben und sterben. Als sie ihm für seine Fürsorge und seinen liebevollen Sinn dankt, wehrt er diesen Dank mit den Worten ab, daß er es nicht begreife, wie sie sich immer für seine Liebe zu ihr bedanken könne. Denn wenn irgendeiner Mutter die Liebe ihrer Kinder von Gott und Rechts wegen zukomme, so sei sie es gewiß. Um ihre religiösen Gefühle zu schonen und ihr eine Festfreude zu bereiten, unterläßt er es nicht, ihr zum jüdischen Neujahrstag herzlichst zu gratulieren. Eine solche^Epistel sendet er ihr aus Ostende, den 11. September 1863. Dort heißt es unter anderem: „Da ich von C.'s gehört habe, daß dieser Tage Rescheschone ist (Rausch ha schono, um richtiger zu schreiben), so ermangele ich nicht, Dir meine heißesten und zärtlichsten Glückwünsche zu diesem Feste wie zum neuen Jahre überhaupt darzubringen. Möge es für Dich all das Angenehme enthalten, was ich wünsche." Ebenso innig sind die Gratulationsbriefe, die er an die „vielgeliebte Herzensmutter" auch nach dem Ableben seines Vaters zu richten Pflegt. In dem letzten Gratulationsschreiben vor seinem Ableben lesen wir die schönen Worte: „Zunächst gratuliere ich Dir, umarme und küsse Dich zu Deinem morgigen Geburtstage auf das herzlichste ab. Mögest Du gesund lind glücklich mit immer froherem Gemüt noch eine Reihe solcher Tage in der Mitte Deiner Lieben verleben, was diesmal leider nicht der Fall ist. Gestern bereits, weil Gütersendungen immer einen Tag mehr brauchen, schickte ich ein kleines Kistchen für Dich ab, enthaltend einen Hut und zwei Hauben, welche Riekchen für Dich mit der Bitte, sie Dir zum Geburtstage zu schicken, mitgebracht und hiergelassen hat, ferner von mir einen sehr schönen seidenen Sommermantel und eine Kafchmirbluse. Ich hoffe, daß Dir beides, besonders der Mantel — ein ganz neuer und noch sehr seltener Stofs —, gut gefallen wird. Sv prächtig und königlich wie Deine Geschenke für mich, sind meine an Dich freilich nicht, aber ich habe mir wenigstens Mühe gegeben, einen so guten Geschmack wie möglich dabei walten zu lassen. Ich bin immer in großer Verlegenheit dabei, denn ich weiß gar nicht, was Du Dir wünschest. .. . Nun adieu, Herzensgeliebte, einzige gute Mutter, ich küße Dich tausendmal und zärtlichst im Geist. Hoffentlich bringst Du Deinen künftigen Geburtstag bei mir zu. Dein zärtlichst Dich liebender Ferdinand." Furchtbar war die Heimsuchung der Vorsehung, als sie am 31. August 1864 ihren Sohn im Duell verlieren mußte. Seitdem war sie Physisch und auch geistig gebrochen. Gegen den widerlichen und marktschreierischen Kultus, den die Gräfin Sophie Hatzseldt mit der Leiche des im Duell Gefallenen trieb, rief sie die Hilfe der Gerichte an. Die preußische Regierung legte sich ins Mittel und erfüllte die gerechte Bitte der Mutter, ihr die irdischen Ueberreste des Verblichenen, der ihrem Herzen am nächsten stand, zu überantworten. So wurde seine sterbliche Hülle am 14. September 1864 in Breslau in der Lassalschen Familiengruft auf dem dortigen jüdischen Friedhof beigesetzt. Das von einem Relief gekrönte Denkmal, das er am 21. Dezember 1864 an der Stelle, wo er seinen ewigen Schlaf schläft, gesetzt erhielt, trägt die von seinem Freunde und Verehrer August Boeckh verfaßte Inschrift: Hier ruht, was sterblich war An Ferdinand Lassalle, Dem Denker und Kämpfer. ie beiden hier folgenden Gedichte sind zuerst im „Dortmunder (Generalanzeiger" gedruckt. Sie beziehen sich darauf, daß ein Jude, Fischet aus Rimbeck bei Paderborn, als erster deutscher Soldat eine feindliche Fahne erbeutete. I. Die e r st e Fahne! Und wißt ihr, wer bei Lagarde in der Schlacht Die erste Fahne hat heimgebracht? Die erste Fahne beim ersten Siege, Die erste Fahne im ganzen Kriege? Der Jude Fischel ist es gewesen, So stand es in den Blättern zu lesen. Groß rühmen will ich den Juden drum nicht, Er ist Soldat und er tat seine Pflicht; Wie tausend Juden, Millionen Christen, Die zu kämpfen vcrsteh'n und zu sterben wüßten. Er soll nicht Dithyramben hier lesen, Weil er ein Mann unter Männern gewesen. Doch wünscht' ich, daß jene läsen die Mär, Die feind den Juden seit alters her Sie niemals neben sich haben gelitten. Ihnen Deutschtum und Mannesmut abgestritten. Von denen wird mancher sich doch nun bequemen. Sich ganz, ganz heimlich ein wenig zu schämen. Mar Frank. II. Die erste Fahne! Eine Erwiderung. Die erste Fahne im großen Krieg, Die erste Fahne beim ersten Sieg, Sie errang kein Jude, auch kein Christ, Kein Dissident und kein Monist, Kein Liberaler, Junker oder Demokrat, Die Fahne eroberte ein deutscher Soldat!