Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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442 Dir Milche WohlkayrtsMse während des Krieges. Von Dr. Margarete I a c o b s o h n. s bedarf keiner besonderen Erwähnung, daß die Juden ihre durch die Kriegsnot gebotenen sozialen Pflichten gegenüber dem Gemeinwesen, dem sie angehören, durch Dari bringung von finanziellen Opfern und durch Aufwand an per-; jönlichcr Hilfeleistung vollauf erfüllen. Gerade jüdische Angalten und Wohlfahrtseinrichtungen ivaren es in erheblicher l Anzahl, die ihre Räume dem Roten Kreuz für Lazarett- und s Erholungszwecke zur Verfügung stellten, hingerissen von dem! heißen Drang, mitzuheljen, mitzutun. So schön und liebenss wert diese Motive sind, so verkehrt ist es, allgemein wahllos? | fahren der Zersplitterung und unzweckmäßigen Verwendung s der Mittel werden nun durch das Znstandekominen neuer! Hilfsaktionen durch Privatpersonen aufs äußerste gesteigert. Vom menschlichen Standpunkt ist es begreiflich, daß gute Menschen von dem Wunsche getrieben werden, ihrerseits die Hände nicht im Schoß ju falten und irgendeine Aktion zu beginnen. Sie begnügen sich nicht damit, im engsten Kreise 31t wirken, sie bemühen sich, andere für ihre Zwecke zu interessieren — und eine neue Organisation ist gegründet. Sie lassen sich allein vom guten Herzen treiben und wissen meist nichts von dem Umfange der bestehenden Liebestätigkeit, noch von den Grundzügen moderner sozialer .Hilfsarbeit. Darum wird aus dieser Arbeit eine große Gefahr für jede von vernünfligen Prinzipien geleitete Wohlfahrtspflege. Es kann jetzt nicht danach zu verfahren; der Schaden, der durch ein solches Tun > hcrvvrgerusen wird, übertrifst bei weitem den Nutzen, den es schaffen kann. Der Allgemeinheit kann nicht besser gedient werben, als wenn alle die Institute, die bisher eine soziale Notwendigkeit bedeutet haben, ihre speziellen Ausgaben weiter erfüllen. Sie werden es sogar in erweitertem Maße tun müssen. Krankenhäuser, Entbindungsanstalten, Lungenheilstätten, Kinder- und Säuglingsheime werden mehr als je infolge der größeren Not in Anspruch genommen werden; sie dürfen daher — wollen sie nicht direkt Schaden stiften — keinesfalls ihren Wirkungskreis einschränken. Das Rote Kreuz hat auch bereits an die Oefsentlichkeit die Mitteilung gelangen lassen, daß sein Bedarf an Erholungshäusern vermutungsweise gedeckt ist. Auch in anderer Beziehung ist ein Uebermaß an gedankenloser Hilfsbereitschaft ein Uebel. Tie Berliner jüdische Gemeinde hat bereits umfangreiche Maßnahmen getroffen, um der Not in ihrer Gemeinschaft zu steuern. Sie hat sich nicht damit begnügt, 20 000 Mark für diese Zwecke zu bewilligen, sondern sie hat auch in der Bildung der Kriegshilfskoinmission eine Organisation geschaffen, die sich ausschließlich mit den durch die Kriegsnot gegebenen Füllen befaßt. Alle bei der Armentommission eingehenden Gesuche, die den Krieg als Ursache eines Notstandes bezeichnen, werden der Kriegshiljsorganisation überwiesen und von dort aus bearbeitet. Selbstverständlich vertritt die Kommission den Standpunkt, daß ihre Hilfe nur Ergänzung ist und daß in erster Linie die Kriegsunterstützung von Staat und Stadt einzutreten hat. Außerdem hat die z jüdische Gemeinde eine Kommission geschaffen, welche die Aus-! gäbe zu erfüllen hat, hungerleidende und aufsichtslose Kinder in guten Händen unterzubringen. Neben diesen außergewöhnlichen Maßnahmen arbeiten in vermehrtem Umfang, aber in alter Weise die bereits bestehenden Kommissionen, die Armen-, Durchreise-, Stistungs- und Fürsorgekomuüssivnen weiter. Auch die organisierte private jüdische Wohttätigkeitspflege spannt ihre Kräfte an, um den an sie gestellten vermehrten Ansprüchen gerecht zu werde». Ist schon durch das Vorhandensein zahlreicher Vereine und Vereinchen die Gefahr der Zersplitterung in normalen Zeiten vorhanden, so wächst diese in dieser kritischen Epoche. Jeder Verein, jede Hilfsorganisation spannt alle Kräfte an, um der an sie herantretenden Not zu steuern. Jeder einzelne Verein fühlt in stärkerem Maße als je die Verantwortung, die Pflicht, seine Mittel zu verausgaben. Diese Fülle der Liebestätigkeit kann außerordentlich segensreich wirken, wenn sie gut organisiert ist, das heißt, wenn ein Handinhandarbeiten aller in Betracht kommenden Institutionen erfolgt und dadurch eine gerechte Verteilung ermöglicht wird. Geschieht dies aber nicht, so fehlt es dem Unterstützungswesen an jeglicher Zweckmäßigkeit, an jeder Kontrolle, entsteht dadurch eine Schädigung der zurückhaltenden, bescheidenen Notleidenden zugunsten der sich vordrängenden, sich überall meldenden Elemente. Diese Gedie Zeit sein, neue Einrichtungen zu schassen, sondern die bereits bestehenden, deren wir genügend haben, auszubauen und zu stärken. Alle Maßnahmen aber, die von privater oder Vereinsseite aus geschehen, um die durch den Krieg hervorgerusene Not zu lindern, sollten Hand in Hand mit den von der Gemeinde ins Leben gerufenen Einrichtungen wirken. JFrrömaniUCanaUf und leine Mutter. Von Dr. Adolf K 0 h u t. (Schluß.) turnet und immer bittet er geradezu flehentlich die Mutter, \ Breslau zu verlassen und nach Berlin zu seiner Egeria, der Gräfin Sophie Hatzfeldt, zu ziehen, die sie auf das freundlichste und herzlichste in ihrem Hause ansnehmen werde. Besonders dringend werden seine Bitten, wenn er wieder einmal ins Gefängnis wandert und die Gräfin mutterseelenallein in ihrer Wohnung bleibt. Die Gräfin habe sie sehr lieb, und sie würden sich also sehr gut miteinander vertragen. „Dabei wirst Du mich auch alle acht Tage im Gefängnis besuchen können, und mir wird es doppelt lieb sein, sowohl zu wissen, daß Du ohne Kummer und Aerger in meiner Nähe lebst und auch einige Zerstreuung hast." Doch war Frau Rosalie Lassal zu seinem tiefen Kummer nicht dazu zu bewegen, ihre Heimat und ihr Heim in Breslau zu verlassen. 'Da die Mutter die Reise nach Berlin nicht unternehmen wollte, war sein Bestreben darauf gerichtet, daß sie zu ihm wenigstens' nach Ems und Schlangenbad, wo er im September 1854 zum Kurgebrauch weilte, mit seinem Vater käme. Ter fürsorgliche Sohn gibt seinem Vater nun für die strenggläubige Mutter die folgenden Verhaltungsmaßregeln. Er müsse zwei Dinge bemerken: erstens sei es unerläßliche Bedingung, daß die geliebte Mutter auf dieser ganzen Reise alles esse, was er und die Gräfin Sophie Hatzseldt, nämlich Fleisch usw., kurz, alles ohne Ausnahme, denn k 0 s ch e r könne man es nicht haben, und den Aerger mit dem Essen, die Mittter hungern zu sehen, wolle er schlechterdings nicht. Am ersten Orte, wo die Mutter sich weigern würde, Fleisch zu essen, würde er svsort mit Kurier nach Hause reisen. Wenn die geliebte Mutter die alte Geschichte mit dem Essen ansange, so würde sie und sie alle mitsamt nur Aerger, nicht Vergnügen von der Reise haben. Das zweite Moment, das er vor Augen habe, sei, daß er nicht verhehlen könne, daß das Besteigen der Berge einige Schwierigkeiten machen werde. Besonders zu Fuß seien die Bergtouren sehr beschwerlich. Es sei deshalb überall für ein sehr bequemes Auskunstsmittel gesorgt. Man reite nämlich auf Eseln hinauf. Die geliebte Mutter müsse sich also entschließen, ihre teure Last gleichfalls einem braven Esel anzuvertrauen, was ganz ohne alle und jede Gefahr sei. „Sonst müßten wir überall unten