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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-11 · Heft 37 (11.9.1914) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 37 (11.9.1914)
Date
1914-09-11
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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441 des altohrwürdigen Ehasonus; seine Rezitative verfehlen ihre Wirkung beim Gottesdienst nie. Auch in den modernen Lewandowskischen Rezitativen liegen Würde und Schönheit des melodischen Ausdrucks. Lewandowski wollte auch den Gemeindegesang heben. Die Verhältnisse der kleinen und auch der größeren Gemeinden berücksichtigend, komponierte er im Kol rinno auch zweistimmige Gemeindegesänge, welche sich durch leichtfließende Melodik und Harmonik auszeichnen. So fand der Kol rinno bald Eingang in viele Gotteshäuser Israels. Lewandowski schuf nicht bloß kantorale Rezitative, sondern auch Chöre, und hier offenbart sich seine Größe. Denn hier zeigt er sich als bedeutender Musiker, als der Meister in der Polyphonie und als hervorragender Kontrapunktiker. Seine großangelegten und meisterlich durchgeführten vierstimmigen Chöre hat er in zwei Bänden für Sabbat und Feiertage unter dem Namen Todo w'simro veröfsentlicht. Wegen ihrer großen musikalischen Vorzüge werden die Lewandowskischen Chöre gern gesungen, zumal, da sie auch von tief religiösem Geist durchweht sind, wie sich überhaupt alle Gesänge Lewandowskis mit Recht der größten Popularität erfreuen. Somit glich die Gemeindeshnagoge in der Heidereutergasse besonders durch die schöpferischen Leistungen Sachs' und Lewandowskis einer Sonne, die ihre Strahlen weithin in die Gemeinden Israels aussandte. Der Gottesdienst in dieser Synagoge wurde Muster und Vorbild für den geregelten Gottesdienst sowie für die Hebung und Belebung des religiösen Sinnes im Judentum. Äobrrt Linderer, der jüdische Sichter des Lisggenlirdes. it tiefer Ehrfurcht und inniger Teilnahme haben wir kürzlich von dem Heldenmut erfahren, den die Besatzung S. M. Schiss „Ariadne" an den Tag legte. Das verhältnismäßig kleine Schiff, das sich in geschützter Stellung befand, drängte sich zum Kampf mit der englischen Uebermacht, zwei Dreadnougths, stellte den Feind, brachte ihm in halbstündigem Gefecht schwere Verletzungen bei und führte den Kampf noch fort, als schon das Achterschiff lichterloh brannte. Erst als auch das Vorschiff in Flammen stand, und die Engländer nach Westen abdrehten, faßte die Mannschaft den Entschluß, das Fahrzeug aufzugeben. Aber auch nachdem die drei vorschriftsmäßigen Kaiserhochs ausgebracht waren, wollte die tapfere Schar den sinkenden wellenumbrandeten Kampfplatz nicht verlassen, ohne dem Untergang ihres lieben Schisses eine besondere von Herzen kommende Weihe zu geben. Ruhig und furchtlos drang von ihren Lippen der Hochgesang unserer Marine über das Meer: „Hoch weht die Flagge schwarz-weiß-rot!" Dieses Lied ist für unsere Marine dasselbe wie die „Wacht am Rhein" für die Landratten. Doch, während die Namen von Dichter und Komponisten der „Wacht am Rhein" längst allgemein bekannt sind, wurde der Name des Flaggenlieddichters bisher kaum genannt. Es mag daher angebracht sein, an dieser Stelle einiges von ihm zu berichten. Denn der Dichter des Flaggenliedes, Robert Linderer, war ein Jude. Er wurde als Sohn des jüdischen Hoszahnarztes Linderer in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin geboren. Nach dem Tode des nicht gerade mit irdischen Gütern besonders gesegneten Vaters war er genötigt, sich einem praktischen Berufe zuzuwenden. Er entschied sich für das Buchdruckergewerbe und trat als Schriftsetzerlehrling in die damals bekannte Lindowsche Druckerei ein. Hier wurden zufällig auch zwei bescheidene Wochenblättchen verlegt, in deren Spalten sich der neue Lehrling seine ersten dichterischen Lorbeeren erwerben konnte. Später widmete er sich (wie sein noch heilte unter uns weilender Bruder Edriard Linderer, der bekannte Coupletdichter) völlig der Schriftstellerei und hatte auch als dramatischer Dichter gute Erfolge, zum Beispiel mit der abendfüllenden Posse „Ra — ta — tsching" und dem gemeinsam mit E. Jacobson geschriebenen Weihnachtsstück „Knecht Ruprecht". Besonders populär bei dem anspruchsloseren Lesepublikum wurde er jedoch durch die Herausgabe seiner Gedichte, von denen vor allem das Buch „Hochzeitsreigen", das im Verlage von Eduard Bloch erschienen, viele Auflagen erlebte. Die früher bekannteste seiner einzeln erschienenen Dichtungen ist wohl das Lied „Heil dem schöneil Handwerksbunde". Es wird noch heute an den Veveinsabenden des Berliner Handwerkervereins gern gesungen. Robert Linderer selbst war lind blieb in seiner Einfachheit Mitglied dieses Vereins, und als er nach einem stillbescheiden geführten Leben aus dem jüdischen Friedhof bestattet wurde, erwies fast der gesamte Berliner Handwerkerverein seinem überaus verehrten Mitgliede die letzte Ehre. Robert Linderer, der bürgerlich-anspruchslose, von der „Literatur" seiner Zeit wohl nicht so recht für voll erachtete Literat, hat es nicht mehr erlebt und wohl auch kaum erhofft, daß er sich durch sein herrliches Flaggenlied über den Rang eines Durchschnittsschriststellers hinaus zum nationalen Dichter erheben würde. Er wird es von nun an sein. Denn bei allen Deutschen unserer Zeit, und besonders bei unseren Blaujacken, sichert das Lied von der „Flagge Schwarz-Weiß-Rot", das auf der „Ariadne" die höchste Weihe gegeben und empfangen hat, seinem Dichter ein warmes und dankbares Gedächtnis im Sinne des Goethe-Wortes: So feiert ihn. Denn was dem Mann das Leben Nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben. J. A. Aron Beer, Erster Vorsänger der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. „Jmmer^besiug ich des Ewigen Huld." (ps. 8)).

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