Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Anregung David Friedländers bei Friedrich Wilhelm HIbetreffs „Umbildung" des Gottesdienstes im Tempel der Israeliten hatten das Verlangen nach Veredlung des Kultus in der Heidereutergasse gezeitigt. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde dachte an Ascher Lion, der in Strelitz (Mecklenburg) 15 Jahre das Amt eines Oberkantors und Rabbinatsassessors verwaltet und dann in Berlin den modernen Gottesdienst im Tempel von Jacob Herz Beer geleitet hatte. Lion, dem ein sehr guter Ruf voranging und der als Vertreter des alten Chasonus galt, wurde nach einem gelungenen Probevortrag von den Aeltesten der Berliner Gemeinde zum Nachfolger Aron Beers gewählt und nahm das Amt (im September 1823) als Obervorsänger an. Statt der früheren profan klingenden Gesänge führte Ascher Lion einen harmonischen vierstimmigen Chor ein. Durch diese und andere Verbesserungen gewann die Synagoge ständig an Besuchern, und der Wunsch vieler Gemeindemitglieder nach einem zeitgemäßen Gottesdienst war erfüllt. Die Musik zu den in der Synagoge gesungenen Texten lieferten Ascher Lion, Julius Stern, Zelter, Schauer (Gesanglehrer des Auerbachschen Waisenhauses) und der zu den Chorsängern zählende Louis Lewandowski.2) Der durch Lion organisierte Gottesdienst hielt sich so lange, bis Hirsch Weintraub mit seinem Chorpersonal nach Berlin kam (1835). Weintraub, der in Berlin in der Privatsynagoge von Lewinstein unter besonders großem Beifall seine und seines Chores Kenntnisse gezeigt hatte, betete auch in der Gemeindesynagoge an zwei Sabbaten mit glänzendem Erfolge vor. Dieser Gottesdienst bedeutete den Anfang einer neuen Aera. Lion, der Gemeindekantor, machte nun seinen ganzen Einfluß geltend, um durch das chorische Element den Gottesdienst zu reorganisieren. Der Vorstand ließ 1840 die Sulzersche Partitur aus Wien kommen. Damit begann die Reorganisation des Gottesdienstes. Auch Ascher Lion erkannte bald, daß nach den glänzenden Erfolgen Weintraubs der neuzubildende Chor nur dann das Interesse wecken könne, wenn seine Leistungen denen des Weintraubschen Gesangsorchesters ähnlich wären. Nach kurzer Zeit waren die Stimmen für ein gemischtes Doppelquartett beisammen, und nach ernsten Studien legte der Chor an einem Freitagabend-Gottesdienst die Resultate seines Fleißes der Gemeinde zur Beurteilung vor. Die Gemeindebehörde, überzeugt von der Notwendigkeit, den Chorgesang beim Gottesdienst stabil zu machen, und erfreut von den Leistungen des Chores, gewährte die Mittel zur Besoldung eines ständigen Chorpersonals. Dadurch, daß gute und begabte Knabenstimmen gewonnen und die Männerstimmen h Im Lol rinno Lewandowskis sind viele Gesänge der damaligen Zeit enthalten. erweitert wurden, verschaffte sich der Chor schnell eine künstlerische Bedeutung. Es wurden schwierige Piecen aus der Sulzerschen Partitur geübt und trefflich ausgeführt. Die Hauptleitung des Chores lag in den Händen Lewandowskis, den die Gemeindeältesten zum Dirigenten wählten. Diese Wahl bildet einen Markstein in der Entwicklung des Synagogengesanges überhaupt. Ausgerüstet mit allen künstlerischen Fähigkeiten stellte Lewandowski seine kompositorischen Kenntnisse in den Dienst der Synagogenmnsik und schuf Gesänge für Vorbeter und Chor. Auch das Bedürfnis nach erbaulicher Predigt wurde immer tiefer empfunden. Die Gemeindeältesten richteten ihre Blicke aus Dr. Michael Sachs, Prediger der Prager Gemeinde, der am 25. März 1844 zum Rabbinatsassessor der jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt wurde. Mit dem Amtsantritt von Dr. Sachs sollte der Kultus in der Synagoge Heidereutergasse manche Aenderungen erfahren. Es wurde eine Kommission eingesetzt, zu der außer Dr. Sachs auch M. Heinemann und Lion gehörten. Die Kommission forderte Sachs zu einem Gutachten über neueinzuführende Verbesserungen im Gottesdienst auf. Darin legte Sachs unter anderem seine Ansicht über den Gesang und Vortrag der Gebete durch Vorsänger und Chor dar. Das hatte zur Folge, daß neben den Sulzerschen Gesängen auch die Lewandowskischen eingeführt wurden. Die zunehmende Alterschwäche Lions veranlaßte den Gemeindevorstand, eine zweite Kantorstelle zu schaffen. Kantor Lichtenstein aus Stettin fand bei seinem Probevortrag durch seine umfangreiche Stimme allgemeinen Beifall und wurde engagiert (April 1845). Jetzt kam neues Leben in die kulturellen Verhältnisse der Gemeinde. Lewandowski und Lichtenstein ergänzten sich gegenseitig. Lewandowski arbeitete unermüdlich an dem musikalischen Ausbau des Gottesdienstes. Die Hoffnung, die Sulzer an das Erscheinen seines Schir Zion geknüpft hatte, nämlich „verwandten Geistern einen Impuls zu verleihen, daß sie auf neuangebahntem Wege weiter schreitend mit Verständnis, Erfahrung und Kunstsinn die Veredlung des gottesdienstlichen Gesanges fördern werden", ging besonders an Lewandowski in Erfüllung. Getragen von dem Gedanken, daß der Vorbeter, auch bei Mitwirkung der größten choristischen Kräfte, der alleinige Träger und Leiter des Gottesdienstes sei, und von dem heiligen Streben erfüllt, die unsterblichen Weisen unserer Väter sorgsam zu pflegen und künstlerisch zu gestalten, schuf Lewandowski seinen Kol rinno. Der Autor behandelt mit besonderer Sorgfalt die Rezitative für den Vorbeter. Die Gesänge sind von künstlerischem und dabei echt jüdischem Geist beseelt. Den traditionellen Melodien widmet Lewandowski gleichfalls große Aufmerksamkeit. Seine Gesänge tragen den Stempel Ascher Lion, Dber-llantor an der Hauptsynagogc zu Berlin. ■