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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-11 · Heft 37 (11.9.1914) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 37 (11.9.1914)
Date
1914-09-11
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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%>'■'” 1 ' *; -489 Mitte derselben hängen die zehn Gebote auf zwei Tafeln gezeichnet. Unter diesen hängt ein rother vom Sammt, mit Gold reich gestickter, mit güldenen Franseil umsetzter Vorhang, in welchem sie die Lade oder Schrank (so sie Aron nennen) zum Gedächtniß der Bundeslade, und darinnen über 100 Stück Thoras oder 5 Bücher Moses auf Pergament geschrieben und zusammengerollt liegen haben. Die L-andesherrschaft hat die jüdische Gemeinde mit einer kostbaren von allerhand schönen Seide gezierten Decke, so zu Churfürst Johann Georgs Zeiten gewirkt worden, zum Vorhang beschenkt und wird selbige alle hohen Feste dem König zu Ehren vorgehangen. Vor dem großen Altar stehen zwei Nebenaltäre oder Tische, worauf Lampen und Leuchter mit großen Wachskerzen stehen. Zur Rechten von einem Altar steht der große Leuchter mit 7 Armen nach dem zweiten Buch Moses XVII. Mitten in der Schule ist ein rund gebauter Stand, und auf selbigen ein mit einer schönen Decke gezierter Tisch, darauf täglich 2, und am Sabbath 7 Capitel aus der Thora von dem Vorsänger vorgelesen werden. An einer Seite oder Wand hängt eine große Tafel mit einem auf massive Art stark vergüldeten durchbrochenen schönen mit dem königlichen Adler und Krone verzierten Rahmen, auf welchem oben in hebräischer, und unten in deutscher Sprache der Segen über den König und das königliche Haus in güldenen Buchstaben zu lesen ist. Oben über dem Eingang der Tür quer durch sind zwei über einander gebaute Chöre mit Gitterwerk vermacht, auf welchen die Weiber sitzen. Unten auf der Erde sind viele Gestühle mit Zierrathen nach jüdischer Weise. Bei der Einweihung dieses Tempels am Sabbath vor dem jüdischen neuen Jahr 1714 hatte des Schutzjuden, Hof- Gold- und Silberstickers Salomvn Jsaacs Tochter das Glück, in hoher Gegenwart der königlichen Herrschaft und einer großen Menge Zuschauer als das erste Paar getraut zu werden." Die alte Synagoge, wie der Tempel in der Heidereutergasse namentlich feit der Erbauung der „neuen" in der Oranienburger Straße (1861) genannt wurde, hat eine achtungswerte Geschichte. Fast anderthalb Jahrhunderte war und blieb sie die einzige Andachtsstätte der Gesamtgemeinde; viele Generationen fanden hier ihre Erbauung. Würdige Männer, durch Gelehrsamkeit und Charakter ausgezeichnet, wirkten an ihr als Rabbiner. Die moderne Predigt wurde in ihr nicht vorzugsweise gepflegt; die Anhänger der Aufklärung, die Reformsreunde, suchten sich andere Stätten. Erst durch Michael Sachs, den glanzvollen, mächtigen, hinreißenden Redner, zog die deutsche Predigt hier siegreich ein. Die alte Synagoge ist in den Stürmen der Zeiten geblieben, was sie war: eine orgellvse. Was sie für den Chorgesang geleistet hat, wird in einem folgenden Aussatze dargetan. Sie ist eine orgellose geblieben und wird wohl jetzt meist nur von solchen Andächtigen ausgesucht, die den alten Ritus bevorzugen, wie denn jetzt in ihr fast ausschließlich solche Rabbiner das Wort ergreifen, die es mit ihrer Ueberzeugring nicht vereinen können, in Orgelsynagogen zu fungieren. Noch vor vierzig Jahren war das ganz anders. Bis in die achtziger Jahre hinein, bis zur Errichtung der Synagoge in der Lützowstraße, hatten manche alteingesessene Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der alten Synagoge ihre Plätze, die sie, wenigstens an den höchsten Feiertagen, besuchten. Die Stadt war noch nicht so ausgedehnt, Synagogen im Westen, Südosten und Norden existierten nicht. Mein Vater z. B. hat mit Vorliebe in der alten Synagoge gepredigt. Nicht etwa, weil er die dort herrschende Art des Kultus bevorzugte, sondern weil er gewiß war, dort immer ein zahlreiches Publikum vorzufinden, und unter diesem gar manche, die mit den alten Quellen Bescheid wußten, Anspielungen aus den Talmud und ein „gutes Wörtchen" verstanden. Er war trotz aller starken Parteinahme für die liberalen Ideen viel zu rücksichtsvoll, uw ein konservatives Publikum zu ärgern ober gar zu verletzen, und wenn er auch mit seiner Meinung nicht zurückhielt, so machte es ihm Freude, sich in alten Geleisen zu bewegen, daneben aber auch belehrend, erbauend, gelegentlich auch anstachelnd zu wirken. Es mag Manchem bedauerlich erscheinen, daß gegenwärtig viel seltener als früher wirklich freisinnige Rabbiner auch in der alten Synagoge Predigten halten; aber wir wollen, eben weil wir das Judentum höher stellen als eine Partei, uns freuen, daß an jener Stelle die Altgläubigen einen Gottesdienst finden, wie sie ihn allein für begehrenswert halten. Die alte Synagoge bleibe weiter, was sie zwei Jahrhunderte gewesen: ein Versammlungsort nicht einer Partei, sondern eines Teiles der Gesamtgemeinde; keine Stätte des Haders, sondern ein Symbol des Friedens und der Einheit; nicht ein Platz einseitigen Parteitreibens, sondern ein dem Höchsten geweihter Tempel, ein ruhiges Idyll aufrichtiger Gottesverehrung. Die Bedeutung der Alten Synagoge (heldereutergalle, Lerlin) kür die Entwicklung des Synagogengelsnges. Von König!. Musikdirektor A. ft x i e b m et n n , Oberkantor der jüdischen Gemeinde zu Berlin. it der Emanzipation begann sich unter den deutschen Juden auch der Trieb zu regen, Musik und Gesang in wissenschaftlicher Weise zu betreiben und deren Segnungen der Synagoge dienstbar zu machen. In Berlin war es Aron Beer, der durch seine musikalische und stimmliche Begabung besonders die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Beer, eine Lichtgestalt jüdischer Kantoren des 18. Jahrhunderts, wurde im Jahre 1765 als Nachfolger Hartog Leos vom Vorstand der jüdischen Gemeinde als Oberkantor der Synagoge in der Heidereutergasse angestellt. Seine umfangreiche und vorzüglich geschulte Tenorstimme erregte die Bewunderung vieler Musikfreunde, die dem selten begabten Kantor gern lauschten. Aus seiner früheren Gemeinde Paderborn brachte er Melodien mit, die er hier für den Gottesdienst verwendete. Auch benutzte Beer Melodien von Berliner christlichen Komponisten, wie Graun urld Haß. Alle 1210 in einem Folioband enthaltenen Piecen sind einstimmig und ohne Text?) Nur aus den Überschriften sieht man, daß diese Gesänge für den Gottesdienst bestimmt sind. Freilich dürften sie sich ihrem ganzen Charakter nach mehr für Klavierbegleitung oder Geige, als für menschliche Stimme eignen. Ein kurzer Auszug aus dem Folioband, der als Handbuch für den Omed dienen sollte, sagt uns, daß Aron Beer jene Gesänge im Gottesdienst zum Vortrag brachte. Beer war auch bestrebt, den Gottesdienst gesanglich vielfach auszugestalten. So sang er während des Jahres 21 verschiedene Melodien auf Pclio dandi und 20 auf mismor schir Pjoin haschabbos. Dem maariw Gebet suchte er durch die von ihm komponierten 29 maPchusVlio und 9 ki wonu woebarto im Kiddusch einen besonderen musikalischen Reiz zu verleihen. Am Pessach sang Beer im Halle! 32 verschiedene Melodien aus liodu und amo, und am Schowuos hatte er für diesen Text 7 verschiedene Weisen. Nach dem Mussas-Gebet an Sabbaten und Festen trug Beer den Schluß-Kaddisch mit 63 verschiedenen Melodien vor. Ebenso waren an den hohen Feiertagen die Gebete mit reichlichen Kompositionen versehen. Am 3. Januar 1821 starb Aron Beer, und die Berliner Gemeinde wollte nunmehr einen modernen Kantor wählen. Denn die Emanzipation der Inden und besonders die h Den Einblick in den musikalischen Nachlaß Aron Beers verdanke ich der Güte des Sauitätsrats Dr. Hugo Schlesinger-Berlin.

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