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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-11 · Heft 37 (11.9.1914) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 37 (11.9.1914)
Date
1914-09-11
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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sobald sie uns vorliegt, so soll schon jetzt ein kurzes Erinnerungsblatt versucht werden. Die Juden sind in Berlin, wo sie während des Mittelalters und im Anfang -der Neuzeit vorübergehend weilten, seit 1671 zu dauerndem Wohnsitz gelangt. Sie besaßen aber in der ersten Zeit nach ihrer Ansiedlung keine Gemeindesynagoge, sondern versammelten sich zu gottesdienstlichen Zwecken in zwei Privatsynagogen, der einen, die von dem Hofjuden Jost Liebmauu eingerichtet war (1684), der anderen, die unter der Leitung von Koppel und Hirsche! Rieß sonne von Bendir Veit existierte (1692). Entweder infolge von Streitigkeiten, die in dem letztgenannten Betlokale stattfanden, oder infolge von Raummangel, wurden zwei neue religiöse Stätten erlaubt, die eine dein Wulff Salomon (1696 auf zehn Jahre), die andere dem David Rieß, wegen eines Glückwunsches, der dem Kurfürsten Wohlgefallen hatte (1697). Diese zahlreichen Betstätten waren aber nicht nach dem Sinne der Regierung. Daher wurde den Juden erössnet (1698): nur zwei Privatsynagogen, über die sie sich zu einigen hätten, sollten bestehen bleiben, dagegen sollte von der ganzen Judenschaft eine Gemeindesynagoge errichtet werden. Die Ausführung dieses Unternehmens war nicht leicht. Der Platz für das Gebäude wurde am 12. Juni 1711 für 1500 Taler getauft, der Konsens zum Bau am 12. November erteilt. Bis aber die Synagoge als die allgemein und allein gültige an-! erkannt wurde (wofür die Judenschaft am 20. März 1715 j 6000 Taler zu entrichten hatte), vollzog sich gar mancherlei. Als die Geineinde mit der Zahtung säumig war, wurde sie durch die königliche Drohung, „wenn sie nicht bis Sonntag zahlen, so soll Liebmannin die Schul haben" erschreckt. Denn diese Liebmannin, Frau Esther Liebmann, die Witwe des obengenannten Hofjuden, war mit Erfolg bemüht, ihre Synagoge zu erhalten; erst nach ihrem Tode wurde diese Andachtsstätte geschlossen (9. Januar 1715). Sodann machte David Rieß Schwierigkeiten, obgleich ihm schon 1707 der Befehl erteilt worden, seine Synagoge zu schließen; am 20. März 1715, nachdem ihm seitens der Gemeinde eine Entschädigung gegeben worden, kam er dem Befehle nach. Ter Grundstein für die neue Synagoge wurde am 3. Jjar 5472 — 9. Mai 1712 gelegt, der Bau wurde, nachdem der Bej weis erbracht worden, daß die dazu nötigen Geldmittel vorhanden feien, genehmigt (6. Februar 1713) und eifrig gesördert. Schon am Sabbat vor dem Neujahr 1714 — 8. September , wurde die Synagoge in Gegenwart des Königs und des Hofes : eingeweiht und zur Feier des Tages eine Rede von H i r f ch e l B en j a m i n F r ä n k c l gehalten, die noch jetzt vorhanden ist. Dieser Hirsch Benjamin Fränkel, eigentlich Nastali Hirsch Neumann-Mirels, war, >vie mich Herr Tr. M. Stern belehrt, Sohn des Wiener Ernlanten Benjamin Mirels und Vater des bekannten Rabbiners David Fränkel, des Lehrers Mendelssohns. Er starb am 25. Siwan 1742. Daran schloß sich gleichfalls unter Teilnahme des königlichen Hauses die Trauung einer Tochter des Hofstickers Aron Isaak. Lei der Grundsteinlegung des Tempels wurde ein Gebet gesprochen, das uns von König („Annalen der Juden in der Mark Brandenburg", 1788, S. 240 bis 242) aufbewahrt worden ist. Es lautet: „Im 12ten Jahr Friedrichs des Ersten, unsers allergnädigsten Königs in Preußen, da er ließ ankündigen auch durch Schriften und sagen: Wer nun unter dem Volk ist, mit dem sey sein Gott, und baue das Haus des Herrn zu dem jüdischen Gottesdienst allhier in königl. Residence Berlin. Da machten sich auf die obersten Väter aus Juda, zu bauen das HanS des Herrn, und etliche der Obristen Väter und Aeltesten wurden freywillig zum Hause Gottes, daß man cs setzte auf seine Stelle, und gaben nach ihrem Vermögen, und alle die umb sie her waren stärkten ihre Hände mit Silber und Gold. Atit allergnädigster Erlaubniß unsers allergnädigsten Königs wurde der Grund des Hauses Gottes geleget am 3ten Tage des Monats Siff, so sonsten Jier genannt, im Jahre 5472 nach Erschaffung der Welt. Ein Betthauß wurde es geheißen, zu beten allda zu Gott, und zu bitten für des großen Friedrichs, unsers allergnädigsten, großmächtigsten, frommen und barmherzigen Königs, Dero Gemahlin, der allerdnrchlauchtigsten Königin, des durchlauchtigsten Crvnprinzen, der Cronprinzessin, dieser durchlauchtigsten Prinzessin des Durch!. Prinzen von Oranien und des ganzen Königl. Hanfes langem Leben, Gott der Allmächtige vergrößere und erhebe ihr Glück, ja wo sie sich hinkehren und wenden, sollen sie beglückt seyn. Gelobet sey der Herr unser Väter Gott, der solches hat dem Könige eingegeben, daß Er das Hauß Gottes zieret, und hat zu uns Barmherzigkeit geneigt vor dem König, (Gott erhöhe dessen Thron!) und dem Durchl. Cronprinzen und Ihren Rathgebern, auch allen ihren Bedienten, die uns zur Rechten gestanden, daß Er hat befohlen zu bauen ein Hauß dem Namen Gottes. Dacumb auch alle, wie wir hier zusammen, wollen mit andächtigem Gebet Zu Gott ruffen, daß Er wolle denThron unsers allergnädigsten Königes vergrößern und erhöhen, er wolle Völker seinen Füßen unterwerfen, seine Feinde sür ihnen machen fallen, sie sollen ihme zintzbare Knechte werden zu ewigen Zeiten, Er wolle seine Tage verlängern auf sein Königreich, Ihme seinen Kindern und Kindeskindern auf ewig, in seine und unfern Tagen sollen wir in Ruhe unter dessen Schutz sitzen, ein Mann unter seiner Weinrebe, ein Mann unter seinen Feigenbaum, als wie ein zweighafter Olivenbaum, es soll kein Klaggeschrei) gehöret werden, es soll all das seufzen und jammern abgewendet werden, es soll bey ihren Zeiten lauter Friede seyn, wie sie es selbst wünschen mögen. O du gütiger, ewiger, barmherziger Gott, wie du angehoben uns zu erzeigen deine Herrlichkeit und hast unserm allergnädigsten Könige und dem Durchlauchtigen Cronprinzen ins Hertz gesetzet, uns solche große Gnade zu erweisen, du wollest auch ferner deine Gnade über uns ergehen lassen, und ihr und ihrer Rathgeber Hertz regieren, daß sie mit uns künftig in Güte und Gnade verfahren zu ewigen Zeiten. Hiermit wollen wir unser Gebet zu dem allmächtigen Gott beschließen, daß alle Segen, so in der heiligen Thora stehet, solle auf ihren Häuptern ruhen, und ihre Stammwurzel soll ewig gewehren, das sey dein gnädiger Wille! Darauf sagen wir alle: Amen." Das Gebäude, das, wie schon erwähnt, 1714 eingeweiht wurde, hat im Laufe der Zeit viele und bedeutende Veränderungen und Umbauten erfahren. Von seinem gegenwärtigen baulichen Zustande zu sprechen erübrigt sich, wohl aber dürfte es den jetzt Betenden interessant sein, eine Schilderung zu vernehmen, die etwa vierzig Jahre nach dem Bau, 1752, in einer älteren Beschreibung Berlins sich findet. Sie lautet so: „Dieser Tempel wird vor eins von den allerschönsten Schulgebäuden, so die Juden im ganzen römischen Reiche haben, gehalten, und soll an Schönheit derjenigen Schule, so die Portugiesischen Juden in Amsterdam haben, nichts nachgcben. Der sogenannte Regensburger Zimmermeister, namens Kemneter, hat das Werk schön eingerichtet, sonderlich aber das Oberdach künstlich und zu vieler Verwunderung gebunden. Es ist dieser Tempel mit hohen Fenstern und länglich angelegt, lieber dem Eingang sind mit hebräischen Buchstaben die Worte aus Ezechiel XI. 16 eingehauen. Inwendig findet man ein zierlich geschnitztes Holzwerk mit vielen Zierrathen und Blumentöpfen, und andere schöne Bindung von oben bis unten. Der hohe Altar ist von Bildhauerarbeit künstlich verfertigt. In der

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