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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-11 · Heft 37 (11.9.1914) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 37 (11.9.1914)
Date
1914-09-11
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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437 befestigunSM im nördlichen Frankreich außer der Festung Maubeuge in unseren Händen. Gegen Reims ist der Angriff eingeleitet. Die Kavallerie der Armee des Generalobersten v. Kluck streift bis Paris. Das Westheer hat die Aisne-Linie überschritten und setzt den Vormarsch gegen die Marne fort. Einzelne Vorhuten haben sie bereits erreicht. Der Feind befindet sich vor den Armeen der Generalobersten v. Kluck, v. Bülow, v. Hausen und des Herzogs von Württemberg im Rückzug auf und hinter die Marne. Vor der Armee des deutschen Kronprinzen leistete er im Anschluß an Verdun Widerstand, wurde aber nach Süden zurückgeworfen. Die Armeen des Kronprinzen von Bayern und des Generalobersten v. Heeringen haben immer noch starken Feind in befestigten Stellungen im französischen Lothringen gegenüber. Im oberen Elsaß streifen deutsche und französische Abteilungen unter gegenseitigen Kämpfen. In: Osten ernten die Truppen des Generalobersten v. Hindenburg weitere Früchte ihres Sieges. Die Zahl der Gefangenen wächst täglich, sie ist bereits auf 90 000 Mann gestiegen. Wie viele Geschütze und sonstige Siegeszeichen noch in den preußischen Wäldern und Sümpfen stecken, läßt sich nicht übersehen. Anscheinend sind nicht zwei, sondern drei russische kommandierende Generale gefangen. Der russische Armeeführer ist.nach russischen Nachrichten gefallen. * Am 5. September wurde folgende Mitteilung ausgegeben: Reims ist ohne Kampf besetzt. Die Siegesbeute der Armeen wird nur langsam bekannt. Die Truppen können sich bei ihrem schnellen Vormarsch wenig darum bekümmern. Noch stehen Geschütze und Fahrzeuge im freien Feld verlassen. Die Etappentruppen müssen sie nach und nach sammeln. Bis jetzt hat nur die Armee des Generalobersten v. Bülow genauere Angaben gemeldet. Bis Ende August hat sie sechs Fahnen, 233 schwere Geschütze, 116 Feldgeschütze, 79 Maschinengewehre, 166 Fahrzeuge erbeutet und 12 934 Gefangene gemacht. — Im Osten meldet Generaloberst v. Hindenburg den Abtransport von mehr als 90 000 unverwundeten Gefangenen. Das bedeutet Vernichtung einer ganzen feindlichen Armee. Das „Verl. Tagebl." schreibt: K on fes s i onelle En gherzi gkei t. Wir konnten gestern mitteilen, daß nach einer Erklärung des Kriegsministeriums die Arbeiter bei ihrer Einstellung in einen Betrieb der Heeresverwaltung „selbstverständlich" nicht nach der Konfessiorl gefragt werden sollen. Leider ist man auch in dieser Zeit, in der alle Kräfte auf ein einheitliches Ziel gerichtet werden sollten, nicht überall so vorurteilsfrei. Uns ist ein Schreiben zugegangen, in dem sich eine jüdische Lehrerin sehr bitter und unseres Erachtens mit vollem Recht darüber beklagt, daß man ihre Hilfe, die sie wohlgenlerkt umsonst anbot, zurückgewiesen habe. Wir wollen vorläufig die mitteldeutschen Orte, um die es sich handelte, nicht nennen, glauben aber aus dem Brief folgende Sätze wiedergeben zu sollen: „Am ersten Tage der Mobilmachung stelle ich mich der Schulbehörde voll und ganz zur Verfügung. Man fragt nicht erst nach meinem religiösen Bekenntnis, hier in P. ist man über solche Sachen genau orientiert, und man sagt — nein. Ich gehe zum Schulrat, zu den einzelnen Leuten. Mit großer Mühe beschaffe ich auf allerhöchsten Wunsch meine Zeugnisse. Und — Nein, nein, nein! 105 Lehrer fehlen hier. Aber man stellt keine Jüdin an. Von Pontius zu Pilatus läuft man und hört immer, immer wieder dasselbe! Das Nein! Der Bruder, die nächsten Verwandten, die dürfen das Vaterland retten, dürfen für dasselbe bluten und sterben. Dasselbe Vaterland aber läßt die Schwester verhungern! Wahrlich! — es gehört viel, viel Vaterlandsliebe und Begeisterung dazu, hier nicht bitter zu werden! Hoffentlich ist diese Art und Weise nicht allgemein üblich." Die Lehrerin fügt hinzu, daß sie diese Angelegenheit nicht für sich — sie wollte, wie gesagt, umsonst arbeiten —, sondern für die Allgemeinheit zur Sprache bringe. Es erscheint uns notwendig, diesen Hinweis aus eine konfessionelle Rückständigkeit, die in der gegenwärtigen Zeit doppelt peinlich und häßlich wirkt, der Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten. Der „Berliner Börsenkurier" enthält folgenden Artikel: Der Antisemitismus und der Krieg. Man sollte wirklich meinen, daß in dieser großen Zeit aller Partei- und Rassenhader aufgehoben sein sollte, daß alle Menschen, welcher Art auch immer, sich für zugnt hielten, um jetzt im Men Stil häßliche Polemiken und persönliche Anwürse auszuüben. Im großen und ganzen ist ja erfreulicherweise auch ein solcher allgemeiner Burgfriede eingetreten. Eine unerquickliche Ausnahme machen auch diesmal die Antisemiten. Ohne jede äußere Veranlassung wird in den „Deutsch-Sozialen Blättern" ein patriotischer Ausruf des Abgeordneten Dr. Heckscher, in dem mit packenden Worten die Einigkeit aller Deutschen verkündet und die Liebe zu unserem Volke als einigendes Band gepriesen wurde, zum Anlaß genommen, um in der bekannten, halb witzelnden, halb verleumderischen Art den genannten Abgeordneten, das „Berliner Tageblatt", das Judentum zu verunglimpfen. So heißt es da unter anderem: „Freilich, der Beweis war ja zu liefern, daß die jüdische Rasse sich immer gleich bleibt. . . . Ja, die Herren Lieferanten werden gewiß gute Geschäfte machen. ... Sie (die Juden) werden übrigens klug genug sein, sich während der Kriegszeit in acht zu nehmen, sie werden alle so patriotisch wie der Herr Siegfried Heckscher sein oder sich wenigstens ruhig verhalten, es wird keiner „Viva in Trance!" rufen. Ihre Geschäfte werden sie natürlich machen, das ist ihre Natur. An den Antisemiten ist der große Aufschwung wirkungslos vorübergegangen. Sie sind wie bisher im Schlamm ihrer kleinlichen Verleumdungspolitik stecken geblieben. * Vom 6. September wird folgendes amtlich gemeldet: Seine Majestät der Kaiser wohnte gestern den Angriffskämpfen um die Befestigungen von Nancy bei. — Von Maubeuge sind zwei Forts und deren Zwischenstellilng gefallen. Das Artillerieseuer konnte gegen die Stadt gerichtet werden. Sie brennt an verschiedenen Stellen. Aus Papieren, die in unsere Hände gefallen sind, geht hervor, daß der Feind durch das Vorgehen der Armeen der Generalobersten v. Kluck und v. Bülow nördlich der belgischen Maas vollständig überrascht worden ist. Noch am 17. 8. nahm er dort nur deutsche Kavallerie an. Die Kavallerie dieses Flügels unter Führung des Generals von der Marwitz hat also die Armeebewegungen vorzüglich verschleiert. Endlich wird berichtet: London, 6. September. Der Minister des Aeußeren und die Botschafter Frankreichs und Rußlands Unterzeichneten heute vormittag im Foreign Office eine Erklärung, die besagt: Die Unterzeichnung, regelrecht autorisiert von ihren Regierungen, geben folgende Erklärung ab: „Die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und Rußlands verpflichten sich wechselseitig, keinen Einzelfrieden im Laufe dieses Krieges zu schließen. Die drei Negierungen kommen überein, daß, falls es angebracht sei, den Friedenswortlaut zu diskutieren, keine der verbündeten Mächte Friedensbedingungen festsetzen kann ohne vorheriges llebereinkommen mit jeden: der beiden anderen Verbündeten." Bit Lweihundertjshrkejer der Alten Synagoge. Von Ludwig Geiger. nt 12. September 1914 sollte eine große Feier zur Erinnerung <rn die vor 200 Jahren geschehene Einweihung der alten Synagoge in der Heideveutergasse zu Berlin stattsinden. Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher war beaustragt, zu diesem Anlasse «ine würdige Festschrist herauszugeben. Die Zeitverhältnisse sind nicht dazu angetan, Jubelfeste zu begehen; die ungeheuren Ausgaben für das Notwendige, zur Steuerung der außerordentlichen Not, gestatten nicht, überflüssig scheinende Ausgaben, wie die für Herstellung und Massenverteilung einer umfangreichen und würdig ausgestatteten Festschrift, zu machen. Darum ist, nach einem durchaus» billigenswerten Beschlüsse des Gemeindevorstandes die Feier verschoben und die Herausgabe der Festschrift auf ruhigere Zeiten vertagt worden. Aber ein Blatt, wie das unserige, das in Berlin erscheint, und das, trotz des Bewußtseins, von dem es erfüllt ist, daß es der Gegenwart zu dienen habe, doch gern der Vergangenheit sich zuwendet, hat das Recht und die Pflicht, auch eines solchen Ehrentages zu gedenken. Behalten wir uns auch vor, später von der Feier zu berichten, wenn eine solche stattgefunden hat, und auf die Arbeit des Herrn Eschelbacher einzugehen.

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