Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
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436 Hat denn nicht -der Zar 1905 den Juden gleiche Rechte versprochen, und hat er denn nicht dieses sein Versprechen mit dem höchsten Manifest bekräftigt? Wie hat er sein Wort gehalten, das er vor aller Welt verpfändet hat? Gedenket der furchtbaren Ausweisungen, die gegen die großen jüdischen Massen in Anwendung gebracht werden. Gedenket der Städte Kischinew, Hornel, Vialystok, Siedlec und der übrigen Hunderte von Pogromen. Gedenket des Beilis-Prozesies und der Anstrengungen der barbarischen Regierung, die schreckliche Lüge des Blutmärchens zu verbreiten. Also hielt der Zar sein kaiserliches Wort, welches er gegeben hat, als er in der Not war. Auch jetzt befindet er sich zwischen Hammer und Amboß, und das ist die Ursache seiner Versprechungen. Eure heilige Pflicht ist es, jetzt sämtliche Kräfte anzuspannen, um an der Befreiung mitzuarbeiten. Sämtliche Kräfte: eure Jugend, eure Gemeinden, eure Vereine müssen wie ein Mann auftreten, der heiligen Sache zu helfen. Wir erwarten, daß ihr eure Gesinnung und eure Ergebenheit durch Tatsachen dokumentieren werdet. Wendet euch mit der größten Zuversicht an die Kommandeure unserer Heere in den Orten, die euch am nächsten sind. Alle Arten Lieferungen werden prompt und ordentlich bezahlt. Bahnt den Weg, um den Feind vollständig zu bezwingen, um damit der Freiheit und Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Ein noch glorreicherer Tag als der 31. August war der 2. September. Am Vormittag waren die ersten französischen, belgischen, russischen Kanonen nach Berlin gebracht; ein feierlicher und erhebender Triumphzug, zu dessen Beschauen ganz Berlin nach den Linden strömte. Das gesamte Deutschland hatte auf den 2. September, den Tag der ruhmreichen Schlacht von Sedan als einen Entscheidungstag gewartet. Die Erwartung wurde nicht getäuscht. Am Abend wurde ein Extrablatt ausgegeben folgenden Wortlauts: Die mittlere Heeresgruppe der Franzosen — etwa zehn Armeekorps — wurde gestern zwischen Reims und Verdun von unseren Truppen zurückgeworfen. Die Verfolgung wird heute fortgesetzt. Französische Vorstöße aus Verdun wurden abgewiesen. Seine Majestät der Kaiser befand sich während des Gefechts bei der Armee des Kronprinzen mtb verblieb die Nacht inmitten der Truppen. v. Stein, Generalquartiermeister. Nicht ganz so erfolgreich, aber teilweise von bedeutsamen Resultaten gekrönt, verlaufen die Kämpfe der Oesterreicher gegen die Russen, auch darüber meldet ein amtliches Telegramm: Die einwöchige erbitterte Schlacht im Raume Zamvsz-Tyszowcze führte gestern zum vollständigen Siege der Armee Auffenberg. Scharen von Gefangenen und bisher 169 Geschütze wurden erbeutet. Die Russen beftubeu sich im Rückzüge über den Bug. Auch bei der Armee Dankt, die nun Lublin angreist, sind ununterbrochen Erfolge zu verzeichnen. In Ostgalizien ist Lemberg noch in unserem Besitz, gleichwohl ist dort die Lage gegenüber dem starken und überlegenen russischen Vorstoß sehr schwierig. Während dessen hat die französische Regierung, die sich noch immer in falschen Hoffnungen wiegt und ihr Volk mit lügnerischen Mitteilungen betrügt, Paris verlassen und Bordeaux aufgesucht. Die Bank von Frankreich hat ihre Schätze nach Bordeaux überführt. Paris, das sich reichlich verproviantiert, so daß das Bois de Boulogne und die freien Plätze in Hevdenlager verwandelt sind, erwartet, fieberhaft erregt, aber doch den ganzen fürchterlichen Ernst der Situation nicht begreifend, die Belagerung. Deutsche Luftschiffe sind über Paris erschienen. Bomben sind geworfen, die bisher keinen ernsten Schaden angerichtet haben. Die französische Regierung, die ihre und die englischen Truppen mit den verbotenen Dum-Dum-Geschossen versorgt, die jedem Völkerrecht widersprechend, aus dem Hinterhalt durch Nichtmilitärs unsere Truppen, Sanitätsoffiziere und Verwundete niederschießen läßt, wagt es, bei dem amerikanischen Botschafter unsere Heeresleitung wegen eines Bruchs des Völkerrechts zu denunzieren. Förmliche Luftschlachten haben über Paris stattgefunden. * Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich mit folgender Beschwerde an das preußische Kriegsministerium gewandt: 2. September 1914. Ew. Exzellenz gestattet sich der unterfertigte Verein, der annähernd 150 000 deutsche Juden in ihrem Kampfe um die Gleichberechtigung vertritt, von folgendem Vorgang ergebenst in Kenntnis zu fetzen: Auf eine am dritten Mobilmachungstage in den Tageszeitungen erschienene Aufforderung meldeten sich unter dem 6. August unter anderen auch die Herren I. Visier, Charlottenburg, Potsdamer Straße 38, Bruno Bieber, Charlottenburg, Dankelmannstraße 61 bei dem Königl. Chem. Feuerwerkslaboratorium Spandau, Neuendorser Straße, als Schreiber. Zunächst warteten sie Zusammen mit allen übrigen in der Reihenfolge, wie sie zur Meldung gekommen waren. Nach einer Weile -aber nahm sie der Portier beiseite und fragte sie, ob sie Juden seien. Als sie dies bejahten, veranlaßte er sie, unter diesen Umständen das Warten aufzugeben, da es keinen Zweck hätte: „Israeliten werden hier n i ch t b e s ch ä f t i g t." Wir glaubten zunächst, diesem Vorfall keine Bedeutung beimessen zu sollen, -da wir annahmen, daß es sich hierbei lediglich um eine auf keinerlei Tatsachen gegründete Bemerkung eines untergeordneten Organs gehandelt habe. Wir erfahren jetzt aber, daß sich auf Grund der Darstellung der beiden oben angeführten Herren ein dritter Herr, Herr Max Friedländer, Berlin SW, Lindenstraße 108, persönlich nochmals an den Portier mit der Bitte um Auskunft in der gleichen Angelegenheit gewandt habe. Der Portier hat darauf erklärt, daß ihm von der H a u p t st e l l e ausdrücklich die Weisung gegeben worden sei, Ausländer und Juden bei Stellengesuchen nicht vorz u l a s s e n, mit dem Hinweise, daß solche nicht a n g est e l l t würde n. So sehr es uns in dieser großen Zeit fernliegt,, kleinen unscheinbaren Vorfällen durch Beschwerden erst größere Bedeutung beiznmessen, so wenig dürfen wir doch den vorliegenden Vorfall unbeachtet durchgehen lassen. Ganz abgesehen davon, daß bei jeder behördlichen Anstellung der grundsätzliche Ausschluß von Juden gegen Gesetz und Verfassung verstößt, bedeutet die angeführte Auslassung eine Kränkung der Juden in ihrer Gesamtheit, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Während Juden jetzt in gleicher Weise wie Nichtjuden ihr Lleußerstes an Pflichterfüllung im Felde wie auch in der freiwilligen LiebestätigNt tun, während gerade jetzt von allen Seiten — insbesondere mich von allerhöchster Stelle — immer wieder das Einheits- und Einigkeitsgefüh-l aller Deutschen ohne Unterschied voll Stand, Beruf und Konfession öffentlich betont wird, werden hier die Juden in ihrer Gesamtheit den Ausländern gl-eichgestellt, denen grund-- sätzlich die Anstellung, in einem königlich preußischen Institute verwehrt wird. Wir bitten Ew. Exzellenz ganz gehorsamste der Angelegenheit, die mit Recht eine gewisse Beunruhigung, verursacht hat, nachgehen und die hierfür verantwortlichen Stellen auf das Unzulässige, Unpatriotische und Gesetzwidrige ihres Vorgehens Hinweisen 31t wollen. Einem geneigten Bescheide Ew. Exzellenz sehen wir vertrauensvoll entgegen. * Am 4. September wurde folgende amtliche Nachricht verbreitet: Bei der Wegnahme des hoch im Felsen gelegenen Sperrforts Givet haben sich ebenso wie im Kampf um Namur die von Oesterreich zugesandten schweren Motorbatterien durch Beweglichkeit, Treffsicherheit und Wirkung vortrefflich bewährt. Sie haben uns ausgezeichnete Dienste geleistet. Die Sperrbefestigungen Hirson, Les Ayvelles, Condo, La Fere und Laon sind ohne Kampf gewonnen. Damit befinden sich sämtliche Sperr-