Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
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435 im Vormarsch bereits ein englisches Jnfanteriebataillon gefangen genommen hatte. Die Armee des Generalobersten v. Hausen hat den Gegner auf. die Aisne bei Rethel zurückgedrängt. — Die Armee des Herzogs von Württemberg hatte bei Fortsetzung des Uebergangs über die Maas den Feind zunächst mit Vortruppen überrannt, mußte aber beim Vorgehen stärkerer feindlicher Kräfte teilweise wieder über die Maas zurück. Die Armee hat dann die Maasübergänge wieder gewonnen und befindet sich im Vorgehen gegen die Aisne. Das Fort Les Ayvelles hinter dieser Armee ist gefallen. Die Armee des deutschen Kronprinzen setzt den Vormarsch gegen und über die Maas fort. Nachdem der Kommandant von Montmedy mit der ganzen Besatzung der Festung bei einem Ausfall gefangen genommen worden war, ist die Festung gefallen. — Die Armeen des Kronprinzen von Bayern und des Generalobersten v. Heeringen stehen noch in fortgesetztem Kampfe in Französisch-Lothringen. — Im Osten ist der gemeldete Sieg der Armee des Generalobersten v. Hindenburg von weitaus größerer Bedeutung, als zuerst übersehen werden konnte. Trotzdem neue feindliche Kräfte über Neidenburg eingriffen, ist die Niederlage des Feindes eine vollständige geworden. Drei Armeekorps sind vernichtet. Sechzigtausend Gefangene, darunter zwei kommandierende Generäle, viele Geschütze und Feldzeichen sind in unsere Hände gefallen. Tie noch im nördlichen Ostpreußen stehenden russischen Truppen haben den Rückzug angetreten. (Die Zahl der Gefangenen wurde am nächsten Tage auf 76 000 angegeben, darunter 300 Offiziere.) Uns wird geschrieben: Das preußische Kriegsministerium hat sich den alsbald nach der Mobilmachung gestellten Anträgen des Verbandes der deutschen Inden sowie der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums — die zunächst unabhängig von ersterem vorging, sich aber dann seinen Schritten anschloß — entgegenkommend erwiesen, und uian kann auf eine Verfügung rechnen, auf Grund deren Rabbiner aus verschiedenen, dem preußischen Heereskontingent zugehörigen Landesteilen als F e l d ge i st l l che zu den Truppen gehen werden. Es liegt auch Grund zu der Annahme vor, daß die — in dieser Sache, wie in vielen — selbständige bayerische Militärbehörde in gleicher Weise verfahren wird wie die preußische. Der Gang der Verhandlungen im einzelnen verspricht ein baldiges günstiges Ergebnis. — Erwähnenswert ist, daß auf die Umfrage des Verbandes eine den Bedarf weit übersteigende Zahl von Rabbinen aus allen Teilen des Reiches sich zu dem ebenso mühewie ehrenvollen Dienst sofort freiwillig zur Verfügung gestellt hat. * Man schreibt uns: In vielen Politischen Blättern, selbst in Ostpreußen, befand sich der Aufruf des Zentralvereins der Staatsbürger j ü d i s ch e n G l a u b e n s, der uns Juden ermahnt, in dieser ernsten, großen, aber auch erschütternden Zeit unsere Pflicht und mehr als unsere Pflicht zu tun. Von diesem hohen Gedanken eingegeben scheint uns die dieser Tage in der „Kölnischen Zeitung" abgedruckte Anregung eines Glaubensgenossen einen bemerkenswerten Kern zu enthalten, daß auch die zu Neujahr übliche Ablösung der Glückwünsche zur Jahreswende in den Dienst des um seine Existenz ringenden Vaterlandes, zur Pflege unserer verwundeten Krreger, zur Unterstützung der Hinterbliebenen oder der ohne Ernährer zurückgelassenen Familien zu bestimmen sei. . . . Am 19. September 1870, bald nach dem glorreichen Tag von Sedan, gab Kaiser Friedrich den Regungen seines menschenfreundlichen und patriotischen Herzens beredte Worte durch den öffentlichen Aufruf an alle Deutschen zur Gründung einer Invalidenst i s t u n g für die Opfer des Feldzuges. . . . Die werktätigen Mithelfer an diesem Liebeswerk aus unseren Kreisen (wir nennen nur S a l o m o n L a ch m a n n, Meyer Magnus, das damalige Vorstandsmitglied der Berliner jüdischen Gemeinde) haben in jenen hehren Tagen der Einigung Deutschlands nicht nach der Abstammung der zu Unterstützenden gefragt. So soll es auch dieses Mal wieder sein! Wenn der Klang des Schofar an dem kommenden Roschhaschonoh ertönt, so sollen wir auch derer gedenken, die pflichtgetreu und freudig hinausgezogen sind in den Kampf um Deutschlands Ehre und Freiheit! Aber noch mehr der vielen, deren Wunden schon bluten, die sich im Kampf vielleicht ein dauerndes oder doch erst durch die Kunst der Aerzte und des Allmächtigen Hilfe zu heilendes Uebel zugezogen haben. . . . Lassen wir jede Ichsucht in der ernsten Scheidestunde dieses Jahres und bei dem noch ernsteren Beginn des neuen Zeitabschnitts aus unserem Herzen verbannt sein; verzettelt darum die einzelnen Spenden nicht! Die Pfleger und Pflegerinnen des Roten Kreuzes sind es, die auch unsere Glaubensbrüder da draußen im Felde verbinden, pflegen, aufrichten und stärken. Beachten wir also die in der „Kölnischen Zeitung" von einem edlen Juden und auch von unserem Zentralverein ergangene Anregung und lösen wir dieses Mal die üblichen Glückwünsche zu Neujahr ab, zum Besten des Roten Kreuzes zur Hilfe für die noch mitten im Kampfe Stehenden, soweit deren Kräfte zu sinken beginnen und sie der Pflege und llnserer Ausrichtung bedürfen. . . . Gewiß, es gibt auch hier der Hilfsbedürftigen jetzt gar viele. Aber an der Jahreswende soll unser Blick auf das Große, Ganze gerichtet sein, und im Vertrauen daraus, auf die unerschütterliche Einigung des Volksganzen dort im Felde soll unser Gemüt sich von allen bangen Zweifeln erheben. Zeigt, Ihr Juden, wieder einmal, daß jenes Wort Berthold Auerbachs, eines deutschen Dichters unseres Blutes, noch wahr ist, und daß jahrtausendlange Qualen nicht imstande gewesen sind, das jüdische Gemüt zu verbittern. . . . Jede gute Tat trägt ihren Lohn in sich selbst. War es doch, als Widersacher der deutschen Einheit den sogenanten Antisemitismus erregt hatten, jener deutsche Held, der Sieger von Wörth, Kaiser Friedrich, der in einer Sitzung des Jnvalidendanks zu Meyer Magnus, als dem berufenen Vertreter der Juden, das für die Oeffentlichkeit bestimmte, ihre Bewegung brandmarkende Wort von der „Sch mach des Ja h r h u n d ert s" sprach! Jetzt sind andere Zeiten gekommen, jene Frevler sind längst verschollen, — aber wir Juden sind ein dankbares Volk. „Tut mehr als Eure Pflicht!" wird uns ans llnserer Mitte zugerusen. Wohlan wir hören das Wort und handeln demgemäß! Unseren Brüdern -dort draußen aber wird gerade dieses Symbol eines ein m ü t i g e n Z u s a m m e n - st e h e n s der deutschen Juden im Dienste unserer gerechten Sache neue frische Kraft verleihen in diesen schweren Tagen, welche — wir hoffen es zuversichtlich — die Morgenröte einer besseren Zeit sein werden, nicht nur für Israel, sondern für die ganze Menschheit! M. F. Das „Berl. Tagebl." enthält nachstehendes: A n d i e Jude u i n Pole it. Die folgende Proklamation wird, wie wir hören, von der ö st e r - r e i ch i s ch e n A r m eeleitung in P o l >e n in hebräischer Sprache und im Jargon verbreitet: „Die heldenmütigen Armeen der mitteleuropäischen Staaten Deutschland und Oesterreich-Ungarn sind in Polen eingedrungen. Der wuchtige Marsch unserer Armeen hat die despotische Regierung zur Flucht gezwungen. Niemand loird sich ihnen entgegenstellen. Unsere Fahnen bringen euch Recht und Freiheit, gleiches Bürgerrecht, Glaubensfreiheit, die Freiheit, ungestört aus alten Gebieten des ökonomischen und kulturellen Lebens in eurem Geiste zu leben. Zu lauge habt ihr unter dem eisernen moskowitischen Joche gelitten. Als Freunde konunen wir zu euch; das barbarische fremde Joch ist vorbei. Eine neue Aera zieht für Polen herauf. Wir werden alle unsere Kräfte ins Werk setzen, damit die gleichen Rechte auch für Juden auf festeu Fundamenten errichtet werden. Laßt euch uicht durch schmeichlerische Versprechungen betören, die ihr schon oft gehört habt.