Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229161--70704-3283065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
434 Arbeit geschaffen haben, beim Einbruch eines solchen Gegners wäre es dem Untergang geweiht. Als vor Jahrtausenden die siegverkündenden Worte unserer Haftara gesprochen wurden, auch damals lag Israel gedemütigt am Boden, das stolze Babel hatte den Fuß auf seinen Nacken gesetzt, und seine Lebenskraft schien erstorben. Da aber kam die Vergeltung durch Gottes Hand, es entbrannte der Krieg, der Babels Thron stürzte, und unser Prophet rief der Fallenden zu: „Sitze stumm, verbirg dich in Finsternis, Tochter der Chaldäer, denn fortan nennt man dich nicht mehr die Herrin der Reiche." Und Israel ward erweckt zu neuem Dasein, sein Licht strahlte wieder auf, aus den Händen des Siegers empfing es Freiheit und Heil. Wahrlich, man wäre versucht, dem Babel unserer Tage, diesem Koloß mit tönernen Füßen, schon jetzt zuzurufen: Sitze stumm, verbirg dich in Finsternis, denn fortan nennt man dich nicht mehr die Herrill der Reiche. Der Bann, in dem du uns hieltest, ist gebrochen, der Alpdruck, der auf uns lag, ist gewichen, lvir ilnd alle Freiheitsfreunde atmen auf. Und vielleicht dürfen wir auch jetzt schon hoffen, daß Israel in jenen Landen einer lichteren Zukunft entgegengeht, daß es seine Menschenrechte wiedererlangt ails der Hand des Siegers, und daß es der Gewalt des Peinigers nicht mehr wehrlos überantwortet wird. Und noch einer anderen Hoffnung wollen wir Ausdruck geben; sie knüpft sich an das Tertwort: „Deine Kinder werden Volker vertreiben und zerstörte Städte besetzen." Wir wollen daran denken, daß auch unsere Kinder dabei sind, wo es nun gilt, das Vaterland zu retten aus der größten Gefahr, die ihm jemals erstand, und wir wollen die Zuversicht hegen, daß ihr Blut ein neuer Kitt ist, der sie und uns unzerreißbar mit dem Vaterland verbindet. Sie und uns. Tenn wenn wir Aelteren auch in unseren Grundsätzen gefestigt waren und uns durch gelegentliche Verstimmungen von unserer patriotischen Gesinnung nicht abbringen ließen, bei unserer Jugend drohten die ständigen Zurücksetzungen, die sie erdulden mußte, eine gewisse Unlust auszulösen und utopischen Schwärmereien Vorschub zu leisten. Daß aber heute noch eine Partei die Beschuldigung erheben könnte, wir seien ein Fremdkörper im deutschen Volke, und daß diese Beschuldigung in unserer Bütte irgendein Echo finden möchte, diese Möglichkeit erscheint angesichts der Einmütigkeit, die alle Bekenntnisunterschiede überbrückt, vorderhand undenkbar. Ein altes, oft mißbrauchtes Sprichwort kommt in diesen Tagen wieder zu Ehren: Blut ist dicker als Wasser. Das Bült der Stammesverwandtschaft, das die Trennung des Meeres überwinden sollte, hat sich als trügerisch erwiesen, . aber das Blut der Waffenbrüderschaft hält fester als das Wasser des treulosen lieber- > tritts. Ein germanischer Stamm, der Beherrscher des Inselreiches, hat sich als schlimmster Neider seiner alten Heimat entpuppt, — aber die treue Kameradschaft im Leben wie im Tod, die unsere Söhne nun mit ihren deutschen Brüdern halten, wird tiefer wirken als die feige Verleugnung des Glaubens, mit der so mancher Ueberläufer früher seine völlige Gleichstellung erkaufen wollte. Und noch ein zweites Wort kommt zu Ehren, ein Wort aus kaiserlichem Munde, ehemals von lautem Beifall begrüßt, hellte fast vergessen: „Ich will, daß der Grundsatz religiöser Duldung allen meinen Untertanen zum Schlitze gereicht. Ein jeglicher unter ihnen steht meinem Herzen gleich nahe; haben doch alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt." So schrieb beim Antritt seiner ach so kurzen Regierung der Vater llnseres jetzigen Herrschers, der vielgeliebte Dulder und Held. Hoffen wir, daß sein Sohn, der beim Beginn des Krieges gesprochen hat: „Ich kenne nur noch Deutsche," auch nach dem Kriege jeder Verdunklung seiner Absichten wirksam entgegentreten wird. So laßt uns die Siege unserer Waffen feiern mit dankbarem Aufblick zu Gott und mit frohem Ausblick in die Zukunft! Abwehr finsterer Mächte, Freiheit nach außen, Frieden im Innern, das ist fürwahr ein Preis, wert der schweren Opfer, die gebracht werden. Noch ist nicht die letzte Schlacht geschlagen, noch ruht das Schwert nicht in der Scheide, aber Gott im Herzen, brüderlich einig, für Recht und Freiheit kämpfend, so sind wir unbesieglich. Die Woche. Berlin, den 8. September 1914. s ist jetzt, nachdem der Krieg ausgebrochen ist, interessant, die folgende Auslassung wiederzugeben, die der Londoner „Jewish Chronicle" wenige Tage vor der englischen Kriegserklärung an Deutschland veröffentlicht. Es heißt da: „Was anch eintreten möge, wir vertrauen darauf, daß unser Land nicht in die Feindseligkeiten hineingezogen wird. Wir sprechen es ans, daß eine derartige Aktion geradezu ein Verbrechen wäre. Warum sollte Großbritannien die Blute seiner Mannschaft anssenden, inn rllssische Interessen im Kampfe zu vertreten, den es nicht gesucht hat und an dem es kein irgendwie denkbares Interesse besitzt. Wir protestieren mit aller Macht gegen den bloßen Gedanken, britisches Blut zu vergießen und britische Mittel zu verschleudern, damit die Slawen ihre Position gegenüber dem Deutschtum aufrcchterhalteu und eine barbarische Autokratie auf ihrem wankenden Thron gestützt wird. Wir haben kein Interesse an der Unterstützung Rußlands, noch viel weniger an der Demütigung Deutschlands. Für England wäre es ebenso schlecht, an der Seite Rußlands zu kämpfen als gegen Deutschland zu streiten, mit dem es keinerlei Streitgrund hat. Großbritannien Hals über Kopf in einen Konflikt zu stürzen, dessen Hauptziel die Anfrechterhaltnng der Kosakenherrschast ist, mit j ihrer Verneinung allen menschlichen Fortschrittes, würde eine so entsetzliche Verletzung der Humanität und der britischen Interessen sein, daß wir sprachlos sind, über die bloße Anregung. Solch eine unheilige und blutige Alliance könnte nur empfohlen werden auf Grund der Idee von dem sog. „Gleichgewicht der Kräfte". Das „Gleichgelvicht der Kräfte" ist ein wilder diplomatischer Aberglaube, dem die Menschheit zu lauge gehorcht hak. - •" Der Abend des 3l. August — denn auf diesen Tag müssen lvir zurückgreifen, da Montag nachmittag Redaktionsschlutz ist lvar ein unvergeßlicher. Nachdem wieder mehrere Tage vergangen waren, ohne daß Nachrichten aus dem Westen uns erreicht hatten, wurden wir an jenem Abend mit Siegesnachrichten überschüttet. Der Jubel, als die erste Wolffsche Depesche kam, in Straßen und Cafos war ein ungeheurer, die Nachrichten lvurden taut verlesen, Hurras ertönten, patriotische Lieder wurden gesungen. Dieser Jubel steigerte sich ins End-! tose, als die ersten Extrablätter des „Berliner Tageblatts" ausgegeben wurden, Automobile durch die Straßen eilten, und die Insassen der Gefährte die Blätter den Hunderten zuwarfen, die begierig nach der Beute griffen. Aber es lohnte sich auch, denn der Inhalt dieser Mitteilungen nt überwältigend. Man weiß nicht, lvas man mehr bewundern soll: die Ruhe und Umsicht des Generalstabs, die Schlichtheit seiner Mitteilungen, die Strenge und Unparteilichkeit seiner Weidlingen oder die Schneidigkeit, das planmäßige Vorgehen der Heerführer oder die Unerschrockenheit, Unermüdlichkeit und heldenhafte Ausdauer unserer Krieger. Preis und Lob ihnen allen, denen die unvergleichlichen Taten nicht vergessen sein sollen, und ehrerbietiges Beugen vor dem gnädigen Geschick, das unsere Geschicke lenkt. Der Wortlaut des Extrablattes ist der folgende: Amtlich wird aus dem Großen Hauptquartier gemeldet: Die Armee des Generalobersten v. Klnck hat den durch schwache . französische Kräfte unternommenen Versuch eines Flankenangriffs in der Gegend von Eomblcs durch ein Armeekorps zurückgeschlagen. — Die Armee des Generalobersten v. Bülow hat eine überlegene französische Armee bei St. Quentin vollständig geschlagen, nachdem sie