Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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. ^. imm ILJPI—II-..- 78 Jahrgang Nr. 37 'ttff f a 1 H A Berlin, II. September 1914 Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Äbonnements«pre',s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 324. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Akoffe, Berlin. Ktth^It* Kriegsbetrachtung. Von Rabbiner Dr. Hockfeld. — Die üllljtlll* Woche. — Die Zweihundertjahrfeier der Alten Synagoge. Von Ludwig Geiger. — Die Bedeutung der Alten Synagoge (Heidereutergasfe, Berlin) für die Entwicklung des Shnagogengesanges. Von A. Friedmann. —- Robert Linderer, der jüdische Dichter des Flaggenliedes. Von J. K. — Die jüdische Wohlfahrtspflege lvährend des Krieges. Von Dr. M arga re te Iac o b soh n. — Feui llet on: Ferdinand Lassalle un d seine Mutter. Von Dr. Adolf Ko Hut. — Die erste Fahne. Von Max Frank. — Ihr Enkel der Makkabäer. Von S. Katz. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Frankfurt a. Oder, Königsberg i. Pr., Memel, Thorn, Posen, Krotoschin, Breslau, Dresden, Seesen a. H., Münster (Wests.), Köln, Kreuznach, Koblenz, Wien. — Von Nah und Fern. lkrirgsdrtrachtung. Von Rabbiner Dr. Hochfeld. ^^^enn ein Ereignis uns stark bewegt, so ist es uns unmöglich, den Gedanken daran aus unserem Bewußtsein zu bannen. Wo immer wir uns befinden, was wir auch treiben, in jedem unbewachten Augenblick kehrt unser Nachdenken zu jenem Gegenstand zurück; unwillkürlich schweifen wir selbst von der dringendsten Arbeit, die uns beschäftigt, ab und entdecken uns plötzlich wieder bei der Betrachtung des Geschehnisfes, von dem wir nicht lassen können. In einer solchen geistigen Verfassung leben seit Wochen alle Bewohner unseres Vaterlandes angesichts der gewaltigen Kämpfe, die seine Grenzen umtosen. Krieg und Sieg ist das einzige Thema, über das man spricht; Krieg und Sieg, davon träumen wir, ob wir schlafen oder wachen. Krieg und Sieg, alle anderen Sorgen verblassen vor dieser obersten Sorge, alle Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen ordnen sich dieser großen Hoffnung unter. Wer will es dem Theologen verargen, wenn auch er jetzt die Bibel anders als sonst liest, wenn er das, was ihn und alle Welt erschüttert, in der ehrwürdigen Urkunde seiner Gemeinde wiederfindet? Ist doch unsere heilige Schrift nicht nur ein Trostbuch, sondern zugleich ein Kampfbuch, zeigt sie uns doch, wie wir gegen Niedertracht und Haß, gegen Bosheit und Hinterlist rechtschaffen streiten sollen. Biblische Worte haben unsere tapferen Soldaten hinausgeleitet in den gerechten Krieg, biblische Worte haben sie angefeuert, für die höchsten Güter der Nation ihr Leben einzusetzen; darum dürfen wir nun auch unseren Siegesjubel kleiden in die prophetischen Worte der heutigen Haftara: „Rechts und links wirst du dich ausbreiten, Deine Kinder werden Völker vertreiben und zerstörte Städte besetzen." Rechts und links, im Osten und Westen dröhnt der Kampf, von rechts und links, von Osten und Westen kommt frohe Siegeskunde. Wo gibt es in der Weltgeschichte einen Kampf, vergleichbar diesem Ringen, wo gibt es Siege, ähnlich solchen Triumphen? Heimlich hatten sie sich zusammengetan, seit Jahren hatten sie ihre Netze gesponnen, mit ihrer Uebermacht wollten sie uns überfallen und im ersten Ansturm erdrücken — aber siehe da, an Gottes Hilfe brach sich der Sturm, vor seinem ausgestreckten Arm wichen sie eilends zurück. Wenn wir also zunächst dem Herrn die Ehre geben und seinen Beistand preisen, so wollen wir damit die Tapferkeit unserer Truppen nicht schmälern, sondern sie in das rechte Licht rücken. Auf wessen Seite ist Gott im wilden Wafsentanze? Diese Frage hat Schlachtenlenker und stille Denker gar oft bewegt. Preußens großer König hat vor anderthalb Jahrhunderten gemeint, Gott .wäre immer bei den stärksten Bataillonen; sein Nachkomme, der greise Held, der im letzten siegreichen Kampfe unseren Erbfeind bezwungen, war gläubiger und hat den Ausspruch getan: „Welch eine Wendung durch Gottes Führung!" Nun, wenn wir auch die äußere Rüstung unserer Heere, ihre Schlagfertigkeit, ihre trefflichen Waffen, gewiß nicht unterschätzen, das dürfen wir ruhig behaupten, ihre innere Rüstung war noch besser: Gott, den sie im Herzen trugen, die Begeisterung, mit der sie hinauszogen, die haben sie erst so recht unbesieglich gemacht. Hat man je einen Ausmarsch gesehen wie diesen? Wo waren Bangnis und Todesfurcht, wo Tränen und Klagen? So männlich und fest, so mutig und zuversichtlich ist der Mensch nur, wenn er sich eins weiß mit seinem Vater im Himmel, wenn er für eine gute und gerechte Sache das Schwert zieht. Söldnertruppen, die für Geld blutigen Mord verüben, stumpfe Massen, die von Eroberungsgier oder Plünderungssucht getrieben werden, ehrgeizige Staatsmänner, die ihren Machthunger nicht bändigen können, was wissen sie von Gott? Die aber Haus und Heimat verteidigen, die den Frieden geschützt haben, solange es möglich war, die selbst in Feindesland noch Menschlichkeit und Mäßigung zeigen, in ihnen lodert das heilige Feuer religiöser und sittlicher Kraft. Ja, wären ihrer noch mehr gewesen, die uns zum Kampfe herausforderten, und die übermütig höhn-- ten, uns bald auf die Knie zu zwingen, Deutschland hätte — wie der junge David zum plumpen Riesen Goliath — zu ihnen allen sprechen können: „Du kommst zu mir mit Schwert und Speer, ich aber komme zu dir im Namen des lebendigen Gottes." Rechts und links wirst du dich ausbreiten, im Osten und Westen. Ist es unbillig, wenn wir Juden aus die Siege im Osten noch größeres Gewicht legen als auf die Waffentaten im Westen? wenn wir bei aller Dankbarkeit für die Rettung, die uns zuterl ward, doch mit zweierlei Maß messen? Im Osten, da thront ja die entmenschte Barbarei, die Roheit im Bunde mit vermessener Willkür, im Osten schmachten Millionen unserer Glaubensbrüder im Joche entehrender Knechtschaft. Jur Osten lauert für die europäische Kultur die schwerste Gefahr, von dort her drohen uns geistige Knebelung und moralische Verwilderung. Wir müßten zittern für unsere heiligsten Güter, wenn auch uns diese schmutzige Flutwelle erreicht: was wir in vieljähriger hingebender