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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-04 · Heft 36 (4.9.1914) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 36 (4.9.1914)
Date
1914-09-04
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 kriegsstarker Begeisterung schrieb er an seine Verwandten: „Meine sieben! Wenn dieses hier meine letzten Zeilen sein sollen, so lebt wohl, fürchtet Gott und haltet seine Thora! Meine Kinder empfehle ich dem Allmächtigen, er möge sie zu unseren Groszen in Israel heranziehen, ich will Rache nehmen für die vielen Morde und Martern, die an Juden von unseren Feinden begangen wurden. Es haben sich bei uns achtzehn Juden freiwillig ins Heer einstellen lassen, dabei will auch ich nicht Zurückbleiben und unsere jüdische Pflicht erfüllen! Verflucht sei, wer in dieser Zeit nicht seinen letzten Tropfen Blut fürs Vaterland hergibt. Und sollte es dann sein, daß wir nicht mehr lebend zurückkommen, so sinden wir doch ein ewiges Leben bei dem, der über unser Wohl und Wehe beschließt. Wir nehmen Abschied mit Tränen, aber mit Liebe ziehen wir von unseren Frauen und Kindern, um unsere Pflicht zu tun; wie könnte ich auch nachher aufrecht unter meinen Mitmenschen herumlailfen oder vor Gott beten, wenn ich znrückstehen wollte. Ich habe mich mit meinen Angehörigen beraten und auf die Stimme meiner Mutter, die auch unserem lieben Emil das gleiche geraten hat, bin ich gegangen. Wenn ich aber lebend meine Lieben Wiedersehen darf, so komme ich ohne Sünden, ohne Makel zurück; ich habe die Bücher Mosis durchgenommen, ich habe Abraham, Mosche und Jehoschua, ich habe Debora, die Richter und die Makkabäer zwei Nächte lang rezitiert, und ich kam auf den Schluß, daß wir unterallen Umständen zuerst unser Vaterland, dann unsere Familie, dann unseren Glauben schützen müssen." axv Köln, 28. August. Die Verwaltung der jüdischen Arbeitsstätte und Brockensammlung „Peah" macht bekannt, daß die „Peah" arrch während der Kriegswirren ihren Betrieb aufrecht erhält. Gerade in der jetzigen schwierigen Lage erachtet sie es als ihre doppelte Pflicht, tätig mitzuwirken und mit zu helfen, der Not zu steuern, soviel sie es vermag. Die Ansprüche, die an die „Peah" jetzt herantreten, sind ganz bedeutend; unzählige Nachfragen nach Kleidungsstücken, besonders für Frauen- und Kinderwüsche, Haushaltungsgegeuständen usw. können nicht befriedigt werden. Flüchtlinge aus allen Gegenden, die Hab und Gut verloren haben, werden ihr überwiesen. Sie zu bekleiden und mit dem Notdürftigsten zu versehen, ist die vornehmste Aufgabe der „Peah". Die Unterstützung geschieht ohne Unterschied des Glaubens. Die „Peah" Littet alle Edeldenkenden dringend um abgelegte Kleidungsstücke. Niemals wurden sie so dringend gebraucht als jetzt. Auf telephonische Mitteilung wird alles k o st e n l o s abgeholt. ■ft/). Dortmund, 28-; August. Der eingetragene Verein Israelitisches Altersheim in Westfalen stellte in seinem Altersheim in Unna zehn Betten für Kriegsverwundete zur Verfügung, und unsere Oberin Schwester Henriette erbot sich, persönlich die Pflege der Verwundeten zu übernehmen und für deren Verpflegung zu sorgen. — Die Dortmunder Synagogengemeinde beschloß, einen Betrag von 2000 Mark an den hiesigen Zweigverein vom Roten Kreuz und von vorläufig 1000 Mark zur Unterstützung von Familien hiesiger Gemeinde zu bewilligen, deren Ernährer zu den Waffen einberufen wurden. Gleichzeitig sind die Wohltätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde zu einem Hilfskomitee zusammengetreten, welches zu gleichem Zweck größere Beträge bereit stellte und sofort seine Tätigkeit eröffnete. L2 Hannover, 28. August. Die Alexander u n d F a n n y S i m o n s ch e Stiftung in Hannover wird während der Dauer des Krieges alle nicht unbedingt notwendigen Bewilligungen einstellen. Mit ihren hierdurch fr-eiwerdenden Mitteln wird sie, int Einklang mit ihrer Verfassung, landwirtschaftliche, gärtnerische und Handwerksbetriebe, deren Inhaber zu den Fahnen einberusen sind oder deren Fortbestehen durch den Krieg und seine Folgen in Frage gestellt ist, zu erhalten helfen. — Das Peiner Seminar der Stiftung, ist bis auf weiteres geschlossen, da die Kursisten fast sämtlich unter der Fahne stehen. Dagegen wird der landwirtschaftliche Lehrbetrieb in Steinhvrst unverändert aufrecht erhalten werden. — Eßlingen, 28. August. Die israelitische Waisenu n d Erziehungsanstalt „Wilhelmspflege", die im vorigen Jahre neu errichtet wurde, kann zufolge ihrer Anlage durch Einziehen von Mauern in zwei selbständige, völlig voneinander getrennte Gebäude abgeteilt werden. Der Allsschuß der Anstalt hat diese Abscheidllng, dilrchgeführt, die Zöglinge auf die Hülste des in normalen Zeiten zur Verfügung stehenden Raumes zusammengedrängt llnd die andere, auf diese Weise frei gewordene Hälfte des Anwesens, in welcher etwa 100 Betten Aufstellung finden können, am 3. August, der Königin für L a z a r e t t z w e ck e angeboten. Ihre Majestät haben dieses Anerbieten am gleichen Tage angenommen und die Besichtigung des Anwesens für die nächste Zeit in Allssicht gestellt. «Vrstrrrrich-Angsrn. L2 Wien, 28. August. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers fand im Leopobdstädter Tempel ein solenner Festgottesdienst statt, nu welchem sämtliche in Wien weilenden Mitglieder des Kllltusvorstalldes mit dem Präsidenten Dr. Alfred Stern und den Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n und Hosrat Dr. R a P p a p o r t sowie Delegierte aller Bezirkskommisfionell und fast sämtlicher jüdischer Vereine ulld ein überaus zahlreiches Publikum teilnahmen. Das Korpskommando entsendete eine Deplltation von Offizieren llnd eine Abteilung israelitischer Mannschaft. Die Festpredigt des Rabbiners Dr. Grllnwald übte auf die Anwesenden einen mächtigen Eindrllck. Oberkantor Morgenstern besorgte in erhebender Weise den kantoralen Teil der Feier, die mit der Absingllng der Volks- Hymne schloß. — Im Anschluß an den Festgottesdienst fand eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Nachdem Präsident Dr. Stern die zahlreich Versammelten begrüßt hatte, hielt er folgende Ansprache: „Wir kommen vom' Gottesdienst. Unabweisbar drängt sich uns das Empfinden auf, all die guten Wünsche, welche wir dort für unseren herzlich geliebten Kaiser im Gebete zu Gott richteten, hier neilerlich in dieser Festversammlung in solenner Festsitzung des Kultusvorstandes zu bekunden. Und nicht uKeiit für unseren Wiener Vorstand, für unsere 200 000 Wiener Indem stehe und spreche ich hier; dem Empfinden, das alle unsere Glaubensbrüder in diesem weiten Reiche beseelt, gebe ich Ausdruck in dem innigen, heißen Herzenswunsch, Gott segne, erhalte, beschütze unfern Kaiser Franz Josef I. Ereignisse von welthistorischer Bedeutung ziehen an uns vorüber. Als wir vor vier Jahren aus Anlaß des achtzigsten Geburtstages, vor sechs Jahren aus Anlaß des sechzigjährigen Regierungsjubiläums unseres Kaisers in der Reihe der ihm Huldigenden erschienen, sprachen wir unseren ehrfurchtsvollen, tiefgefühlten Dank aus für die reichen Segnungen, mit denen er uns beglückt, für die väterliche Liebe, mit welcher sein edles Herz alle Bürger dieses Reiches, ohne Unterschied der Abstammung und des religiösen Bekenntnisses, umschließt. Und wohl mochte der einstimmige Hymnus der gesamten gebildeten Welt, der Dank für die Erhaltung des Friedens, der Dank an den Friedenskaiser sein mildes Herz mit Freude und Genugtuung erfüllen. Und nun, nachdem unser erhabener Herr in seiner unerschöpflichen Friedensliebe bis an die äußerste Grenze gegangen, heute den Kampf aufnehmen mußte gegen unversöhnliche Feinde, gegen eine haßerfüllte Koalition und alle seine Völker zu den Waffen ruft zur Verteidigung von Thron und Vaterland, heute vereinigen sich wieder alle Völker, alle Stämme dieses weiten Reiches, und wir österreichischen Juden, gleich ihnen allen, zu fester, enggeschlossener Phalanx der Treue. Wie in den Stunden der Trauer, wie in den Tagen der Freude und dm Jahren des segensvolleu Friedens fühlt sich die Judenschafti dieses Reiches auch jetzt in dieser schweren Zeit eins mit allen Bürgern dieser Monarchie, kämpft sie Mann für Mann, Schulter an Schulter mit allen treuen Söhnen dieses Reiches für die Ehre des Vaterlandes, setzt sie ihr Leben ein für Kaiser und Reich, opfert sie Gut und Blut für die Mehrung des Ruhmes unserer Waffen, für das Glück unseres geliebten, weisen, gerechten Kaisers und seiner Lande! Unsere'Söhne ziehen in diesen Krieg mit erhöhter Begeisterung. Uns ist es, als ob das gütige Geschick unseren großen Kaiser dazn allsersehen hätte, um in das Land der seit Jahrhunderten währenden Bedrückung Freiheit und Recht zu tragen. Und es ist, als ob der gütigste Herrscher von der Vorsehung die Sendung erhalten hätte, sein segensreiches Lebenswerk damit zu krönen, daß die ältesten Ghettomauern, die bisher allen Einflüssen der Kultur Trotz boten, die jedem Ansturm der elelnentarsten Gerechtigkeit unüberwindbaren Widerstand entgegensetzten, unter der Wucht der gerechten Waffen des edelsten Herrschers Zusammenstürzen, wie auf fein Machtwort die Ghettomauern in diesem Reiche fielen. Hinter jenen Ghettomauern Rußlands, gegen welches unsere Besten jetzt todesmutig gu Felde ziehen, schmachten sechs Millionen Juden llnter dem Druck unmenschlicher Barbarei. Hinter jenen Ghettomallern des Zarenreiches, gegen welches llnsere tapferen Trllppen mtf den Ruf unseres Kaisers

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