Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Sturm laufen, ächzen unter vielen anderen Völkerschaften sechs Millionen freiheitsdurstige, kulturhungrige Menschen, in denen jede bessere Regung unterdrückt, jeder Versuch, ihren Geist, ihre Arbeitskraft, ihr Hab und Gut in den Dienst der Menschheit zu stellen, im Aufkeimen erstickt wird und als Krönung dieses Regierungsprogramms die Pogroms, die von Amts wegen losgelassene Meute der Hooligans, ihr. Unwesen treiben. Diesem Feinde entgegen entsenden wir freudig, ohne Zagen, erfüllt von hoffnungsvoller Zuversicht, unsere wehrfähigen Männer. Begeistert bringen wir unserem heißgeliebten Kaiser, unserem Vaterlande, denen wir mit Leib und Seele anhängen, unseren Tribut an Gut und Blut. Denn Vaterlandsliebe ist uns Tradition, Opfermut ist uns Gesetz, Tapferkeit vor dem Feinde ist uns Religion. Unserem Herzen aber entquillt in dieser Stunde der tiefinnige Wunsch, der Allmächtige erhalte und beschütze unseren geliebten Kaiser, er lasse ihn den Sieg seiner ruhmreichen Armee schauen, er gewähre ihm die Herzensfreude, daß er mit der Fackel der Gerechtigkeit in das Land der Finsternis hin ei n leuchte und dort Freiheit und Recht zu Ehren bringe. Unser geliebter Kaiser Franz Josef I., er lebe hoch! Heil unserem Vaterland, Sieg nuferer Armee!" In sämtlichen Gemeiudetempeln wie in sämtlichen Gemeindeir der Monarchie fanden am Geburtstage des Kaisers gleichfalls festliche Gottesdienste statt. z. Budapest, 28. August. Wie das hiesige jüdische Blatt „E g h e n l o e s e g" aus London über die Schweiz durch Vermittlung eines Züricher Freundes des Blattes erführt, wurde Israel Z a n g w i l l, der Begründer der Jelvifh-Territorial-Organisation, von der englischen Negierung dieser Tage verhaftet. Zangwill begann im Sinne der liberalen öffentlichen Meinung seines Landes eine Agitation gegen den Krieg und dagegen, daß das freie England dem verfallenden Zarismus zur Hilfe eile. Zangwill stand nicht allein mit seiner Ansicht, die englische Judenschaft folgte ihrem Führer, der die Unterstützung zahlreicher liberaler Kreise gewann. Zangwill veranstaltete zu London in der Vorwoche drei Versammlungen gegen den Krieg, sie fanden Tausende von Teilnehmern. Zangwill berief in Leeds auch ein Meeting ein und griff hier die englische Regierung heftig an. Er forderte namens der Kultur, daß England den russenrettenden Krieg sofort einstelle. Als Zangwill von dieser Versammlung nach London znrückkam, wurde er auf Befehl des Ministeriums verhaftet. Vor der Heldengestalt Zangwills, so schließt das Blatt, muß sich jeder Freund des menschlichen Fortschritts beugen. Schweden. Stockholm, 27. August. Aus Anlaß der allgemeinen Weltlage und mit besonderer Rücksicht auf die drohende Kriegsgefahr für Schlveden hatte die Regierung für Sonntag, den 23. d. M., einen allgemeinen Buß- und B e t t a g angeordnet, der auch in unserer Synagoge in feierlicher Weise begangen wurde. Dem von Kantor S a u l unter Mitwirkung des Synagogenchors abgehaltenen Gottesdienste wurde die hier seit Jahren übliche schwedische Sonntagsliturgie zugrunde gelegt, unter Einfügung eines für den Versöhnungstag bestimmten Gebetes aus dem vom verstorbenen Professor Klein herausgegebenen schwedischen Gebetbuche sowie eines von der Negierung eigens für den Tag vorgeschriebenen Gebetes. Der Gottesdienst machte auf die zahlreichen Besucher ersichtlich einen erhebenden Eindruck. — Am Dienstag, den 25. d. M., wurde das älteste Mitglied unserer Gemeinde, der im Alter von 96 Jahren verstorbene Kaufmann A b r a h a m L evy, zur letzten Ruhe bestattet. Von Mgh und jfem. — Die Berliner Loge n U.O.B.B. haben eine umfassende Fürsorge der vom Kriege Betroffenen ins Werk gesetzt. Diese erstreckt sich auf Förderung und Unterstützung aller vaterländischen Hilfsorganisationen, Ueberweisung der von der Großloge ausgebildeten 30 Krankenschwestern für die irn Felde stehende Armee, Einrichtung des gesamten Logenhauses zu einem Lazarett und Umwandlung des Volksbildunginstitutes „Toyubeehalle" für Speisung bedürftiger Männer, Frauen und Kinder. Zur Unterstützung der durch den Krieg in Rot geratenen Logenbrüder und deren Familien sind aus Logenmitteln 100 000 Mark zur Verfügung gestellt. — Die Berliner „E h e w r a Kadi s ch a " hat seit der Mobilmachung gemeinschaftlich mit dem jüdischen Volksverein Tausenden nach unserer Stadt geflüchteten Ausländern jeder Nationalität Obdach und Verpflegung unentgeltlich gewährt. Nunmehr gedenkt die „Chewra Kadischa Groß-Berlin", deren 18 Bezirke ganz Berlin umspannen, sich auch den durch Kriegsnot in Armut geratenen Einwohnern der Stadt in jeder Weise, soweit ihre Mittel reichen, helfend zur Seite zu stellen. Der Verein bittet dringend um Zuwendung von Geldspenden unter Adresse: Chewra Kadischa Groß-Berlin, Spandauer Straße 31. — Der V o r sch u ß v e r e i n der jüdischen Gemeinde will auch während der Kriegszeit weiter zinsfreie Darlehen an der Hilfe bedürftigen Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde gewähren, falls Aussicht vorhanden ist, daß hierdurch die Existenz der Darlehnsnehmer aufrechterhalten werden kann. Die notwendige Bedingung für die Gewährung ist die Stellung eines sicheren Bürgen und der Nachweis der Möglichkeit der satzungsgemäßen Rückzahlung. Gesuche sind nach Bendlerstraße 25 zu richten. — Dieser Tage fand in der Emdener Straße 53 die Eröffnung der 21. Kindervolksküche des Vereins für Kindervolksküchen und Volkskinderhorte statt. Diese Anstalt steht unter der Leitung der Frau Geheimrat Ludwig Max Goldberger, der Frau Justizrat Mühsam- und der Frau Rentiere Julius R e i ch e n h e i m. — Der Verein der Pommern verteilte folgende Wohltätigkeitsspenden: 500 Mark zur Verfügung des Magistrats der Stadt Berlin, 500 Mark für das Rote Kreuz, 500 Mark für den Frauenverein der Berliner Logen U. O. B. B. — Die Manoli-Zigarettenfabrik hat als zweite Spende für unsere Truppen eine halbe Million Zigaretten dem Roten Kreuz überwiesen. — Dem zum Honorarkonsul von Bulgarien in Berlin ernannten Kommerzienrat M a n d e l b a n m ist namens des Reichs das Exequatur erteilt worden. — Die jüdische Gemeinde zu Potsdam und ihre charitativen Vereine (israelitischer Frauenverein und Chewra Kadischa) haben dem Vaterländischen Frauenverein für seine Zwecke 1500 Mark überwiesen. Gleichzeitig hat sich die ganze Gemeinde durch ihren Rabbiner dem genannten Verein zu werktätiger Mithilfe zur Verfügung gestellt. — Zwecks Unter* stützuug der durch den Krieg in Not geratenen christlichen Familien tu Schwedt a. O. hat die dortige Synagogengemeinde 300 Mark und der israelitische Frauenverein 400 Mark bewilligt. Außerdem hat die Synagogengemeinde dem Noten Kreuz 200 Mark überwiesen. —- Aus Posen wird uns geschrieben: An größeren Geldspenden zu Kriegszwecken seitens der jüdischen Mitbürger hiesiger Stadt sei auszugsweise erwähnt: Chemische Fabrik Milch u. Co. 3000 Mark, Dr. Edwund Pietrkowski 500 Mark, Geheimer Kommerzienrat N. Kantorowicz 1000 Mark, Leo Alport 500 Mark, Frau Medizinalrat Therese Mankiewicz 300 Mark, Jüdischer Gesangverein aus Mitteln des Vereins freiwillig an das Rote Kreuz 30 Mark. Die Firma Cohn u. Jacoby hat der hiesigen Stadt 200 Pfund gemahlenen Kaffee gespendet. Die Spende ist zur Labung der zum Kriegsdienst Eingezogenen bereits verwendet worden. Sonstige Liebesgaben an Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Wäsche sind zahllos. — Aus Bernstadt i. Schl, wird uns geschrieben: Zur Unterstützung hilfsbedürftiger Familien unserer Stadt, der Familien, deren Ernährer im Felde stehen, haben die Synagogengemeinde 300 Mark, der israelitische Krankenverpslegungsverein 200 Mark und der israelitische Frauenverein 100 Mark beigesteuert. Aus unserer kleinen Gemeinde stehen neun Mann im Dienste des Vaterlandes als aktive Soldaten. — Die jüdische Gemeinde in R i b n i tz (Mecklenburg) hat fast die Hälfte ihres Vermögens dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. — An die Rabbiner Bayerns wird in den bayerischen Zeitungen folgende Aufforderung veröffentlicht: „Rabbiner, die in einem der drei bayerischen Armeekorps als Feldrabbiner jetzt wirken wollen, fei es, daß sie eingezogen sind, fei es, daß sie freiwillig der Seelsorge im Kriege sich widmen wollen, mögen sich sofort unter Angabe der Dienstverhältnisse bei dem königlich bayerischen Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten melden. Wie die Angelegenheit an sich entschieden werden wird, ob und wie die hierauf bezüglichen Wünsche erfüllt werden können, darüber konnte an amtlicher Stelle nichts Bestimmtes gesagt werden, da jetzt alles in der deutschen Armee einheitlich angeordnet wird und die weiteren Bestimmungen abgewartet werden müssen. Jedenfalls ist es dringend wünschenswert, daß sobald als möglich die Anmeldungen bei dem königlich bayerischen Kultusministerium erfolgen/ Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Vertag von Rudolf Mosfe in Berlin.