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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-04 · Heft 36 (4.9.1914) · p. Seite 432

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 36 (4.9.1914)
Date
1914-09-04
Page
Seite 432 (sequence 12)
Language
German
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432 uns niisgcbildetcn jungen Leute in Frage kommt, der nicht selbst die Mittel besitzt, fremder Hilfe hierbei entbehren zu können. Auf diese Zukunft gilt es einen möglichst großen Teil auch der jüdischen Jugend vorzubereiten. Für uns aber hat das Wort von der inneren Kolonisation noch einen anderen Sinn. Wir wollen wieder innerhalb eines jahrhundertelang gedrückten und entrechteten Volksteils diejenigen Eigenschaften und Fähigkeiten kultivieren, die von ewiger Bedeutung für das Glück der Menschen und das Gedeihen der Staaten sind. Noch hat das Sonnenlicht der bürgerlichen Freiheit und Gleichberechtigung nicht alle die Pflanzen, die in der Kellerluft des Ghettos dahinsiechten, zum Leben wecken können. Sollten es da nicht unsere Glaubensgenossen, und nicht sie allein, als eine dankenswerte Aufgabe betrachten, Leben da zu schaffen, wo es noch welkt und dorrt? Wir werden glücklichere lind zufriedenere Menschen um uns sehen, Menschen, denen die Arbeit am Boden und in der Werkstätte ihren Schwerpunkt in sich selbst gibt. Wie bedeutsam wäre die Gründung einer großen Gemeinschaft für jüdische innere Kolonisation!" Die bisher erreichten Erfolge sind sehr schön: In 24 Schulen Deutschlands wird Handfertigkeits- und Ackerbauunterricht erteilt. Seit l 907 sind 90 Schulgärten und Schülerwerkstätten für jüdische Kinder begründet worden. — Die kleine Schrift schließt mit einem Dank an alle diejenigen, welche die Anstalt bisher gefördert haben, und richtet folgenden Appell an weitere Gönner, den wir gern unterschreiben. Er lautet also: „Als Simon mit seiner Tätigkeit begann, war er ein einzelner Mensch mit klugem Kopf und warmem Herzen und arbeitsamen Händen. Und nun hat seine Lebensarbeit blühende Felder und wohlgebaute Häuser und Tausende von Menschen gezeitigt, die ihm letzthin ein Stück Lebensfreude und Wohlergehen und Weiterbildung danken. Wir blicken auf einen befriedigenden Anfang und in eine hoffnungsvolle Zukunft. Aber um weitcrbauen zu können, bedürfen wir immer neuer Mitarbeiter und Freunde, und wir hoffen, daß wir sie finden werden!" L. G. Me grohe Stunde. (Lied eines österreichischen Juden.) Unser Kaiser hat gesprochen. Und das Volk hat es gehört, Keiner hat sich feig verkrochen. Jeder schied von Haus und Herd. Und ein Jubeln ging, ein echtes. Durch die Juden unsres Land's Ob des großen, gleichen Rechtes Alis den neuen Ruhmeskranz. Gott der Scharen, dich zu Preisen, Nicht mit Worten, mahnt die Zeit, Heute gilbs dich zu erweisen Durch die Tat im großen Streit, Heute gilt's, dich zu bezeugen Durch ein heldenhaft Geschlecht Wider alle, die da beugen. Deiner spottend, unser Recht. Unser Recht, es >vard zertreten Von den Feinden früh und spät. Heute gilt es, auszujätcn Jeden Mann, der es geschmäht. In dem Donner der Gewehre, In dein Blitzen des Gefechts Gilt es auf dem Feld der Ehre, Dich zu ehren, Gott des Rechts! Hell entflammt für deine Ehre Und vertrauend auf die Kraft, Die dem alten Siegesheere Neue hehre Siege schafft, Rufen in der großen Stunde, Die für Oesterreich erstand. Alle wie aus einem Munde: Gut und Blut fürs Vaterland! Emil Spiegl (Prag). Llterarilchr Mitteilungen. — Norbert Peters, Professor der Theologie an der philo-' sofisch-theologischen Fakultät zu Paderborn. Die Religion des Alten Testaments in ihrer Einzigartigkeit unter den Religionen des alten Orients. Verlag der Köselschen Buchhandlung, Kempten und München. 1913. 8 0. VIII und 173 Seiten. In der letzten Zeit erleben wir es öfter, daß Bücher christlicher Forscher erscheinen, welche dem Judentum und seiner Religion in vollem Maße gerecht werden — ein nicht freudig genug zu begrüßender Fortschritt in dem Verhalten der wissenschaftlichen Welt. Ein solches Buch ist das über das pharisäische Judentum von Travers Herford, ein solches ist auch — mit der weiter zu erwähnenden Einschränkung — das vorliegende. Es ist ein Teil eines von katholischer Seite veranstalteten Sanunelwerkes unter dem Titel: „Religion, Christentum, Kirche — Eine Apologetik für wissenschaftlich Gebildete." Die Tendenz des Buches ist also nach zwei Seiten hin gegeben: es ist konservativ und christlich-tendenziös. Damit ist aber nicht gesagt, daß das Buch nicht wissenschaftlich sei; im Gegenteil, der Verfasser zeigt sich mit allen Problemen der alttestamentlichen Wissenschaften und ihren neuesten Ergebnissen recht wohl vertraut. Mit einem offen ausgesprochenen Respekt vor den Tatsachen und den unbezweifelbaren Ergebnissen der Forschung verbindet er aber eine ruhige und besonnene Zurückhaltung und, was von einem Theologen und Alttestamentler erwartet werden muß, religiöses Empfinden und religiöses Verständnis. Es wäre zu wünschen, daß alle unsere Religionstehrer und Rabbiner das Buch zur Hand nähmen; keiner würde es ohne Nutzen lesen. Die bereits oben erwähnte Einschränkung des zuerst ausgesprochenen Lobes bezieht sich auf die christologische Tendenz des Buches, mit der wir uns natürlich nicht einverstanden erklären können. Gr. N. # — Unte r n e h m ergewinn u n d A r b e i t s l o h n i m Lichte der neueste n Fors ch u n g e n. Von Franz Ruff. Zivilingenieur in Frankfurt a. M. A. H. Ludwig Degener, Verlagsbuchhandlung. Leipzig. Diese rein nationalökonomische Schrift brauchte hier keine Erwähnung All finden, wenn nicht ein Abschnitt „Die Juden im Unternehmergelvinn" behandelte. Sehr hübsche Worte kommen in diesem Kapitel vor, z. B.: „Nur Unternehmer, welche an Lethargie leiden, können daher im Juden einen Schädling sehen. Man denke nur an die Ungerechtigkeiten bei Erbschaften ustv., welche oft in Christenkreisen Vorkommen. Sind uns hier in der gerechten Verteilung der hinterlasfenen Güter, im Ahnenkultils und in der besseren Familienerziehung die Jllden nicht voraus?" Auch der folgende Satz verdient eine wörtliche Anführung: „Das lvirtschastliche Zusammenhalten gibt ihnen nach dem Spruche „Einigkeit rnacht stark!" eine große Neberlegenheit. Auch haben sie das Problem des sozialen Ausgleichs hinsichtlich Herstellung und Erhaltung des Gleichgewichtszustandes der Kapitalien in ihren Familien und Gemeinden schon längst gelöst und sind weniger Aenderungen der Wirtschaftsformen ausgesetzt. Jedenfalls steht aber fest, daß sie im Handel priini inlor parcs sind, da ihr wirtschaftliches Gefühl am besten ausgebildet ist." Schon diese Sätze allein berechtigen, ja verpflichten uns, auf diese gehaltvolle Schrift hinzuweifen, die wir freilich im einzelnen nicht zu beurteilen vermögen. L. G.

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