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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-04 · Heft 36 (4.9.1914) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 36 (4.9.1914)
Date
1914-09-04
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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430 in Mainz sich niedergelassen hatte. Das frohe Karnevalstreiben in der Mainstadt bewirkte es, daß Kalisch sich ganz in den Dienst des Humors und der Satire stellte. Er gab dort in den Jahren 1843 bis 1846 die „Narrhalla", eine Karnevalszeitung, heraus, die er auch fast vollständig allein verfaßte. Fast ausschließlich erheiternden Zwecken dienten auch seine in die gleiche Zeit fallenden Veröffentlichungen: „Poetische Erzählungen", „Das Buch der Narrheit", „Schlagschatten", „Lustiges in Wort und Bild" und andere Veröffentlichungen. Dann zogen die Revolutionsstürme durch Deutschland. Auch Kalisch, der immer der Bedrängten und Unterdrückten sich annahm, wurde in den Sturm hineingezogen und wurde, nachdem er ein Buch „Shrapnels" im Jahre 1849 hatte erscheinen lassen, in dem er seinem jugendlichen Sturm und Drang Ausdruck lieh, gezwungen, den Boden Deutschlands zu verlassen. Er entfloh nach Paris, von wo er dann später einen Ausflug nach London machte, der ihn in den Stand setzte, ein sehr fesselndes Buch „Paris und London" zil veröffentlichen, das im Jahre 1851 in zwei Bänden erschien. Dieses Buch eröffnete gleichsam seine Tätigkeit als literarischer Betrachter des Pariser Lebens, als welcher er fortan ein ganzes Menschenalter hindurch wirkte. Paris blieb seitdem seine Heimat, und häufig sandte er von dort an verschiedene deutsche Blätter Schilderungen des Lebens an der Seine. Vor allem erschienen diese Arbeiten in der weit verbreiteten „Gartenlaube", die damals von einem freigeistigen Hauche durchweht war, der auch die Publikation Kalischs beseelte. Daneben ließ er ein paar Bücher erscheinen: „Heitere Stunden", bereits oben ausführlich erwähnte „Bilder aus meiner Knabenzeit", „Gebunden und Ungebunden" und sein letztes, 1881 erschienenes Werk „Pariser Leben", das aber nur bereits in Journalen veröffentlichte Artikel zusammenfaßte. In der Pariser städtischen Heilanstalt Dubois fand Ludwig Kalisch sein Leidens- und Sterbelager. Dort ist er am 3. März 1882 gestorben. Seine Geburtsstadt Polnisch-Lissa hat er nicht wieder gesehen. In der Einleitung zu seinem Buch der Kindheit widmete er der Geburtsstadt einige von Sehnsuchtsgefühlen deutlich zeugende Worte: „Als das Merkwürdigste in der Umgebung der Stadt Lissa, die nicht sonderlich reich an Merkwürdigkeiten ist, wurden die neunundneunzig Windmühlen betrachtet. Die Sage ging, daß sich keine hundert derselben erhalten könnten, und daß immer eine abbrannte, sooft der Versuch gemacht worden ist, diese Zahl zu erreichen. Seit meinem Knabenalter habe ich meine Vaterstadt nicht wieder gesehen. Sie mag sich inzwischen verschönert und die hundertste Windmühle glücklich zustande gebracht haben." Aber wenn Ludwig Kalisch auch der Stadt, die ihn hervorgebracht, entfloh, wenn er auch der Enge, die dort seine Glaubensgenossen umfing, sich gewaltsam entriß, dem Glauben selbst ward er nicht untreu. Seminar für Gartenbau und Handfertigkeit Die Gebäude. auch das Er berichtet einmal, wie sich in seinen Jugendjahren in Lissa englische Missionare an ihn, den Knaben, heranmachten. Diese gingen ganz besonders in Polen und Rußland auf die Prvsetytenjagd, nicht bloß, weil in diesen Ländern die meisten Juden wohnen, sondern weil diese besonders bibelfest und im Talmud bewandert sind und ihnen dann wieder als Missionare große Dienste leisten konnten. Gar mancher Jude, so meint Kalisch, der in Polen oder Rußland ein Handwerk betrieben, ist später in England Bischof geworden. Auch an den bibel- und talmudfesten Knaben machten sich die englischen Missionare. „Sie luden mich ein, sie zu besuchen", erzählt er, „und überhäuften mich mit Schmeicheleien. Ich blieb jedoch standhaft und suchte sie mit ihren eigenen biblischen Zitaten zu schlagen. Wäre ich ihnen damals gefolgt, ich hätte es vielleicht auch zum Riglit Reverend gebracht, wie ein littauischer Flickschneider, den ich gekannt, während ich es als Jude zu nichts gebracht habe. Ich bereue indessen meine Standhaftigkeit durchaus nicht. Und wie ich in meinen Knabenjahren durch meinen heißen Glauben den Versuchungen der Proselytenmacher widerstand, so vermochte auch in späteren Jahren keine Aussicht auf eine glänzende Laufbahn mich zu bewegen, zum Christentum überzugehen. Ich habe cs immer mit den Unterdrückten und Verfolgten gehalten, ohne mir daraus ein besonderes Verdienst zu machen und für einen Cato gelten zu wollen." Von Kalisch' Werken hat die Zeit wohl das meiste verflüchtigt. In einem kleinen Nachruf, den kurz nach seinem Tode die „Gartenlaube" ihrem langjährigen Mitarbeiter tvidmete, heißt cs: „Solange noch frischer Frohsinn nach humoristischen Balladen und Romanzen greift, wird Ludwig Kalisch auf diesem Felde der Sieger bleiben und geehrt und geliebt werden." Die Simonlchr Stillung?u Hannover. erade in aufgeregten Zeiten soll man die Kraft haben, \f / sich in die Vergangenheit zu versenken und für die Zukunft zu arbeiten. Darum halten wir es für unsere Pflicht, gerade jetzt der segensreichen Simonschen Stiftung zu Hannover zu gedenken, über die eine soeben ausgegebene kleine Publikation*) uns belehrt. Moritz Simon hinterließ im Jahre 1905 sein gesamtes Vermögen einer Stiftung, die er mit dem Namen seiner Eltern als „Alexander und Fanny Simonsche Stiftung" bezeichnete. Die Aufgabe der Stiftung besteht darin, „Hand- und Fabrikarbeit, Handwerk, Landwirtschaft, Garten- und Obstbau unter den Israeliten in größerem Umfange zu verbreiten". in Peine 9 Die Alexander und Fanny Simonsche Stiftung zu Hannover, ihre Ziele und ihre Arbeiten von 1907 bis 1914. Von Syndikus Dr. Eugen Katz. Hannover Juni 1914. Druck von Gebrüder Jaenicke, Hosbuchdruckerei.

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