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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-04 · Heft 36 (4.9.1914) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 36 (4.9.1914)
Date
1914-09-04
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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WMMWGNMWWMWWWWWWWMWWWMMWGEMWWWWM^ME-E-MU —- 429 schweigend davon. Ich habe diese Szene nicht vergessen, und die Demut, mit der mein Großvater, dessen Haar auch schon ergraut war, die Zurechtweisung hinnahm, rang mir die lebhafteste Hochachtung ab." Dieser Urgroßvater war von einer Schar von Schülern umgeben, von denen er nicht nur ein unausgesetztes, sondern auch ein ausschließliches Studium des Talmud verlangte. Sooft inan ihm von der Notwendigkeit sprach, daß seine Schüler auch in anderen Zweigen der Wissenschaft, in Grammatik, Geographie und Weltgeschichte unterrichtet würden, rief er nicht ohne Heftigkeit: „Solche Dinge führen von den Wegen Gottes ab und sind außerdem völlig unnütz; denn wer den Talmud versteht, dem ist keine Wissenschaft verborgen." Als man ihm meldete, die jüdischen Schullehrer würden künftig die deutsche Grammatik lernen und sich einem Examen unterwerfen müfsen, rief er, daß er dies nimmermehr zugeben würde. „Aber, Rabbi, die Regierung verlangt es!" — „Die Regierung?" rief er. „Was geht mich die Regierung an? Wenn sie solche unsinnigen Dinge verlangt, muß man sie absetzen!" „Für ihn", so sagt Kalisch, „wie für so viele andere Juden, - die ihre ganze Tätigkeit dem Talmudstudium widmeten, war das wirkliche Leben mit seinen materiellen Forderungen, mit seinen Wünschen, Hoffnungen und Befürchtungen nichts als eitel Schein und der Beachtung nicht wert. Er kannte die babylonischen Städte Rahardea, Sura, Pumbedita, die Hochschulen des Talmuds, viel besser als seine Vaterstadt. Wo der Talmud aufhörte, hörte für ihn die Welt aus." Hebet den Tod dieses Urgroßvaters erzählt Kalisch, daß er, der Knabe, eines Tages von der Magd aus der Schule geholt wurde, um an das Bett des Sterbenden geführt zu werden, wo dieser ihn segnete. „Diese fromme liebevolle Handlung war auch die letzte, die er vollzog. Nach gesprochenem Segen legte er sich ins Kissen zurück und war nicht mehr." Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck dieser Segen eines Mannes, des Größten in der Gemeinde, die sofort beim Bekanntwerden der Todesnachricht alle Läden schließen ließ, für den alle großen jüdischen Gemeinden des In- und Auslandes Trauerfeiern veranstalteten, auf den sechsjährigen Knaben machte. Ueber die Schulbildung, die Kalisch in dieser abgeschlossenen Gemeinde genoß, erzählt er Fürchterliches. In der Elementarschule, die er bis zum sechsten Lebensjahre besuchte, beschränkte sich der Unterricht aufs Lesen und Schreiben des Hebräischen und auf die Uebersetzung einiger Gebete; er begann am frühen Morgen und hörte erst spät am Abend auf; es wurde den Schülern im eigentlichen Sinne des Wortes eingebläut. „Man kehrte selten aus der Schule ohne blutige Striemen und blaue Maler zurück. An Belohnungen und Auszeichnungen für Fleiß und gute Aufführung war nicht zu denken." Sobald ein Knabe das sechste Jahr zurückgelegt, wurde er in eine höhere Anstalt geschickt, wo man die Bibel übersetzte und auch das Studium des Talmuds begann. Die Bibelübersetzung wurde in einem jüdisch-deutschen Kauderwelsch vorgenommen, in welches sich auch manches polnische und russische Wort einmischte, besonders wenn der Lehrer aus Russisch-Polen stammte. Von Grammatik war dabei keine Rede. Jedes Jahr wurde einmal der Pentateuch durchübersetzt, so daß nach einigen Jahren selbst ein mittelmäßig begabter Schüler ihn auswendig konnte. „Ich kann nicht lebhaft, genug", so sagt Kalisch, „den gewaltigen Eindruck schildern, welchen die biblische Welt auf mein kindliches Gemüt hervorbrachte. Ich habe in späteren Jahren so ziemlich alle Meisterwerke der Poesie gelesen. Es war mir vergönnt, die homerischen Dichtungen in der Ursprache kennen zu lernen, und ich habe dieselben längere Zeit zu meiner ausschließlichen Lektüre gemacht; ja, im reiferen Mannesalter habe ich die Bibel während einer Reihe von Jahren nicht mehr zur Hand genommen; als ich sie aber wieder las, überzeugte ich mich, daß sie mit Recht das Buch der Bücher genannt wird. Auch die lyrischen Stellen im Pentateuch, der Segen Jakobs, Bileams urtö Mosis, erweckten in mir die lebhaftesten Empfindungen trotz der barbarischen Uebersetzung, in der ich sie kennen lernte." Viel weniger zog ihn das Studium des Talumds an, der nur im hagadischen Teil die Einbildungskraft eines Knaben zu beschäftigen weiß, und dessen Studium er mit sechs Jahren begann. Um im übrigen die Welt zu schildern, in der Kalisch aufwuchs, sei erwähnt, was er von seinen beiden Großmüttern erzählt. Die eine hatte ein Stück Welt gesehen, war von ihrem Gatten einmal kurz nach ihrer Verheiratung zur Messe nach Leipzig ausgenommen worden und hatte dort im Theater „Hamlet" aufführen sehen, was sich ihr so tief ins Gedächtnis eingeprägt hatte, daß sie die Handlung Szene für Szene mitteilen konnte. „Bei dieser Gelegenheit hörte ich auch", so erzählt Kalisch, „den Namen Shakespeare, ohne zu ahnen, daß es mir einst vergönnt sein würde, die Werke dieses Meisters in der Ursprache aufführen zu sehen. Sie nannte noch öfters einen anderen Namen, den man in ihrem Munde gewiß nicht erwartet hätte. Jedesmal, wenn ich bei passender Gelegenheit einen hebräischen Bibelvers oder einen Spruch aus dem Talmud zitierte, rief sie, indem sich ihr Antlitz freudig verklärte: „Du hast einen Kopf wie Aristoteles!" Wenn ich nun fragte, wer dieser Aristoteles sei, wußte sie freilich keine bestimmte Antwort zu geben. Sie hielt ihn für einen berühmten Talmudisten, der sich vor den übrigen besonders durch sein gewaltiges Gedächtnis und durch seine Geistesschärfe auszeichnete." Kalischs andere Großmutter gehörte zu den gelehrten Frauen. Sie war in der heiligen Schrift sehr bewandert und schrieb das Hebäische geläufig und ohne orthographische Schnitzer. Sie wechselte auch Briefe mit mehreren Rabbinern aus ihrer Verwandtschaft, die ihr zum Ruhme nachsagten, daß sie nie einen hebräischen Bibelvers falsch zitiert habe. Während sie den Verlust ihres Vermögens mit Ergebung ertrug, war es ihr in ihrem Alter ein unüberwindlicher Schmerz, daß einer ihrer Söhne, der sich in Berlin niedergelassen, mit Weib und Kind zum Christentum übergetreten war. Der Sohn war für sie tot, sein Name wurde nicht mehr ausgesprochen. Da siedelte ihr jüngster und Lieblingssohn ebenfalls nach Berlin über, wo er, obwohl er fest am Judentum hing, doch seine Beziehungen zu dem älteren getauften Bruder aufnahm. Anderthalb Jahrzehnte später kam die Frau, von Sehnsucht für den Lieblingssohn getrieben, nach Berlin, der Getaufte umschlich stundenlang das Haus seines Bruders, um die Mutter, wenn sie ausgeht, zu sehen. Da er selbst aber ihr sich nicht zu nähern traut, wagt er es, ihr seine Kinder durch den Bruder vorzuführen. Die ehrwürdige Matrone sieht die Kleinen und fragt, wer sie seien. Ihr Sohn nennt ihr schüchtern den Vater der Kinder. Sie kämpft einen Augenblick; Tränen stehen in ihren Augen, schon breitet sie die Arme aus, die Enkel ans Herz zu drücken, als sie plötzlich mit einem lauten „Nimmermehr!" sich von ihnen abwendet. Das war die Umwelt, in der Kalisch aufwuchs. Aber noch im Knabenalter, als Zwölfjähriger, verließ er die Heimat, und es gelang ihm erst nach und nach, nach Irrfahrten mancherlei Art, sich ziemlich spät als Autodidakt auf das akademische Studium vorzubereiten. Er besuchte die Universitäten Heidelberg und München und trieb erst Medizin, bis die vergleichende Sprach- und Literaturforschung ihn ganz an sich zog. In Gießen holte er sich dann den Doktorgrad. Seine frühesten literarischen Leistungen fallen sodann in die ersten vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, nachdem er I

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