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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-04 · Heft 36 (4.9.1914) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 36 (4.9.1914)
Date
1914-09-04
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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428 In den ersten Jahren der Negierung Nikolaus II. schien es den Juden, als ob auch auf dem Gebiet des Wohnrechts eine Erleichterung eintreten sollte, aber es zeigte sich bald, daß der schwächliche Zar denr Einfluß des allmächtigen Pobjedonoszew, Proknrator des Heiligen Shnods, nicht Zu widerstehen wußte. Immer mehr verfiel er seiner panslawistischen orthodoxen Umgebung. Auch die Beamtenschaft erhob wieder mächtig ihr Haupt. Sie, die nur von Bestechung lebt, hatte an geregelten Verhältnissen kein Interesse. Im Gegenteil, jedes neue Ausnahmegesetz war für sie eine neue Handhabe, Geld von den Juden zu erpressen. Der verheißungsvolle Frühlingsmorgen verdüsterte sich immer mehr. Derselbe Zar, der die Friedenskonferenz im Haag berief, war es auch, unter dessen Regime den Juden das Leben zur Hölle werden sollte. Es folgte die Revolution. Die Juden, deren Anteilnahme an der revolutionären Bewegung von seiten der russischen Negierung gewaltig übertrieben wird, sollten an allen Wirren schuld sein. „Wir werden", sagte der Minister Plewe einer jüdischen Abordnung, „eure Lage in Rußland so unerträglich machen, daß ihr bis auf den letzten Mann Rußland werdet verlassen müssen." Das war die Zeit, in der Pobjedonoszew den zynischen Ausspruch tat: Ein Drittel der Juden werden wir zur Auswanderung zwingen, ein Drittel lassen wir verhungern und ein Drittel schlagen wir tot. Den Worten folgte die Tat. Der Russisch-Japanische Krieg bot willkommene Gelegenheit, sich der unbequemen Juden massenhaft zu entledigen. 33 000 Juden haben in der mandschurischen Armee gestanden; acht Prozent des ganzen Heeres, während die Juden nur vier Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. Bon den Reserveärzten, die ins Feld geschickt wurden, waren neun Zehntel Juden. Man wollte sich dieser freisinnigen Elemente entledigen. Die Heldentaten der jüdischen Soldaten erkannten sogar ihre Gegner an. Doch wie hat man die Vaterlandstreue belohnt! Tie verwundeten Juden, die nach der Heimat zurückbefördert worden waren, warf man aus den Lazaretten aller derjenigen Orte heraus, wo die betreffenden kein Wohnrecht hatten. Rußland belohnte die Tapferkeit der Juden auch noch in anderer Weise. Es wurde das Gerücht verbreitet, die Juden allein seien schuld an dem Mißerfolg des Feldzuges! Die Negierung wollte die Unzufriedenheit des Volkes von sich ablenken. Sündenbock wurden die Juden. Jedes Mittel war der korrupten Beamtenschaft willkommen, sich am Ruder zu halten. Besonders mußte das Ritualmordmärchen herhalten, die Menge gegen die „Feinde Christi" zu sanatisieren. Es folgte die Zeit der blutigen Pogrome oder Judenmetzeleien, unter der offenen Mitwirkung der Negierung. Es war die Antwort der Beamtenschaft auf das Oktobermanisest des Zaren. Die Freiheitspartei sollte durch die Massenabschlachtung der Juden, die als Fortschrittler galten, abgeschreckt werden. Hier die Bilanz dieser Pogrome, die in 725 Orten des Ansiedlungsrayons stattgesunden haben: 1000 Juden wurden getötet, 7000 bis 8000 verwundet oder zu Krüppeln geschlagen. 400 Witwen, 1700 Waisen waren ihres Ernährers beraubt. 201 000 Juden waren um 62 700 000 Rubel geschädigt worden, und dies alles in der Zeit vom 18. bis 29. Oktober! Einige der „echt russischen Leute" wurden „pour In forme" vor Gericht gezogen, um dem Ausland zu zeigen, daß es in Rußland noch eine Gerechtigkeit gibt. Einige der Hooligans wurden zum Schein verurteilt, vom Väterchen Zar sofort begnadigt, unb diejenigen Offiziere, die sich gegen die Pogrome ausgesprochen hatten, wurden streng bestraft. Unterdessen wurde die erste Duma gewählt. Unter den Abgeordneten waren zwölf Juden. Die zweite gefügigere Duma hatte nur noch zwei Juden aufzuweifen als Vertreter von sechs Millionen Stammesgenossen; so gut hatte der Wahlapparat der russischen Beamtenschaft gearbeitet. Die blutigen Pogrome hörten plötzlich auf, denn Rußland brauchte Geld, viel Geld und spekulierte auf den Geldbeutel der ausländischen jüdischen Hochfinanz. Leider nicht vergebens, aber Bedingung war: Die Pogrome müssen aufhören. Jedoch für die unglücklichen Juden war nicht viel gewonnen, die russische Beamtenschaft verfügte noch über andere Machtmittel. Es folgte die Aera der Ausweisung. Vom 1. Juli 1905 bis zum 30. Juni 1906 wunderten 107 000 russische Juden allein nach New Dork aus, ebensoviel in den folgenden Jahren. Im Frühjahr 1910 wurden 10 000 aus Kiew vertrieben, und noch kurz vor Ausbruch des gegenwärtigen Krieges haben 40 000 Juden aus Kiew den Ausweisungsbefehl erhalten. Und da wagt es der Zar heute, sich mit schönen Worten an die Juden zu wenden! Aber damit nicht genug: an Stelle der blutigen Pogrome, die Rußland vordem Ausland bloßgestellt haben, ist im Programm der „Patrioten" der unblutige Pogrom gesetzt worden. Gras Wladimir Bobrinsky hat es in der Duma offen ausgesprochen, worin dieses neue System besteht: Es wird keinem Juden das Leben genommen, es wird ihm nur das Leben unmöglich gemacht. Durch Beschränkung der Erwerbsmöglichkeiten soll er gewaltsam niedergehalten werden in materieller und vor allem in geistiger Hinsicht. Die neue Lösung lautet: Herabdrückung des Kulturniveaus der Juden unter das des russischen Volkes. Daher die „prozentualen Normen", die in den letzten Monaten in ganz Rußland durch einen kaiserlichen Ukas festgesetzt wurden: 5 bis 15 Prozent in Mittelschulen, 3 bis 10 Prozent in den Hochschulen. Die höchste Norm von 15 Prozent gilt für Städte des jüdischen Ansiedlungsrahons, in denen die Juden vielfach 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Eine große Anzahl von Bildungsanstalten ist für die Juden gänzlich gesperrt, wie z. B. die medizinische Hochschule in Petersburg, und diese auch für getaufte Juden und ihre Nachkommen bis zum vierten Gliede! Sogar solche Anstalten, die die Juden aus eigenen Mitteln errichtet haben, Gymnasien und Mittelschulen, sind ihnen jetzt vielfach gesperrt. Das ist Geist vom Geiste Pobjedonoszews. Die russische Beamtenschaft hat es erkannt, daß Wissen Macht ist, daß Aufklärung des Volkes das Ende des russischen Absolutismus bedeutet. Sie hat es erkannt, daher hält sie ihr Negime mit verzweifelten Mitteln aufrecht. Deutsche Truppen stehen an der russischen Grenze. Möge mit ihnen Recht und Licht eindringen in das dunkle Zarenreich, damit auch die sechs Millionen unglücklicher Juden das erlangen, was ihnen seit einem Jahrhundert versagt worden ist — Menschenrechte! Ludwig Lalilch. Zu seinem hundertjährigen Geburtstage. Von E. 11 o l a n i. ff udwig Kali sch ist wohl keiner von den ganz Großen der 1^, deutschen Literatur, aber seine Erscheinung ist deshalb unter den deutschen Schriftstellern jüdischen Stammes bemerkenswert, weil er zu denen gehört, deren Jugend noch eingedämmt war von jenem Zwange, der zu den Kindern Israels deutsche Geistesbildung nur schwer gelangen ließ. Am 7. September 1814 ward er in Lissa in der jetzigen Provinz Posen geboren, also in den Tagen, da der Wiener Kongreß noch nicht über das Schicksal des Königreichs Polen entschieden hatte. Ludwig Kalisch hat, als er bereits dem Greisenalter nahe war, ein Büchlein „Bilder aus meiner Knabenzeit" (Leipzig 1872) erscheinen lassen, das keineswegs autobiographische Zwecke hatte, sondern ein Kulturbild jüdischen Lebens in einer Kleinstadt zu Anfang des 19. Jahrhunderts geben wollte. Da sehen wir denn, wie Moses Mendelssohns Wirken, das den Juden deutsche Geistesbildung zuführen wollte, etwa ein Menschenalter nach dein Tode dieses Weisen noch nicht zu den posenschen Gemeinden gedrungen war. Der Urgroßvater von Ludwig Kalisch, dessen sich dieser noch gut zu erinnern vermochte, stand als Rabbiner an der Spitze der Gemeinde; er war ein berühmter Rabbi, dem alle mit größter Ehrfurcht begegneten, selbst seine Frau dutzte ihn nicht und rief ihn auch niemals beim Namen. „Mich als das älteste männliche Enkelkind", so erzählt Kalisch, „liebte er sehr, um so mehr, als ich bereits im sechsten Jahre den Talmud zu studieren begann und, wie es schien, ziemlich viel versprach. Ich wurde daher sehr von ihm verhätschelt. Eines Tages, als mein Großvater, sein Sohn, mich in seiner Gegenwart wegen einer begangenen Unart schalt, fuhr er ihn mit den Worten an: „Dummer Junge, quäle das Kind nicht!" Mein Großvater beugte das Haupt und ging

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