Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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427 Leider gibt es -- oder vielmehr goO es — vor dem Kriege einige Leute ohne Verantwortung, die einer anderen Meinung waren. Tie haben aber diese DJtetmmö öffentlich zurückgeuommeu oder schloeigen still. Auch hat man in offiziösen deutschen Blättern unsere durchaus ernst gemeinte Neutralitätserklärung mit Ausdrücken vollster Genugtuung anerkannt. Als schwedischer Jude wäre ich Ihnen, Herr Geheimrat, sehr verpflichtet, wenn Tie, nachdem Sie sich über die Nichtigkeit meiner Angaben überzeugt haben, and) etwas in dieser Richtung in Ihrem werten Blatte erscheinen ließen." Ich komme diesem Wunsche gern nach. & % m erik a n i s ch eZe'it u n g e n kommen selten llnd verspätet zu uns. Die letzte, die an uns gelangt ist (30. August), „Tüe Americain israelite“ vonr 6. August, zeigt keinerlei Veränderung in Umfang imb Inhalt. Den: „Krieg in Europa" ist nur folgender kurzer Artikel gewidmet: „Seit den Tagen von Waterloo hat Europa nicht eine Welt von Waffen gesehen, wie sie in diesem Augenblick unsere Zivilisation bedroht. Mit Oesterreich, Deutschland, Nußland und Frankreich, die tatsächlich in den Krieg verwickelt sind, und mit England, welches droht, in jedem Augenblick die Feindseligkeiten anznfangen, steigt das Gespenst der allgemeinen Zerstörung mit furchtbarer Wirtlichkeit empor. Unter solchen Umständen sieht der Krieg in Serbien wie ein Straßenkampf aus, den die Ortspolizei zum Vergnügen der Zuschauer zu erregen versucht. Bei den Komplikationen, die sich in Belgien einstellen, und der Wahrscheinlichkeit, daß alle Balkanstaateu sich dem Getümmel anschließen, ist es leichter zu sagen, welche Mächte vermutlich passive Zuschauer sein werden, als diejeuigeu anfzuzähteu, welche wahrscheinlich in irgendeinem Augenblick hineingezogen werden. Unser erster Gedanke ist der des Niedergedrücktseins über den langsamen Fortschritt des Nceuschengeschlechtes zu der Verwirklichung des Ideals von Israels Propheten: „Wenn Volk nicht das Schwert erheben wird wider Volk, und wenn sie den Krieg nicht mehr lernen werden." Welch ein schrecklicher Anblick, zu sehen, wie Werke der Zivilisation, die Jahrzehnte, gelegentlich Jahrhunderte zu ihrer Vollendung brauchten, zn Atomen zerschlagen werden. Wir tonnen nicht umhin, uns auszurechnen, daß die Ausgaben der Kriegszeit von einem Tage genügt hätten, Wege und Wohnungen zn ballen und Flußläuse zu verbessern; so hätten zahllose Leben illld unschätzbare Werte an Eigentum gerettet. Schulen ausgestattet, Parks angelegt und viele andere Tinge getan lverden können, um ans dieser Welt einen sichereren, vergnügteren und besseren Ort für das Leben zu machen. Vom jüdischen Gesichtspunkt aus mögen die Wirkungen des Krieges sehr weitreicheild sein. Man braucht sich mir daran zn erinnern, daß vor Napoleons Zeit Preußen das besaß, was heutzutage das russische Gouvernement Grodno ist, und daß, wenn die Landkarte nicht geändert worden wäre, der Pogrour von Bialhstok nicht stattgesunden hätte. Wir können nicht ohne einen Schauder an die schreckliche Lage der Juden in Galizien denken, welche, abgesehen von der Hungersnot, gewöhnlich in solchem Elend leben, daß jährlich 50 000 bis 100 000 gezwungen sind, eine neue Heimat jenseits des Ozeans zu suchen. Unsere Gedanken wenden sich zu dem schrecklichen Elend der Inden in Galizien, welche außer der Hungersnot, die ihnen durch die Armut des Landes aufgezlvnngen ist, in den letzten Jahren durch den Boykott ihrer polnischen Nachbarn zn leiden hatten. Diese Gegenden lverden die ersten sein, welche unter den Schrecknissen des Krieges zn leiden haben, und wenn der Krieg sich über Rumänien uud Griechenland ausdehnen sollte, müssen wir uns auf die schlimmsten Folgen für die Inden aus dem nationalen Chauvinismus gefaßt macheu. Damit verglichen, ist es wenig von Belang, daß wir beinahe sicher sein können, daß, wie auch der Ausgang des Krieges sein möge, die Juden bei denen, welche geschlagen werden, die Verantwortlichkeit werden tragen müssen, gerade so wie sie für den Burenkrieg, für die Niederlage von Rußland im fernen Osten und sogar für den Boxeraufstand verantwortlich gemacht wurden. In diesem Augenblick können wir nur hoffen, daß die öffentliche Meinung durch die schreckliche Lektion des Kriegs gestärkt werde, und daß die Völker schließlich durch die Heimsuchungen der göttlichen Vorsehung gebessert werden. Die Juden Kuhlands unter Mkolaus H.l) Von Dr. A r t h n r Weil, St r a ß b u r g. (Ans der „Straßburger Post" abgedruckt.) Ä^i-e Geschichte der Juden uuter der Herrschaft der Zaren ist eines der traurigsten Kapitel ni der Leidensgeschichte Israels, uud es klingt wie eine Ironie der Weltgeschichte, daß sich das Schicksal der Juden gerade unter der Herrschaft des „Friedeuszaren" am blutigsten gestaltet hat. Mit Recht schrieb unlängst die in Paris erscheinende „Tribüne Russe": Jamais Ja rage antisemite ne i'ul aussi furicuse, aussi aveugle, aussi besliale que sous le regime du Coup d’Elat de juin. I Und welche Hoffnungen hatten sich die Juden Rußlands beim > Regierungsantritt Nikolaus II. gemacht! Hatte er doch in seinem 1 Thronbesteigungsmauifest erklärt, sein einziges Ziel sei: die Beglückung aller treuen Untertanen. Und wirklich, der Anfang schien verheißungsvoll. Zur Krvuuugsfeier in Most'an im Jahre | wurden auch drei Rabbiner offiziell eingeladen nnd erhielten vom! Staate jeder eine Reisevergütung von 000 Rubel. Derartiges war weder unter Nikolaus I. noch unter einem der Alexander vorgeloinmen. Eine Abordnung der jüdischen Gemeinden überreichte dem Zaren eine große Gruppe ans Silber, die den Erdball zeigte, dessen Friede durch Rußland gestützt wird. Die Wünsche waren ansrichtig und die Hoffnungen schienen berechtigt. Ein Wink von oben wirkte auf die Beamtenschaft und die Presse, die, wenn auch knirschenden Herzens, den neuen Kurs mitmachen mußten. Inden wurden - - gegen frühere Verfügung —nunmehr als Ingenieure augestellt, als Rechtsanwälte zugelassen, Juden durften nun auch in Apotheken in größerem Prozentsatz beschäftigt lverden; jüdische Soldaten dursten jetzt sogar zn Unteroffizieren befördert lverden. Roch mehr aber bedeutete für russische Verhältnisse, daß Pros. Ehmertin, ein Ehrist, 1897 ein Buch zur Verteidigung der Juden veröffentlichte. Er lvies darin und), daß die Vertreibung der Juden aus £cn nicht zum Rayon gehörenden Gouvernements, lvie dies seit! 1881 der Fall war, recht schlimme loirtschaftliche Folgen für Rußj land gehabt habe. j Doch zunächst ein Wort der Aufklärung über diesen oste uro! päischeu Begriff Ansiedlungsrayvn, der die Judeufrage Rußlands > in den letzten Jahrzehnten beherrschte uud nod) heute beherrscht. | lieber 05 Prozent der (*> Millionen russischer Juden sind von Staats j wegen gezwungen, innerhalb dieses sogenannten Ansiedlungsrayons z zn wohnen. Dieser Rayon -macht '/M des Zarenreichs aus. Wahrj lieh ein ungeheures Ghetto! Dieser Rayon entstand dadurch, daß! Rußland sich um Provinzen vergrößerte, die dicht mit Inden bevölkert lvaren. Diese jüdischen Massen tonnten zlvar nicht auf einmal ausgerottet lverden, aber die russische Regierung ging seit Jahrzehnten planmäßig darauf ans, ihnen jeden geregelten Erwerb zu unterbinden, sie durch Verkleinerung des Ansiedlnugsrayons immer mehr zusammeuzupserchen, damit sie ohne Licht nnd Lust verkümmerten. So wurden nnd lverden bislveilen Städte in Dörfer umgewandclt - natürlich nur fiktiv — nur um die Juden, die ja in Dörfern nicht .vohnen dürfen, vertreiben zn können. Nur vier Klassen von Inden haben theoretisch das Recht, in ganz Rußland zn wohnen: 1. Leute, die Soldaten gewesen sind; 2. die Inhaber akademischer Grade; 0. die Kau heute erster Gilde; 4. die Handwerker. Nur theoretisch haben diese vier Klassen das Wohnrecht; Praktisch hängt auch für sie das Recht ab von der Anzahl der Rubel, die sie den Beamten, den niedrigsten lvie dell höchsten, einznhändigen imstande sind. Nur eine einzige Klasse hat Freizügigkeit im ganzen heiligen russischen Reich: die Prostituierten! Jüdische Studentinnen, die die Ntöglichteit haben loottteu, in Petersburg zu studieren, ließen sich den „gelben Zettel" geben, doch als die Polizei scststeltte, daß sie sich dem Studium statt der Schande hingäben, wurden sie .eiligst aus der Hauptstadt ansgewiesen! I Als Literatur kounut in Betracht: Lucken Wolf, The legal sulTerings o[ tlic Jecos in Russin. Verlag Fischer llnnun, London. Ferner: Die Judenpogrome in Rußland, von der zur Erforschung der Pogrome eingesetzten Kommission. Köln, Jüdischer -Verlag, 1910. Vor allem aber: Neueste Geschichte des jüdischen Volkes von Pros. Martin Philippson.