Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- Seite 426 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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426 "leister, der Gendarmeriechef und die Pokizeikommissare lvnrden bei dem Sturm auf das Gefängnis getötet. In allen öffentlichen Gebäuden, die beflaggt finb, arbeiten revolutionäre Komitees. Das Bombardement richtet sich hauptsächlich gegen Gebäude und die Kasernen, wo die aufrührerischen Truppen sich anfhalten. Nähere Einzelheiten fehlen noch. 29. A n g n st. Unsere Truppen in Preußen unter Führlmg des Generalobersten v. Hindenburg Haben die vom Narelv vorgegangene russische Armee in der stärke von snns Armeekorps und drei Kavalleriedioisionen in dreitägiger Schlacht in der Gegend von Gilgenbnrg und Lrtelsburg geschlagen mW verfolgen sie jetzt über die Grenze. In: Lause des gestrigen Bormittags sind bei Zeitweise unsichtigem Wetter mehrere moderlw englische kleine Kreuzer und zwei englische Zerstörerflottillen (etwa 40 Zerstörer) in der deutschen Bucht der Nordsee nordwestlich Helgoland aufgetreten. Es kam zu hartnäckigen Einzelgefechten zwischen ihnen unb unseren leichten Streitkräften. Tie deutschen kleinen Kreuzer drängten heftig nach Westen und gerieten dabei infolge der beschränkten Sichtweite ins Gefecht mit mehreren starken Panzerkreuzern. S. M. S. „Ariadne" sank, von zwei Schtachtschifftreuzern der Lionklasse auf kurze Entfernung mit schwerer Artillerie beschossen, nach ehrenvollem Kampfe. Ter weitaus größte Teil der Besatzung, voraussichtlich 250 Köpfe, konnte gerettet werden. Auch das Torpedoboot „V 187" ging, von einen: kleinen Kreuzer und zehn Zerstörern aufs heftigste beschossen, bis zuletzt feuernd in die Tiefe. Flottillenchef und Kommandant sind gefallen. Ein beträchtlicher Teil der Besatzung wurde gerettet. Tie kleinen Kreuzer „Köln" und „Mainz" werden vermißt. Sie sind nach einer heutigen Neutermeldung aus London gleichfalls im Kampfe mit überlegenen Gegnern gesunken. Gin Teil ihrer Besatzungen (9 Offiziere, 81 Mann?) scheint durch englische Schiffe gerettet worden zu sein. Nach der gleichen eng- > tischen Quelle haben die englischen Schiffe schwere Beschädigungen erlitten. Mit tiefem Schmerz registrieren wir die letzte Nachricht, konstatieren aber wiederholt, in welch offener und loyaler Weise unsere Heeresleitung auch Schlappen und Verluste eingesteht. Mit um so größerer Freude und Begeisterung können wir aber die Siegesnachrichten melden, die von Ost und West eingelaufen sind. Der Vormarsch in Belgien, die Bezwingung starker Festungen, die Zurückwerfung der Franzosen und Engländer in Frankreich sind ungeheuere, bewundernswerte Taten, wie die Weltgeschichte wenige zu melden hat. Die Erfolge in der Provinz Preußen haben Berlin und ganz Deutschland von einer schweren Sorge befreit. Die vielen Flüchtlinge, die aus Ostpreußen nach Berlin kamen und für die in großartigster Weise gesorgt wird, verbreiteten, da die Flüchtlinge, die ihr Hab und Gut im Stich lassen mußten und manche Schauermär berichteten, eine gewisse Beängstigung, aber von Furcht war nichts zu spüren. Tenn das Vertrauen zu der Umsicht der Heeresleitung und die Ueberzeugung von der imponierenden Heldenhaftigkeit unserer Truppen ist allgemein; sie ist nirgends im Sinken, überall nur im Wachsen begriffen. Gewiß sind die Opfer sehr groß und schon jetzt beklagen viele jüdische Eltern den Tod und die schwere Verwundung ihrer Söhne. Aber das Bewilßtsein von der Pflicht für das Vaterland, von der Ehre, diesem in seinen Nöten beizustehen, lindert den herben Schmerz und gewährt für die nagende Trauer Trost und Erquickung. * Wie wenig Frankreich seine Lage begreifen will, in wie halber und unwahrer Art auch die neue Regierung das Volk aufzuklären oder vielmehr zu täuschen versucht, geht aus folgendem hervor: Ter in der vergangenen Nacht unter dem Vorsitz des Präsidenten Poincarv znsammengetretene Ministerrat hat den Wortlaut des Ausrufs der nellen Negierung au die Bevölkerung gebilligt. . Der Wortlallt ist svlg-ender: Franzosen! Die Negierung hat von ihrem Kampfplatz Besitz gelwmnlen. Das Land weiß, daß es auf ihre Wachsamkeit und Energie zählen kann, es weiß, daß ihr ganzer Geist dem Lande gilt! Die Negierung weiß, daß sie aus das Land zähleil kann. Seine Töhne vergießen ihr Blut für Vaterland und Freiheit an der Seite der englischen und der belgischen heldenmütigen Armee. Sie halten ohne Zittern ben furchtbarsten Sturm von Eisen uild Feuer alls, der je ein Volk überschüttet hat. Alle bleiben aufrecht. Ruhm den Lebende!: und Nuhin den Toten! Die Menschen fallen, aber.die Nation bleibt besteheil. Der endgültige Sieg ist gesichert! Gill sicher großer, aber llicht entscheidender Kampf beginnt. Wie aud> der Erfolg seinwird, der Krieg wird fortdauern, Frankreich ist nicht eine leichte Beute, wie es sich ein unduldsamer Feind eingebildet hat. Franzosen! Tie Pflicht ist tragisch, aber einfach: den Eindringling zurückzuwersen, ihn zu verfolgen und unseren Boden von seiner Gegenwart und die Freiheit von feinen Fesseln zu befreien und auszuhalten bis zum möglichsten, bis zum äußersteil ausznhalten, falls nötig bis zum Ende; unseren Geist und unsere Herzen zu erheben über die Gefahr hinaus, Herr unseres Geschicks zli bleiben. Während dieser Zeit marschieren unsere Verbündeten, die Nüssen, mit entschlosseneil Schritten auf die Hauptstadt des Deutsche»: Reiches (!), die von Angst beherrscht zu werden begiilnt, uild brillgen den Truppen, die sich zurückziehen, viele Niederlagen bei. Wir werdei: vom Lande alle Opfer, alle Hilfskräfte verlangen, die es an Menscher: und Kraft geben kann. Seien wir daher fest uiib entschlossen! Das nationale Leben, unterstützt von finanziellen und administrativen Maßnahmen, wird nicht unterbrochen. Laßt uns Vertrauen haben zu uns selbst uild alles vergessen, ivas ilicht das Vaterland betrifft. Wendel: wir das Gesicht gegen die Grenze! Wir haben die Methode und den Willen und werden siegen!" # Be: den großen Kämpfen, in denen die russische Armee in Ostpreußen bei Tannenberg, Hohenstein und Ortelsburg geworfen wurde, sind nach definitiver Schätzung gegen siebzigtausend Russen mit vielen hohen Offizieren in Gefangenschaft geraten. Die Franzosen haben Lille geräumt. Zwischen Oesterreichern und Russen tobt in der Gegend von Lemberg eine große Schlacht, in der die Oesterreicher bereits viele Erfolge errungen haben. Die Engländer haben w i d e r alles Volke r r e ch t der: Lloyddampfer „Wilhelm der Große" auf neutralem Gebiet iu den Grund gebohrt. * Nach vierwöchiger Dauer des Kriegszustandes können wir sagen: Ungeheueres ist schon erreicht, viel mehr muß noch geschehen. An die Stelle der' Unsicherheit und Beklemmung ist Ruhe in die Gemüter eingezogen. Wohl sind sich alle bewußt, daß es gilt, auszuharren, daß es unabwendbar ist, viel Schmerzliches zu erleiden, aber die Hoffnung auf einen endlichen vollständigen Sieg über alle unsere Gegner ist allgemein. * In meinem Leiter Nr. 34 hatte ich gesagt: „Schweden waffnet, um im geeigneten Augenblick gegen Rußland aufzutreten." Diese Bemerkung ist, wie mir ein schwedischer Journalist mitteilt, u n r i ch t i g. Er schreibt: „Uns, die wir hier das jetzt unschützbare Glück haben, bisher noch im Frieden mit der ganzen Welt zu leben, ist nichts teurer und angelegener »denn unsere volle und ungetrübte Neutralität. Unter unseren praktischen Politikern existiert keiner, der einer anderen Ansicht wäre. Jeder Parteiunterschied hört aus diesem Punkte auf, und unsere Negierung hat gerade in ihrer Eigenschaft als Wächterin unserer Neutralität einen so festen Boden in: Voltswillen, wie kaum je ein Ministerium in unserer Geschichte.