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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-09-04 · Heft 36 (4.9.1914) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 36 (4.9.1914)
Date
1914-09-04
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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\ -423 ziehen und Wehrlose oder solche, die nie daran dachten. Widerstand zu leisten, morden oder peinigen, so beweisen sie nur, das; sie Wilde, zum mindesten Halbastaten, sind. Wenn die Engländer Japan ausreizen, asiatische Horden auf blühende deutsche Kolonien hetzen; wenn Frankreich sein Schutzland Marokko veranlaßt, unter dem Bruch jedes Völkerrechtes die Gesandten fremder Nationen gewaltsam aus dem Lande zu entfernen; wenn Rußland, England und auch Frankreich die Untertanen fremder Länder, denen sie Krieg angesagt, nicht bloß beobachten oder internieren, sondern in ferne Gegenden aus ihren Wohnsitzen verpflanzen, sie zur Zwangsarbeit nötigen und an Eigentum und Gesundheit schädigen, so begehen sie Kulturfrevel, die aus der hochgepriesenen Neuheit die Menschheit in die Zeiten finsterster Barbarei versetzen. Und nicht minder wird jeder Kultur Hohn gesprochen, wenn im Kriege die Gesetze der Menschlichkeit verletzt werden. Es ist die schlimmste Unkultur, wenn,, wie in Belgien und Frankreich, Bürger, Männer und Frauen, aus dem Hinterhalt auf Soldaten schießen oder gar in tierischer Roheit Verwundete und gar Aerzte in ihrer heiligen Tätigkeit verletzen; es ist entehrend, wenn, wie aus Rußland berichtet wird, Soldaten die Hände hochheben und den Moment, den unsere Krieger zur Schonung benutzen, gebrauchten, um sich der Angreifer zu entledigen; es ist ein Hohn auf jede Menschlichkeit, wenn französische Soldaten, wie es heißt, auf ausdrücklichen höheren Befehl, sich Weiberhüte aufsetzen oder mit Zivilanzügen sich bekleiden, um unsere Soldaten, die gegen Nichtkämpser Schonung zn üben bereit waren, anzugreifen. Demgegenüber darf man Mannszucht und Entsagungssähigkeit, zwei hohe Wertmesser wirklicher Kultur, bei unseren Truppen rühmen. Gewiß auch sie müssen Grausamkeit neben Tapferkeit zeigen — denn der Krieg ist ein rohes Handwerk —, aber sie entwürdigen sich nicht zu Barbaren, sie entziehen sich nicht der Menschenpflicht und nehmen nicht zu Mitteln ihre Zuflucht, die nur dem Wilden, nicht dem Gesitteten eigen sind. Gewiß sie zerstampfen die Saat des Landmannes, sie zerstören die Stätten friedlicher Arbeit, — aber zu solchem Tun sind sie gezwungen, sie machen mit aufgegriffenen Verbrechern kurzen Prozeß und brennen Häuser oder ganze Ortschaften nieder zum warnenden Exempel; damit aber nehmen sie nur Rache an den Schandtaten, die den Ihrigen zugefügt sind. Und selbst die Vernichtung der blühenden Stadt Löwen, selbst wenn dabei viele Unschuldige ihr Besitztum und Leben eingebüßt haben, selbst wenn durch diese Zerstörung herrliche Bauten und unersetzliche Kunstwerke vernichtet sein sollten, darf uns in dieser Auffassung nicht irre machen. Gewiß, das ist höchst traurig und gerade vom Standpunkt der Kultur unendlich beklagenswert. Aber die Bewohner Löwens — nicht Soldaten, sondern friedliche Bürger —, die in ruchloser Verblendung auf unsere Truppen schossen, sind schuld an dieser fürchterlichen Strafe, nicht uns, sondern jene Feigen und N i ch t s w ü r d i g e n wird die Geschichte d e r e i n st verantwortlich mache n. Man erkennt also, wohin man auch sieht, nicht bloß bei Ungerechten, sondern auch bei Gerechten, als welche wir unsere braven herrlichen Krieger betrachten und bewundern, so viel Schmach und Roheit, zum mindesten so viel Jammer und Elend, daß der Kulturfreund sein Haupt verhüllen möchte. Aber es ist keine Zeit zu sentimentalen Anwandlungen. Nur eines mag schön jetzt ausgesprochen und in der Zukunft beherzigt werden: die Kultur kann nicht zugrunde gehen. Wir wollen Engländer, Franzosen, Russen, die wir jetzt hassen müssen und sollen, zur Anerkennung unseres Wertes zwingen, aber wir wollen im Kriege und nach dem Friedensschlüsse nicht vergessen, daß wir Kulturträger sind. In friedlicher Arbeit können die Nationen einander nicht entbehren. Die jetzt am ärgsten schreien, daß sie alles Ausländische weit von sich wegweisen, werden leider die ersten sein, die französische Parfümerien und Champagner, englische Saucen und Stoffe nicht missen wollen. Prügelt die Franzosen, erwehrt euch der Russen, peinigt die tückischen Engländer zu Lande und hoffentlich auch auf dem Wasser, aber vergesset in eurem Sinn der Kultur nicht. England hat uns einen Shakespeare gegeben und unsere ganze klassische Bildung bestimmt; Frankreich verdanken wir unsere Aufklärung und die Entwicklung unseres politischen Lebens. Zwingt die entarteten Nachkommen anderer Nationen zur Demut und zur äußeren Anerkennung ihrer Tücke, legt ihnen, wenn, wie wir sehnlichst hoffen, uns dauernder Erfolg beschieden ist, schwere Opfer auf, an denen sie lange zu leiden haben, aber vergesset nicht, daß selbst Rußland einen Tolstoi hervorgebracht hat, und daß wir Frankreich und England Unendliches verdanken. Es seien die Waffen der Deutschen gesegnet und mit Sieg gekrönt, aber lasset durch den Krieg nicht die Kultur in ench ertöten! Sie Woche. Berlin, den 1. September 3 914. ie Kriegsereignisse gehen weiter ihren Gang. Bon Ostpreußen hört man wenig, die vielen Gerüchte sollen hier nicht gebracht werden. Nur das eine muß konstatiert werden, daß viele Flüchtlinge, ältere Leute und Kinder, von Ostpreußen nach Berlin gelangt sind. Daraus Folgerungen ungünstiger Art zu ziehen, wäre unangebracht. Was in dieser schon vor einem Jahrhundert blutgedüngten Provinz geschehen ist, bleibt einstweilen weiteren Kreisen unbekannt, was geschieht, entzieht sich unserer Beurteilung. Aber das unbedingte Vertrauen, das wir zu unserer Heeresleitung haben dürfen, das sich bisher im Westen so glänzend bewährt hat und immer weiter, hoffentlich zum glücklichen Ende bewähren wird, ist noch keineswegs geschwunden, vielmehr in stetem Wachsen begriffen. Freilich ist die Ungeduld groß, aber wir wollen nicht ermüden, die, wenn auch schwere, Kunst des Wartens zu üben. Wo die Russen erscheinen, sollen sie wie die wilden Tiere oder die Barbaren hausen, und das Herz des Deutschen krampst sich zusammen, wenn er an das arme Ostpreußen denkt. Auch die Kriegführung der Franzosen und Belgier entfernt sich von jeder Menschlichkeit. Darum müssen die deutschen Truppen Rache nehmen, aber wir können mit gutem Gewissen behaupten, daß nicht von uns die Grausamkeiten ausgehen. * Im nachstehenden folgen die Kriegsnachrichten: 24. August. Laut eben aus Palermo eiutrefsender Drahtmeldung des Kaiserlichen Geschäftsträgers in Tanger hat diesem die marokkanische Negierung am 19. August seine Pässe Zugestellt und ihn mit dem gesamten Personal der Gesandtschaft überraschend und gewaltsam an Bord des französischen Kreuzers „Casfard" geschasst, um sie nach Palermo zu transportieren. Dieser brutale Uebersall in der Hauptstadt der internationalen Zone Marokkos, in der diplomatische Vertreter der Signatar- Mächte der Algecirasakte noch heilte die Kontrolle der Negierung ausüben, bedeutet seitens Marokkos und Frankreichs einen derartig unerhörten Brllch des Völkerrechts, wie er in der Geschichte kaum ärger vorgekommen sein dürfte. Daß dieser Gewaltstreich nur mit Zustimmung Englands möglich war, versteht sich der der Lage Gibraltars von selbst, desselben Englands, das seine Kriegserklärung gegen uns mit dem Eintreten für die Unverletzlichkeit der internationalen Verträge beschönigte. 25. August. Von der Festung Namur sind fünf Forts und die Stadt in nnserm Besitz. Vier Forts werden noch beschossen. Ihr Fall scheint in Kürze bevorzustehen.

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