Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 422 ■mijjcrbem, das; sie nichts Gesundes geben, auch ihren Zweck völlig verfehlen, lim die Römer recht groß darzustellen, verleninden und verkleinern sie die Inden, ohne zu bedenken, wie wenig die Besieger eines so geringen Volkes groß erscheinen können. Tabei kümmern sie sich weder um die Dauer des Krieges, noch um die Zahl des Römerheeres, das sich müde kämpfte, noch uni die Größe der Feldherrn, deren Ruhm nur verlieren kann, wenn die Waffentaten vor Jerusalem, dessen Eroberung so viel Mühe kostete, verkleinert werden." .Jeder Stadt, jedem Lande, das den Inden eine nraterielle Entwicklung gestattete, kam ihre Tapferkeit im Notfälle zu Hilfe. Als Belisar im Jahre 530 seinen Siegeszng durch Italien begann, machte ihn: Neapels heldenmütiger Widerstand viel zu schaffen. „Tie Stadt war damals klein an Umfang, doch äußerst stark befestigt und lebhaft durch den Handelsgeist ihrer griechischen Bewohner und zahlreicher Juden. Diese waren dem Kaiser Jnstinian, der ihre Glaubensgenossen verfolgte, feind und den duldsamen Goten freund; sie suchten auf den Mauern nicht minder tapfer als die gotische Besatzung", sagt Gregorovius, und Gibbon mit den Worten: „Die Juden, die reich und zahlreich waren, widersetzten sich mit verzweifeltem Enthusiasmus den unduldsamen Gesetzen Justinians" ungefähr dasselbe. Es dürfte nicht schwer halten, der schlagenden Beispiele von der Tapferkeit des Volkes Israel, wenn es galt, Unrecht abznloehreu, inehr zu finden. Doch genügt für eine kurze Skizze das Angedeutete. Rur zur Bibel, welche nach einem Goethesehen Ausspruch „nicht etwa nur ein Volksbuch, sondern das Buch der Völker, weil sie die Schicksale eines Volkes zum Symbol aller übrigen aufstellt", ist, möchte ich zum Schluß zurüekgreifeu. In den Geschichten des Alten Testaments lebt ein befreiender Kriegsgeist. Das zwanzigste Kapitel des fünften Buches Mose enthält Gesetze über den Krieg, Es wird eingeleitet mit den Worten, die der Priester vor dem Kampfe zum Volke reden soll: „Israel, höre zu! Ihr gehet heut in den Streit wider eure Feinde, euer Herz verzage nicht, fürchtet euch nicht und erschreckt nicht, und laßt euch nicht grauen vor ihnen!" Gin Psalm Davids beginnt mit de;;; Tank: „Gelobet sei der Herr, mein Hort, der meine Hände lehret streiten . . Durch Judiths Trinmphlied klingt die Siegesfreude, auf das Buch der Makkabäer aber braucht nicht erst hingewiesen zu werden. Willkonnneu, Tod fürs Vaterland! tönt es heute im Osten und Westen des deutschen Vaterlandes, wie es einst getönt von der Burg Zion und Salomos Tempelbau. Der Krieg und die Kultur. Von Ludwig Geiger. nmittelbar vor dem Ausbruch des Weltkrieges, unter dessen Sehreckel; wir leben, suchten ernste Friedensfreunde uns zu belehren, daß der Krieg die schlimmste Unkultur bedeute. So sehr der gebildete Mensch ~~ nicht etwa bloß der Friedfertige und Furchtsame - - auch diese Ansicht keilen und zur Vermeidung des Krieges Mitarbeiten mag, auch er wird nach den neuester; Vorgänger; zugeber; rnüffen, daß es Umstände gibt, iu denen ein Krieg unvermeidlich ist. Wir sind alle rvir Deutsche, denn leider behaupten die Zugehörigen anderer Nationen das Gegenteil — überzeugt, daß das Herz unseres Kaisers von wahrhafter Friedensliebe erfüllt ist, und daß er bis zum letzten Momente aufrichtig gesprochen nr;d energisch alles getan hat, um den Krieg zu verhinderr;. Nicht also ihn;, sondern der; Hetzern in West und Ost, der; Knltnrskörern, obgleich sie als die echten Träger der Kultur sieh.gern bezeichnen, rnüssen die Friedensfreunde die Schuld geben an dem Unheil, das über die ganze Welt heraufgezogen ist. Nun ist der Krieg an allen Ecken und Enden entbrannt, und es lohnt sich wohl die Frage, ob ein solch unseliger Zustand völlig unvereinbar mit Kultur ist. Zunächst freilich scheint es, als ob man diese Frage unbedingt bejahen müsse. Dieser Krieg hindert alle friedliche Kulturarbeit. Die Aufregung der Menschen, nicht bloß der Millionen, die zum Kriege ausgezogen und mit dem blutigen Handwerk ausschließlich beschäftigt sind, sondern anch die der zu Hause gebliebenen Männer, der Frauen und Kinder, die ihre teuersten Angehörigen im Felde wissen, ist so groß, daß sie zur Arbeit kaum gestimmt sind. Arbeiten sie doch, in der sozialen Fürsorge, als Heiser und Pfleger, so unterziehen sie sich zwar einer eminenten Kulturarbeit, aber doch einer solchen, die in unmittelbarem oder mittelbarem Zusammenhänge mit dem Kriege steht. Alles andere aber ruht gezwungenermaßen. Die Ernte freilich ist durch fleißige Hände freiwilliger Vertreter eingebracht, aber wo sollen die Kräfte, wo die Mittel Herkommen, lun die Wintersaat zu bestellen? Diese bange Frage muß vielleicht schon verneint werden für die glücklicherweise noch sehr großen Flächen, die vom Kriege nicht berührt werden, um so stärker muß sie aufgeworfen werden für die nicht kleinen Ebenen, in denen der Krieg selbst tobt: Belgien, Lothringen, Polen und unser armes Ostpreußen. Für diese Gegenden und für alle die, in denen die Kriegsfnrie noch toben wird — wer vermag es auszudenken? —, in denen der Boden zertreten, die Menschen verjagt oder zur Untätigkeit verdammt sind, handelt es sich nicht um eine kurze Unterbrechung kultureller Arbeit, sondern um jahrelanges Brachliegen oder um dauernde Zerstörung. Die Pflege des Bodens ist aber nicht die einzige Kultur. Anch alle andere leidet entsetzlich. Viele Fabriken sind geschlossen oder arbeiten nur in geringerem Umfang, der Handel von Land zu Land und noch mehr der von Weltteil zu Weltteil ruht fast vollständig; aber auch der Handel des Inlandes ist im wesentlichen lahmgelegt. Denn wer hat den @?hin - und auch die Mittel, um außer den notwendigsten Nahrnngsrnitteln und Gebrauchsgegenständen sich etwas anzuschaffen? Das mag ja in gewisser Weise als Kulturmoment anfgefaßt werden. Tenn die Prachtliebe, das Schwelgen im Ueberflussigen, das Raffinement in Essen und Kleidung bezeichnet eher Ueberkultnr, und die Sparsamkeit und Einfachheit, z;; der die meisten gezwungen sind, wenige Glückliche sich selbst nötigen, könnten als Höhe der Kultur aufgefaßt werden. Aber der Krieg schädigt auch die geistige Kultur. Wie viele der schaffenden Künstler mögen es, während die Waffen klirren, fertig bringen, z;; malen, Bildhauerwerke zu vollenden oder gar zu beginnen, sich im Felde der Dichtung zu ergehen? Wie viele Gelehrte lassen sich in ihr Studierzimmer oder ihr Laboratorium bannen, um ihre Untersuchungen emsig fortzusetzen? Vielleicht sind die Museen von Schaulustigen gefüllt, aber ich möchte vermuten, daß die wenigsten dieser Besucher in stiller weltentrückter Beschaulichkeit sich an den hehren Werken erhabener Kunst erbauen, daß die meisten vielmehr, wenn sie nicht etwa Kriegsbilder betrachten, nur diese stillen Plätze ausgesucht haben, um sich dem Lärm der Straße zu entziehen oder um in Gemeinschaft mit anderen sich über ihre innere Unruhe hinwegzutäuschen. Am schlimmsten aber schädigt der Krieg die sittliche Kultur. Der Friedfertigste wird blutdürstig; auch in dem Edlen werden tierische Instinkte geweckt. Von Barbaren und Niederträchtigen, die überhaupt jeder Kultur entbehren, braucht kaum gesprochen zu werden. Wenn, woran leider nicht zu zweifeln ist, die Russen sengend und plündernd durch Dörfer und Städte