Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 36 ^rlm, 4. September 1014 eitung desAudenlums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Expedition sind an die Adresse: Verlag der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 1 Vc*l<** von *>tb*1* m°^C/ ^crlin- | Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnemen ts-p re', s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebssteLen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Tfllftftft* ®cl’ Eilige Krieg. Von Margarete Marasse. — Ter 4JlltjUli♦ Krieg und die Kultur. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Tie Juden Rußlands unter Nikolaus II.' Von Dr. Arthur Weil. — Ludwig Kalisch. Von E. Jsolani. — Tie Simvnsche Stiftung zu Hannover. Von I^> 0. — Feuilleton: Die große Stunde. Von Emil. Spiegel. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Nürnberg, Bamberg, Köln, Dortmund, Hannover, Eßlingen, Wien, Budapest, Stockholm. — Von Nah und Fern. Der heilige Krieg. Bon M a r g a r e t c Marasse. mit einem starken Glücksgefühl, mit leuchtenden Augen sind im Augenblick einer nationalen Erhebung ohnegleichen auch alle jene zu den Fahnen geeilt, die sich im deutschen Vaterland zur mosaischen Religion bekennen. Dies ist so selbstredend, daß es keinerlei Erwähnung bedürfte, würde nicht häufig die Ansicht ausrechterhalten, Heroismus und Handelsklugheit seien kein Zwillingspaar, die semitische Rasse aber habe von jeher ihr Ideal in die Formen des Erwerbs gegossen. Die Geschichte des Altertums beweist das Gegenteil, und nur det geringen Kenntnis der Vorzeit des jüdischen Volkes ist diese traditionelle Auffassung zu danken. Wenn seit der Diaspora, vor allem seit dem unduldsamen Mittelalter, die Anhänger Jehovas dem Heldenruhm, siegreiche Waffen zu tragen, entsagen mußten, so liegt der Grund in der ungünstigen Konstellation, welche den Söhnen einer ursprünglich kräftigen Nation eine Berufswahl überhaupt nicht mehr ermöglichte. Friedländer in seiner Sittengeschichte Roms betont in längeren Ausführungen: „Dafür, daß die jüdische Emigration vorzugsweise oder auch nur zum großen Teil eine handeltreibende war, fehlen nicht bloß ausdrückliche Zeugnisse, sondern auch Anhaltspunkte irgendwelcher Art, und manches spricht dagegey." Und an anderer Stelle: „Nach Kleinasien hatte König Antiochus der Große aus Mesopotamien 2000 jüdische Familien verpflanzt, um in Lydien und Phrygien eine zuverlässige und tapfere Bevölkerung zu haben." Mommsen erwähnt bei der Geschichte des Pompejus die politische Macht der Juden, die sich im Süden Syriens ausbreitete. Er spricht von der frommen und kühnen Verteidigung des uralten jüdischen Nationalkultus, und daß die fürstlichen Hohenpriester erobernd nach Norden, Osten und Süden um sich gegriffen hatten. Als Pompejus mit seinen Legionen vor den Toren Jerusalems stand, die Stadt sich schon unterworfen hatte, „da verteidigte den steilen Tempelfelsen jene fanatische Schar drei Monate hindurch mit todesmutiger Hartnäckigkeit, bis endlich während der Sabbathruhe der Belagerten die Belagerer eindrangeu, des Heiligtums sich beinächtigtcn und die Anstifter dieser verzweifelten Gegenwehr, soweit sie nicht unter den römischen Schwertern gefallen waren, unter die Beile der Liktoren sandte!" Cäsar und Augustus begünstigten die Juden in auffallender Weise. Ein Schriftsteller jener Zeit macht die Bemerkung, „daß es für den Statthalter bedenklich sei, den Juden in seiner Provinz zu nahe zu treten, weil er dann sicher darauf zählen dürfe, nach seiner Heimkehr von dem hauptstädtischen Pöbel ausgepfiffen zu werden." Mommsen freilich bringt es als Tatsache, daß die schon vor Cäsar in Rom zahlreiche jüdische Bevölkerung vorwiegend dein Geschäft des Handels nachging; er fügt aber hinzu, daß „auch m der Alten Welt das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopvlitismus und der nationalen Dekomposition und insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied im cäsarischen Staat gewesen ist". Flavius Josephus, der sich in der Vorrede zu seiner Geschichte des jüdischen Krieges also vorstellt: „Ich, Joseph, Sohn des Matthias aus Jerusalem, hebräischer Nation, von priesterlichem Geschlecht, der ich zuerst selber gegen die Römer die Waffen trug, hernach als Gefangener ein Augenzeuge der Begebenheiten war", lobt nicht nur der Juden unwandelbare Frömmigkeit, ihre Bedürfnislosigkeit, ihre Mildtätigkeit, ihr einträchtiges Leben untereinander, ihren Fleiß in Handwerken und im Ackerbau zur Friedenszeit, sondern auch „ihre Todesverachtung im Kriege". Dieser Geschichtsschreiber sagt von dem Krieg der Juden gegen die Römer, daß ihm kein anderer Kampf zwischen Staaten und Völkern weder in seinen eigenen Tagen, noch in der Vorzeit gleichgekommen sei. Er selbst versuchte bei dem Aufstand zu Jerusalem den Landsturm von Galiläa auf römische Weife zu bewaffnen und einzuüben. Als berufener Berichterstatter gibt er folgendes Bild: „Als dieser gewaltige Krieg ausbrach, kränkelte das römische Reich in sich selbst, die Juden aber, so viele ihrer dem Drang nach Umwälzung folgten, erhoben sich in der stürmischen Zeit so stark an Streitkrästen und Geldmitteln, daß bei ihnen während der argen Verwirrung die Hoffnung aufkam, den ganzen Orient zu gewinnen, bei den Römern die Furcht, ihn zu verlieren!" Das Geschick wollte eine entscheidende Wendung, die Geschichte hat uns ein anderes Ergebnis aufbewahrt. Vespasian und Titus konnten ihren Triumph feiern, aber erst nach heißem Bemühen, auch die Römer, wie ein neuerer deutscher Historiker, F. C. Schlosser, feststellt, haben die Verteidigung von Jerusalem dem Kampfe der Karthager und Numantiner gleichgestellt. Gleich nach dem Fall entstellten „Schmeichel- und Lügenschriften" die Tatsachen. Schon damals gab es eine „Brunnenvergiftung", welche Josephus also logisch zunichte macht: „Man wagt solche Schriften „Geschichten" zu nennen, während sie doch