Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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kühnen, alles Maß übersteigenden Zielen kannte er keine Rück- , sichten. Dieser jo rücksichtslose oder, wie der „ungezogene Liebling der Grazien" sich ausdrückt, dieser freche „Gladiator" beugte jedoch voll Bescheidenheit seinen starren Sinn und seinen eisernen Willen vor einem Wesen, dem er bis an sein tragisches! Lebensende mit innigster Zärtlichkeit ergeben war, nämlich vor seiner Mutter. R o s a l i e L a s s a l, die Mutter Ferdinands, die nrit dem Kaufmann Heymann Lassal, einem wohlhabenden Teidcnhändler in Breslau — dieser schrieb sich übrigens niemals Lassalle, sondern blieb bis an sein Lebensende bei seinem schlichten Namen Lassal — verheiratet war, kannte ich noch sehr gut. Sie lvar eine wohltätige Frau, die die schönen Tugenden der Nächstenliebe, Unterstützung der Armen und Notleidenden, in vollem Umsange ansübte. Sehr fromm erzogen, hing sie mit leidenschaftliches Liebe an ihrem jüdischen Glauben, hielt mit äußerster Peinlichkeit die Zeremonialgesetze und war trostlos darüber, daß ihr Ferdinand schon als ganz junger Mensch sich über alle Welt, also auch über seine Glaubensgenossen und die Zeremonialgesetze, weidlich lustig machte. Im Verein mit ihrem Gatten gab sie dem Kinde Ferdinand und ihrer Tochter Friderike eine sehr sorgfältige Erziehung. Der bekannte Romanschriftsteller, Arzt und Essayist Dr. Max Ring war einige Jahre lang in Breslau der Hauslehrer des hochbegabten Knaben. Er hatte unendliche Mühe mit ihm; denn es war ein Trotzkopf, und was er sich einmal vornahm, führte er auch aus, ohne Rücksicht ans die Folgen. Man kann sich daher das Entsetzen denken, als Ring einst in den Schulheften seines Zöglings herausfand, daß Ferdinand einen jugendlichen Rivalen zum Zweikampf heransgefordert hatte. Schließlich gelang es ihm aber doch, Lassalle von seinem Vorhaben abznbringcn; aber nicht durch Drohungen, sondern erst nachdem er ihm die Lächerlichkeit eines solchen Beginnens zu Gemüte geführt hatte. Das ausschlaggebende Argument jedoch war die eindringliche Mahnung des Hallslehrers, seine Mutter nicht durch seinen gefahrdrohenden Schritt zn betrüben. Trotz feiner oft recht törichten Jugendstreiche lebte doch schon in der Seele des Knaben Ferdinand eine rührende Liebe zn seinen Eltern, namentlich zu seiner Mutter. Er selbst konnte sich diesen scheinbaren Gegensatz nicht recht erklären, lote wir dies ans seinen Tagebuchnotizen ans der Jllgendzeit ersehen: „Ich loeiß nicht recht," heißt es dort linter anderem, „wie es kommt. Ich spiele alle Sonnabend Billard, was mein Vater mir doch so streng verboten, unterschreibe mir meine Eonduiten, lvas doch jedenfalls Unrecht ist, und liebe meinen Vater doch bis zur Ekstase, wie ein Kind nur lieben kann. Ich würde frelldig mein Leben hingeben, wenn ich ihin helfen könnte. Aber das kommt von ineinem Leichtsinn . . . Im Grunde meines Herzens bin ich gut." In seinen zärtlichen Gefühlen und Empfindungen für die Mutter zeigte sich der ausgeprägte Familiensinn des Inden der alten Zeit, dem die Pietät für die Eltern als das erste lind höchste Gebot galt. In der Knaben- und Jugendzeit scheint er auch sich noch als Jude von echtenr Schrot lind Korn gefühlt zu haben, wenn er auch schon damals nicht ans dem Standpunkt der Mutter sich befand lind von den Zeremonialgesetzen nichts wissen lvollte. Es geht dies n. a. auch aus nachstehender Tagebiichstelle hervor: „Unterivegs bei einem Begräbnis unterhielt ich mich mit Bloch. Er wollte sich einen Air geben und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sah, daß ich ganz anderer Meinung war, sattelte er auch in» . . . Er wunderte sich, daß ich lilich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht treife essen lind doch ein guter Jude sein könnte ..." Jedenfalls hat Lassalle den Glauben seiner Väter nicht verleugnet, und hat es jedermann gegenüber offen und ehrlich bekannt, daß er dem Judentum angehöre. Bezeichnend in dieser Beziehung war jene Schadenfreude, womit er einst von der wohlverdienten Lektion erzählte, die seinem Schioager Ferdinand Friedland (eigentlich Friedlander), den Heine wiederholt als „Ealinoniiis" verspottet, von seinem Vater erteilt ivurde. Dieser Vorfall ereignete sich nach der Mitteilung der jlingen Russin Sophie Sontzeff, für die Ferdinand einige Zeit hindurch in Liebe schioärnite, folgendermaßen: „Ter Schivager Lassalles hatte die Gasbeleuchtung Prags übernommen und zog dorthin. Er richtete sein Haus luxuriös und elegant ein, um empfangen zu können, und haschte nach Popularität unter der Prager Gebnrts- und Finanzaristokratie. Es gelang ihm, indem er sorgfältig seine jüdische Abstanuilling verheimlichte, in die höheren administrierten Kreise einzudringen. Einst gab er ein Festdiner, an dem die ganze Prager vornehme Welt teilnahm. Zu diesem Diner kam zufällig auch der alte Lassal. Tochter und Schwiegersohn nahmen ihn kurz zuvor ins Gebet, damit er gar nicht verrate, daß sie Inden seien. Der Alte empörte sich, aber er schwieg. Als alle sich an den Tisch gesetzt hatten, bat er um Aufmerksamkeit, und als alles still loar, fragte er laut, ob auch die Anivesenden wüßten, daß sie au dem Tisch eines Juden süßen. Ich halte es für meine Pflicht, mitzuteilen, daß ich ein Jude bin, daß meine Tochter eine Jüdin ist, und daß mein Schwiegersohn ein Jude ist. Ich wünsche nicht, durch einen Betrug die Ehre zu erkaufen, mit Ihnen zu speisen. Begreiflicherweise antwortete die gebildete Welt mit voller Liebenswürdigkeit und ließ den Alten hochleben. Der Schwiegersohn aber war in die äußerste Verlegenheit gebracht und konnte Lassal diesen Einfall nie vergessen." Als der 15jährige Ferdinand im Mai 1840 aus dem Elternhause ging und mit dem Vater nach Leipzig reiste, um an der dortigen Handelstehranstalt des Direktors Schiebe Handelsivissenschaften zn stildieren und sich zum Kaufmann ansznbilden, unterließ er es nicht, seiner Mutter recht fleißig Briefe zu schreiben, ans denen seine treue Anhänglichkeit für sie hervorgeht. Er richtete in einem Zeitraum von acht Tagen drei Zuschriften an sic und war trostlos, als er keine Antwort erhielt. Dort erzählte er der „geliebten Mutter" Neuigkeiten über seine Pensionsverhältnisse, die Schule usw., und daun heißt es wörtlich: „Frau Rothe (bei der der Knabe die Pension beziehen sollte) ist eine recht freundliche Dame. Wenn sie mir auch nicht den laufendsten Teil der Liebe erweisen wird und kann, die Du, meine geliebte Mutter, inir schenkst, so glaube ich doch, daß ich es bei ihr nicht schlecht haben werde . . . Schließlich richte ich nochmals die Bitte, mir recht bald zn schreibe», damit mir bis Michaelis, wo ich Dich hoffentlich sehen werde, nicht zn bange wird. Adieu, geliebte Mutter. Dein Dich liebender Sohn Ferdinand." Aiich von Berlin aus, wo er an der dortigen Universität einige Zeit studierte, blieb er in regem Briefwechsel mit seiner Mutter, ihr über alles und jedes sein Herz ansschüttend. In einem solchen Briefe bittet Lassalle die Mutter, die er taiisendmal grüßt und küßt, ihm sobald als inöglich einige Oberhemden zu machen; denn, da er nur nenn habe und schon jetzt wöchentlich zivei brauche (wie würde dies erst im heißen Sommer werden), die Wäscherin überdies oft auf sich warten lassen dürfte, so könnte er in Verlegenheit geraten. Das arme Mutterherz wollte schier brechen, als infolge der politischen Agitation und der radikalen Demagogie Lassalles die Staatsanwälte Anklagen gegen ihn erhoben und er wiederholt ins Untersuchungsgefängnis geriet und auch zu längeren Freiheitsstrafen verurteilt und infolgedessen eingesperrt wurde. Er mußte seine ganze Ueberrednngskzmst aufbieten, lim die Mutter zn trösten und seine Lage als eine rosige vor ihr erscheinen zn lasse», was ihm besonders bei den mit dem Gefängnisvifnin versehenen Briefen schioer fiel. So heißt es . #