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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-28 · Heft 35 (28.8.1914) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 35 (28.8.1914)
Date
1914-08-28
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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- 417 gibt er den doppelten Augustgehalt mit ins Feld und nimmt ihnen die Sorgen für die Daheimgebliebenen ab. Außerdem zeichnet die Firma große Summen für alle Hilfsaktionen. Was kümmert ihn bei dieser großen Völkerinventur der Ausfall der eigenen Bilanz. So dankt der deutsche Kaufmann dem Vaterlande für den langen Frieden, der ihm den Wohlstand schuf. In der Expedition. Hier ist das Hauptquartier. Der k'uror Deutonieus ist eben dabei, die Strazze für das englische Exportgeschäft zu Konfetti zu verarbeiten. Allerdings ist es eine alte, deren Posten schon längst verbucht und bezahlt sind. Einige lernen Russisch aus alten Preislisten. Man muß sich doch verständigen können, wenn in ein paar Wochen in Moskau und Petersburg die Mitbringsel eingekauft werden. Der älteste Hausdiener, gedienter Sergeant, richtet einstweilen den jungen Chef, drei Packer und. zwei Reisende ab. die in den nächsten Tagen als Ersatzreserve einrücken müssen. Herr Maier II. Vertreter für Berlin und die Mark Brandenburg, begreift am besten. Er wird angreifen mit dem gleichen Schneid, durch den er in friedlichen Tagen bei der schwersten Kundschaft siegte. Der als furchtsam verschriene Fakturist. der Einzige einer Witwe, hat sich freiwillig gemeldet. Er ist der Stillste im Kreise, aber seine Augen leuchten. Auch er wird kämpfen für das deutsche Vaterland und, wenn es sein muß, sterben als würdiger Enkel seiner großen Ahnen, der Makkabäer. Zum Abschied. Jeder, der hinauszieht, durchquert noch einmal die Lagerräume, deren Warenreichtum jetzt zwecklos die Regale füllt. Und jeder wird dann stark im Haß gegen alle, die nicht litten, daß wir in friedlicher Arbeit unser Brot verdienten. Merkur hat das Kerykeion mit dem Schwert vertauscht. Wir, seine Jünger, werden kämpfen, solang noch Atem in uns ist, dafür, daß Deutschland von nun an bestimmen kann das Soll und. Haben der Völker Europas. (Aus der „Frkfter. Ztg") Die Flucht der ausländischen Juden aus Aordrrney bei der Mobilmachung. Voll Lehrer Adolf Rot h s ch i l d - Achim-Bremen. ie Saison auf Norderney begann mit einem guten Besuch. Trotz der allgemeinen, schlechten, wirtschaftlichen Lage sah man unter den Kurgästen viele in- und ausländische Juden. Auch russische Ehasidim in langen Kaftans, schwarzen Bärten, Pajes gewahrte man zu bestimmten Zeiten auf der Promenade. Als die Zeitungen die Kriegsnachrichten aus Oesterreich brachten, trat plötzlich eine Wendung in der angeregten Stimmung der Kurgäste ein. Von Tag zu Tag wuchs die Erregung, doch an einen europäischen Krieg mochte niemand glauben. Die beiden Zeitungshallen Scherl und Ullstein waren fast den ganzen Tag von Kurgästen förmlich umlagert, auf Telegramme lauernd. Als schließlich als erste Zeichen ungünstige Banknachrichteu einliefen, rüsteten viele, größtenteils Männer, zur Abreise. Vom 25. Juli an kamen täglich Telegramme an die zurückgebliebenen Frauen nnd Kinder aus der Heimat an: „Lage ungünstig, sofort zurückkommen!" Es war doch noch eine ganze Anzahl Gäste, die sich nicht aus ihrer Ruhe bringen ließ und immer aus eine gütliche Wendung der Geschicke hoffte. Am 30. Juli schwand die Hoffnung der Menschheit. Schnellstens wurde gepackt und abgereist. Panikartig war der Ansturm zu den Dampfern, die die Gäste, die so plötzlich ihre Kur abbrechen mußten, in die Heimat beförderten. Mir fiel ganz besonders die Ruhe der ausländischen Juden auf. Verschiedentlich fragte ich russische Juden: „Nun, wollen Sie nicht auch abreisen?" „Warum sollten wir abreisen, es wird schon alles gut werden." Am Freitag wurde Norderney als im Kriegszustand befindlich erklärt. Auch dieser Umstand vermochte unsere ausländischen Juden, in der MehrheitNussen, nicht aus ihrer Ruhe zu bringen. Als aber am Sonnabend morgen der Mobilmachungsbefehl bekanntgegeben wurde, mit dem Vermerk, daß alle Ausländer binnen 24 Stunden die Insel zu verlassen hätten, sah man unsere ausländischen Juden nach Beendigung des Gottesdienstes auf den Straßen etwas flinker dahineilen. Der größte Teil kam zu mir und bat mich um Rat und Beistand. Ich sicherte ihnen ineine Hilfe zu und begab mich alsbald zum Kommissar, der sich aber nicht sprechen ließ, sondern durch seinen Portier auf die Bestimmung Hinweisen ließ, daß sich alle Ausländer um 11 Uhr zur Entgegennahme besonderer Verhaltungsmaßregeln vor dem Pvlizeigebäude einzufinden hätten. Besonders hart traf die Bestimmung der Ausweisung Bete Rosenzweig, die seit 20 Jahren eine österreichische Küche für ausländische Juden unterhalt. Trotz guter Fürsprache mußte sie ihre Restauration sofort schließen und am gleichen Tage Norderney verlassen! Schon vor 11 Uhr war das Polizeihaus von ausländischen Juden umlagert. Einen Trost erblickten sie in der Bestimmung einer 24 ständigen Frist. Brauchten sie doch den Schabbes nicht zu entweihen. Als aber der Kommissar verkündete, daß alle Ausländer um 6 Uhr mit dem letzten von Norderney fahrenden Dampfer die Insel zu verlassen hätten, entstand eine tumultartige Aufregung unter den Juden. Sie sollten den Schabbes entweihen? Auf keinen Fall! Einer aus der Menge wagte laut dem Herrn Kommissar zuzurufen: „Herr Kommissar, wir sind strenggläubige Juden und fahren am Sonnabend unter keiner Bedingung! Die Sabbatentweihnng gilt uns als eine der größten Sünden." Einige versuchten den besonders Erregten zu beruhigen mit dem Hinweis: „Wenn der Kaiser befiehlt, so muß jeder gehorchen, lind das Fahren wäre in diesem Falle keine Sabbatschändung." „Was?" schrie mit fester Stimme der russische Jude, „über dem Kaiser steht Gott, und dessen Gebote müssen wir zuerst befolgen. Es mag kommen, was da wolle, ich werde am Schabbes nicht fahren." Der Kommissar vernahm die Worte, gebot in energischer Weise Ruhe und verkündete nach kurzer Beratung mit dem Jnselkommandanten Herrn Oberleutnant Schütze und dem Polizeikommissar Herrn Freiherr v. Solemacher: „Meine Herren, ich werde für Sie uin WA Uhr nach Sabbatausgang einen Ertradampfer fahren lassen." Mit großer Befriedigung nahmen die Juden das Entgegenkommen auf. Um 11 Uhr brachte sie der Dampfer nach Norddeich. Ob sie noch alle vor Sperrung der Grenze in ihre Heimat gekommen sind, möchte ich bezweifeln. Wer weiß, wo die Bedauernswerten geblieben sind. Einige beabsichtigten, nach Holland zu reisen. Sie verspürten wenig Lust, in ihre nun im Kriegszustände befindliche Heimat zu reisen. Krokrllor Lmsnuel Lrler. Geb 28. September 1849 zu Mainz, gelt 20. Mai 1914 in Heidelberg. Manuel Leser wurde am 28. September 1849 als Sohn des Kaufmanns Leo Leser in Mainz geboren. Er besuchte die Vorschule und das Gymnasium in Mainz und von 1867 ab die Universität in Heidelberg und Göttingen. (In Göttingen gehörte er zu meinem Bekanntenkreise. Ich erinnere mich seiner als eines frischen, strebsamen, fleißigen Jünglings, mit dem man behaglich gesellschaftlich verkehrte. Unsere Lebenswege trennten sich dann; ich sah ihn seit meiner Studentenzeit nicht wieder und stand auch in keinem brieflichen Verkehr mit ihm.) Leser widmete sich vorzugsweise den historischen Studien, namentlich in Göttingen als Schüler von Georg Waitz. 1870 promovierte er in Göttingen mit der Schrift „Neckers zweites Ministerium". 1874 habilitierte er sich in Heidelberg für Nationalökonomie, 1881 wurde er außerordentlicher Professor und hatte seit 1894 einen Lehrauftrag

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