Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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—-- 416 Lriegsallerlei. er durch und durch antisemitische Volkserzieher von Wilhelm Schwaner bringt unter vielen -anderen Briefen seiner ins Feld ziehenden Freunde auch nachstehenden von seinem besten Freunde, Rektor G. G., Charlottenburg, der die Leser sehr interessieren dürfte: Mein lieber Wilm! Ich kann Dir nicht sagen, Freund, wies in mir aussieht. Mein Bruder im Feld, mein Schwager im Feld! Ich sitze zu Hause als dienstuntauglicher Schulmeister. Ich gehe ins Kultusministerium und flehe um Arbeit im Dienste des Vaterlandes. „Ich habe sehr, sehr wenig Zeit jetzt und kann Ihnen keine Arbeit geben!" sagte mein Geheimrat, und damit war ich entlassen. Keine Arbeit jetzt für einen Schulmeister, keine Arbeit im Dienste des Vaterlandes! Ich bin zur Zentralstelle für Erntearbeit gegangen und habe mich dort einjchreiben lassen. Ich denke, wenn ich den Bauern helfe, die Ernte einzubringen, verrichte ich auch Kriegsdienst. Herr-- gott, wer jetzt graue Haare hätte wie du! Ich meine, alle Welt schaute mich an, wenn ich auf der Straße bin. Hoffentlich kommt bald Nachricht, daß ich an der Spitze eines Trupps frischer Jungens ins Erntefeld ziehen kann zu tätigem Schaffen . . . Jetzt Wissenschaft treiben für den eigenen Vorteil: Pfui Deibel! Hier habe ich wieder meine Erlebnisse in Sachen Judenfrage gehabt. Während die Juden Aufrufe erlassen und opferwillig beisteuern, den Krieg und seine Schrecken zu lindern, wagen deutsche (blonde und blauäugige) Kaufleute, 300 bis 400 Prozent auf die Lebensmittel zu schlagen! Deutsche Männer, Wilm! Und da sind nicht die Juden schuld dran. Es gibt Lumpen überall. Und ich glaube, der Wirt von Cochem war auch kein Israelit. Ich bin gründlich, aber sehr gründlich vom Antisemitismus geheilt, und wenn wir aus dem Kriege siegreich hervorgehen, so weiß ich, daß auch der Jude sein Teil dazu beigetragen hat. Daß er uns nicht über den Kopf wächst, dafür mögen wir selber sorgen, nicht indem wir ihn bekämpfen, sondern indem wir arbeiten uub nüchtern sind wie er. Und unverzagt arbeiten, das können wir auch noch von Juden lernen. Sei nicht böse, Wilm, es paßt wohl nicht in die Zeit! Doch, es paßt doch hinein; denn cs ist ein Rassenkrieg, den wir führen. Aber einer gegen ein kulturloses indogermanisches Volk. Heil unseren deutschen Waffen! Dein G. G. (Rektor). Ein lichtvolles D o k u m e n t aus trüber Zeit. Während des Waffenlärms schweigen die Musen. Auch die Männer der Wissenschaft haben ihre berufliche Arbeit eingestellt oder einstellen müssen und horchen erschüttert auf den ehernen Klang der Kriegsdrommete. Nur der Historiker darf am allerwenigsten in einer Zeit, in welcher über die Zukunft der Völker durch das Schwert entschieden werden soll, wie ein stummer Zuschauer im Parterre des Kriegstheaters untätig sich verhalten. Kann er schon aus Mangel an innerer Sammlung unmöglich mit vergangenen Völkern und Zeiten sich beschäftigen, so soll er doch ein Beobachter auf der Warte sein und Dokumente sammeln, die es einem Sybel der Zukunft ermöglichen sollen, das Kolofsalbild des Völkerkrieges vom Jahre 19.14 zu zeichnen. Es ist darum zu begrüßen, daß die Generalverwaltung der Königlichen Bibliothek in Berlin alle auf die gegenwärtigen Zeitereignisse bezüglichen Druckerzeugnisse zu sammeln gedenkt, und dies Bestreben verdient gewiß die eifrigste Unterstützung. Ein Momentbild aus eilend fliehender Zeit möchte ich nun an dieser Stelle sesthalten und einen kleinen Beitrag zur Geschichte des gewaltigsten Nationalkriegs, den wir Deutsche gegen eine Welt von Neidern und Hassern gegenwärtig mit Aufbietung aller äußeren und inneren Kräfte des ganzen Volkes zur Erhaltung unserer Kulturgüter zu führen genötigt sind, möchte ich leisten durch Veröffentlichung eines Briefes, den ein schlichter jüdischer Viehhändler aus Pf., Vater von sechs und demnächst sieben Kindern, am 3. August an eine ihm verwandte Familie in Bamberg geschrieben hat. Der Brief hat folgenden Wortlaut: „Meine Lieben! Wenn dieses hier meine letzten Zeilen sein sollten, so lebt wohl, fürchtet Gott und haltet seine Thora!! Meine Kinder empfehle ich dem Allmächtigen, er möge sie zu unseren Großen in Israel heranziehen, ich will Rache nehmen für die vielen Morde und Martern, die an Juden von unseren Feinden begangen wurden. Es haben sich bei uns 18 Juden freiwillig ins Heer einstellen lassen; dabei will auch ich nicht zurückbleiben und unsere jüdische Pflicht erfüllen! Verflucht sei, wer in dieser Zeit nicht seinen letzten Tropfen Blut fürs Vaterland hergibt. Und sollte es dann sein, daß wir nicht mehr ledend zurückkommen, so finden wir doch ein ewiges Leben bei dem, der über unser Wohl und Wehe beschließt. Wir nehmen Abschied mit Tränen, aber mit Liebe ziehen wir für unferc Frauen und Kinder, um unsere Pflicht zu tun; wie könnte ich auch nachher noch aufrecht unter meinen Mitmenschen herumlaufen, oder vor Gott beten, wenn ich zurückstehen wollte!!! Ich habe mich mit mir und meinen Angehörigen beraten, und auf die Stimme meiner Mutter, die auch unseren; lieben Emil das gleiche geraten hat, bin ich gegangen. Wenn ich aber lebend meine Lieben Wiedersehen darf, so komme ich ohne Sünden, ohne Makel, zurück. Ich habe die fünf Bücher Moses durchgegangen, ich habe Abraham, Mosche und Jehoschua, ich habe Debora, die Richter und die Makkabäer zwei Nächte lang rezitiert und kam auf den Schluß, daß wir unterallen Umständen zuerst unser Vaterland, dann unsere Familie, dann unseren Glauben schützen müssen." — Kann man sich einen größeren Heroismus denken? Für die Echtheit des Briefes (von unwesentlichen stilistischen Korrekturen abgesehen) zeichnet: Dr. A. Eckstein. Hauptb u ch und Schwert. Stimmungsbilder aus eine m deuts ch c n H a u d e l s h au s e. Von Jacob M e n d e l s o h n , Nürnberg. Im Hauptkontor. Der große Abreißkalender ist um vier Blätter zurück. Wie gleichgültig das jetzt ist! Man zählt jetzt nach Mobilmachungstagen. Der erste Buchhalter steht schon im Feld und treibt mit Schwert und Pulver welsche Schulden ein. Der „Zweite" wird morgen ziehen. Er braucht sich keine Sorgen um gute Vertretung zu machen. Die Briefe des Giro-Amtes, die sonst in den ersten Tagen des Monats so schwer an edler Fracht find, wurden immer dünner und sind heute nur noch Kuvert. Zwar sind die Monatsauszüge längst fällig. Aber wer wird in diesen Zeiten Papier und Tinte zwecklos vergeuden! Hauptbuch und Strazzen träumen ungestört im Kassenschrank. Der gute Geist eines baldigen Moratoriums schwebt über ihnen. Nur das Fräulein an der Schreibmaschine hat noch Arbeit. Sie macht seit acht Tagen die gesamte Kundschaft höflich und bestimmt darauf aufmerksam, daß Krieg nicht von der Abnahme gekaufter Waren entbindet. Es ist halt ein Kreuz, wenn man jetzt statt mit Unterhosen, Mehl und Patronen zufällig in französischen Hüten, englischen Kostümen und russischen Pelzen handelt. Im Privatkontor. Es stehen Hunderttausende auf dem Spiel. Aber der Seniorchef ist heiter und voll Zuversicht. Er zählt die vielen protestierten Wechsel und wägt sie nicht. Mit Unrecht schalt man ihn in guten Tagen Knauser. Jedem der Angestellten