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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-08-28 · Heft 35 (28.8.1914) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 35 (28.8.1914)
Date
1914-08-28
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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japanischen und chinesischen Gewässern oder die Abrüstung dieser Schisse, ferner bis zum 15. September die bedingungslose U e b e r g a b e des gesamten P a ch t g e b i e t e s von K i autsch o u an die japanischen Behörden und die unbedingte Annahme dieser ,F or-der ungen bis z u m 23. dieses Monats verlangt wird. (W. T. B.) Man wird ohne weiteres annehmen können, daß die deutsche Regierung dieses frevelhafte Ansinnen kurz und vornehm abweisen wird. Freilich wird zunächst, bei der Unmöglichkeit, deutsche Kriegsschiffe nach den fernen Gewässern zu entsenden, Japan mit der deutschen Kolonie leichtes Spiel haben und fürs erste wird diese blühende Ansiedlung verloren gehen. Man kann über deutsche Kolonialpolitik denken, wie man will — wir gehörten nie zu deren begeisterten Anhängern —. aber der wenn auch nur zeitweilige Verlust einer blühenden, mit unsäglichen Mühen und riesigen Kosten zum Aufschwung gebrachten Pflanzstätte muß außerordentlich schmerzen. Aber das Ultimatum Japans ist auch in anderer Weise zu besprechen.- Das ist der Dank für die deutsche Kulturarbeit. Das ist die Vergeltung dafür, daß Deutschland jahrzehntelang Beamte und Professoren nach Japan geschickt hat, um das Land modern zu gestalten, das der Lohn dafür, daß alljährlich viele Hunderte japanischer Studenten an unseren Universitäten gelernt, daß Tausende junger Mediziner in unseren Krankenhäusern und Kliniken ihr Wissen bereicherten. In Zeiten der Not den Wohltäter anzugreifen, das ist das Uebermaß von Ruchlosigkeit. Und endlich mag folgende Betrachtung hier stehen, die wir der „Vossischen Zeitung" entnehmen: Ueberhaupt zeigt das Eingreifen Japans auf Befehl Englands, welch gefährliches Spiel das Britenreich wagt, das sich bisher als Hort westcuropäisch-er Kultur ansgab. Zum erstenmal in der neueren Geschichte ist eine ostasiatische Macht von Westeuropa her auf den Kampfplatz europäischer Staaten gerufen worden. England ist es, das die gelbe Gefahr in einem Krieg heraufbeschwört, den es angeblich für „Freiheit und Demokratie" und zum Schutze verletzter Neutralitätsrechte führt. Dieses Verhalten der Briten wird sicher ein gutes haben: wo man bisher die Lügen englischer Depeschenbureaus und die Phrasen englischer Regierungsdokumente geglaubt hat, da wird man jetzt von tiefem Mißtrauen erfaßt sein. Denn die japanische Note an Deutschland wird überall in der Welt als eine typische Offenbarung asiatischer Tücke erkannt werden. Und alle Welt weiß, daß hinter dieser Tat voll Unkultur und Barbarei England steht, ja, daß es sie selbst provoziert hat. Nicht ausgeschlossen ist es natürlich, daß durch das japanische Vorgehen der Krieg, der bereits Europa völlig in Flammen gesetzt hat, nunmehr auch die ganze übrige Welt hell auflodern lassen wird. In dem Ultimatum Japans ist klar und nüchtern ausgesprochen, daß im Umkreis des Stillen Ozeans allein Japans und Englands Wille herrschen darf. Das scheint uns sehr deutlich für Amerika. Die Bereinigten Staaten von Nordamerika haben jetzt die Wahl, ob sie sich mit Englands Unterstützung zum willenlosen Werkzeug von Japan machen lassen wollen oder nicht. Inmitten dieser Weltereignisfe von ungeheuerster Tragweite wirkt die Nachricht einigermaßen erfreulich, daß der italienische Gesandte in Deutschland, B o l l a t i, auf der Heimreise begriffen i st, daß also die Gefahr, Italien werde seine Neutralität aufgeben, fürs erste abgewendet erscheint. Der Chronist hat ferner zu berichten, daß der Papst im Sterben liegt. Ein Ereignis, das sonst die Welt mächtig erregt hätte, geht bei der allgemeinen Erregung ziemlich spurlos vorüber. Papst Pius X. ist am 20. August gestorben. * Der Schriftsteller Björn B j ö r n s o n meldet über eine Unterredung, die er am 15. August mit dem d e u t s ch e n Reichskanzler gehabt hat, folgendes: Er sprach mit Wärme von dem mustergültigen Verhalten der neutralen Staaten und nrit vornehmer Zurückhaltung von den Machenschaften der Gegner Deutschlands. Nur einmal zeigte er so etwas wie Erregung, als er über England sprach. — Der Reichskanzler sagte u. a. folgendes: Daß die nordischen Länder und Holland sich so entschieden neutral verhalten, wird in Deutschland sehr dankbar -empfunden, und wir sind -entschlossen, diese Neutralität mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu stützen. Dies gilt insbesondere von unseren unmittelbaren Nachbarn Holland und Dänemark. Ich habe fünf Jahre lang alles getan, um einen Weltkrieg zu verhindern, und sogar noch nach der jetzigen allgemeinen Mobilmachung haben wir versucht, was nur möglich war, aber vergeblich. Rußland hat vor der schweren Verantwortung nicht zurückgescheut, den Weltbrand zu entfesseln. Ich habe soeben von unserem Botschafter in Konstantinopel ein Telegramm erhalten, worin mir mitgeteilt wird, daß am dortigen englischen Botschaftsgebäude ein Plakat angeschlagen ist, die deutsche Flotte hätte in der Nordsee eine furchtbare Niederlage erlitten und zwanzig ihrer besten Schiffe seien verloren. Kein wahres Wort ist an dieser Geschichte. Sie sollte natürlich dazu dienen, bei den Türken Stimmung zu machen. Die frivole Politik Rußlands trägt die direkte Schuld am Kriege. Wir kämpfen heute nicht nur für uns; besonders die skandinavischen Länder müssen ja verstehen, daß es auch um ihre Existenz geht, wenn Rußland siegen sollte. Daß also mit unserem Schicksal auch dasjenige anderer germanischer Länder von höchster Geisteskultur verknüpft ist, das läßt uns, die wir mit reinem Gewissen in den Krieg ziehen, mit doppelter Entschlossenheit kämpfen. Man hat oft den Einwand gegen mich erhoben, daß ich zu viel des ethischen Moments in die Politik trage. Betrachten Sie die Haltung unseres Volkes: bedenken Sie, was es heißt, daß auch unsere Sozialdemokraten, die mir so oft in der inneren Politik Schwierigkeiten bereiteten, jetzt Mann für Mann mit uns gehen. Es sind tiefe sittliche Kräfte, die alles vorwärts treiben. Noch eins: Unsere Mobilmachung ist noch nicht ganz beendet, und schon hat unsere Armee beträchtliche Erfolge erzielt: Lüttich, Mülhausen, Lagarde und das Land vom Feinde gesäubert. Ein Volk aber, das sich im Vollbesitz seiner moralischen Kraft wie ein Mann erhoben hat und so Bewundernswertes zu leisten vermag, das kann nicht unter die Räder kommen und kommt nicht unter die Räder! * Wir nehmen sonst nicht gern von Blättern Notiz, wie „Die große Glocke" eines ist; in dem nachstehenden Falle dürfen wir aber woh^ eine Ausnahme machen. Der dort gebrachte Artikel nämlich lautet: E ine int e r e s s a n t e O f s i z i e r s l i st e. Ein hiesiges Wochenblatt bringt die Notiz: „Dem Leutnant der Landwehr Hans v. Bleichröder ist der erbetene Abschied bewilligt worden." Diese Verkündigung ohne jeglichen Kommentar soll heißen: Herr v. Bleichröder hat angesichts des Krieges seinen Abschied genominen, er ist j ü d i s ch e r A b st a m m u n g , e r i st a l s o w o h l ein Drückeberger. Das muß man als gemeint annehmen, da die Wochenschrift eine antisemitische ist. Wir sind nun in der Lage den Herren einige andere Leute zu neunen, die auch in diesen Tagen ihren Abschied genommen haben, obwohl sie der Armee als höhere Offiziere angehört haben, und obwohl der Krieg bei ihrem Abschied schon ausgebrochen war. Wir haben bei diesen (christlichen) Herren auch keine Anhaltspunkte dafür, daß sie sich durch ihren Abschied in irgendeiner Form von der Erfüllung ihrer Pflicht drücken wollten. Warum hat sich das erwähnte Blatt nicht erst über die Gründe des Abschieds des Herrn v. Bleichröder informiert, konnte es nicht schwere Erkrankung sein, wie es vielleicht bei den nachstehenden Herren, die wir als solche, die ihren Abschied erbaten, kennen, so der Herr Major Strubell (Pommern), Herr Major Freiherr v. Tettau (Hannover), Oberleutnant Schelleckes (Meiningen) und zahllose andere. Sollen alle diese Herren vielleicht auch des Krieges wegen den Abschied erbeten haben oder liegen hier doch andere Gründe vor? — Warum verdächtigt man gerade den Herrn v. Bleichröder in dieser Weise? — Wir sind sicher, daß alle die genannten Offiziere gern und freudig ins Feld gezogen wären, wenn nicht zwingende Hindernisse ihnen entgegengetreten wären. Der Kaiser hat in königlicher Großmut mit einem Wort den Unterschied der Parteien weggewischt, die antisemitischen Blätter aber ruhen nicht, um die Urfehde zu brechen, sie hetzen weiter, und es wäre doch wahrlich besser, wenn sie diese Tätigkeit bis zur Beendigung des Krieges einstellen würden. Alsdann werden sie aber sicherlich weniger

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