Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
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- 412gerichtet, man wollte ihnen nicht einmal mehr die Atöglichkeit lassen, durch einen Verzicht auf ihre Existenz als Volk und Glaubensgenossenschaft sich die Menschenrechte, die in Rußland enge genug umschrieben sind, zu gewinnen. Man hat in den letzten Jahren angesangen, die Beschränkungen auch auf die getauften Juden und deren Kinder auszudehnen, mau hat die Popen angewiesen, den Juden die Taufe zu verweigern und die Pastoren, die Zu viele Judentaufen Vornahmen, bestraft und ihres Amtes entsetzt. Man hat zu allerletzt noch den Plan erwogen, die Juden aus dem Heere auszustoßen, sie in Bataillone von Zwangsarbeitern einzugliedern. Der Aufruf des Zaren wird unaehört verschallen. Die russischen Juden können höchstens ein bitteres Lächeln der Ironie dafür aufbringen. Sie kennen den Betrug, den der gekrönte Schwächling schon einmal in Peterhof verübt hat, im nämlichen Palast, wo er auch jetzt sich verborgen hält, meilenweit abgeschieden von seinen Untertanen. Am 30. Oktober 1905 entrang ihm dort Gras Witte die Versprechungen des Oktobermanisestes. Feierlicher hat nie ein Fürst seinem Volke Freiheit verheißen, schmählicher aber keiner sein Wort vergessen. Als die Maschinengewehre der Strafexpeditionen und die Galgen der Feldgerichte die Kirchhofsruhe Rußlands wieder hergestellt hatten, da wähnte sich Nikolaus II. ein Sieger, ein Netter der Monarchie vor dem roten Gespenst. Den Grafen Witte, der ihn in der Stunde höchster Angst gesehenentließ er in Ungnade. Die Minister, die seither dem unberechenbaren, unzuverlässigen Zaren Entschlüsse aufdringen mußten, wußten genau, daß alles von ihm zu erlangen war, wenn man an seinen Haß gegen die Juden appellierte, die er für die Anstifter der letzten Revolution, für die Verführer des guten russischen Volkes hielt. Jetzt hat ein Staatsmann denselben Zaren einen Hilferuf an dieses verhaßte und verfolgte Volk unterschreiben lassen, verlogene Phrasen und betrügerische Versprechungen. Es muß in Rußland bös aussehen, es muß die blasse Furcht im Palaste von Peterhos umgehen, wenn diese tragische Ironie zur Wirklichkeit werden konnte. * 17. Augu st. Entscheidende österreichische Erfolge an der Drina. Kämpfe an der montenegrinischen Westgrenze. Beschießung des Lowtschen. Reise der Zarenfamilie nach Moskau. Ablehnung eines deutschen Friedensangebots durch Belgien. Deutscher Protest gegen russische Verletzungen des Völkerrechts. Ungünstiges Gefecht bei Schirmeck. * 18. Augu st. Bekanntgabe des Verlustes des deutschen Unterseebootes „17.15". Mlawa (Polen) von deutschen Truppen besetzt. Siegreiches Gefecht bei Stallupönen. 3000 russische Gefangene. 6 Maschinengewehre erbeutet. Gerüchte über ein Ultimatum Japans an Deutschland. Verbot der amerikanischen Lebensmittelausfuhr nach Frankreich. Ueber die bereits gemeldete Reise des türkischen Ministers des Innern Talaat und des Präsidenten der türkischen Kammer halil nach Bukarest schreibt die „Reichspost": „Ein neuer Balkanbund ist im Entstehen begriffen, .aber nicht als Werkzeug Rußlands, sondern zur Verteidigung gegen Rußland, zur Wahrung der Freiheit der östlichen Balkanstaaten, zur Sicherung Konstantinopels und der Meerengen; die Aktion ist weiter gediehen, als die heute vorliegenden Nachrichten erwarten lassen." Peking, 17. August. (Telegr. der Deutschen Kabelgr.-Ges.) Hier geht das Gerücht, daß Japan im Begriff ist, ein Ultimatum an Deutschland wegen Kiautschou zu stellen. Die Predigten, die Herr Rabb. Dr. Appel in Karlsruhe i. B. am 4. und 8. August gehalten hat, liegen gedruckt vor (Karlsruhe, A. Bielefeld); der Reinertrag ist für das Rote Kreuz bestimmt. Aus der zweiten Rede seien folgende Sätze hier mitgeteilt: „Aber wie sagt der Psalmist von den Missetätern? „Nach ihrer Tat gib ihnen, nach ihrer Bosheit; gib's ihnen, wie sie's machen, vergilt ihr Tun." Sie haben einen Bund der Heimtücke, der Rachsucht und des Neides geschlossen, aus unserer Seite aber stehen die lichten Mächte der Wahrheit und der Treue, auf unserer Seite steht der starke Geist der Eintracht, der Entschlossenheit, des Todesmutes, der opferwilligsten Vaterlandsliebe. Ist es nicht -ein erhebendes Bild, das der deutsche Reichstag uns vor einigen Tagen geboten hat, der mit Einstimmigkeit das Vorgehen unseres Kaisers gebilligt und allen Anträgen der Reichsregierung zugestimmt hat? Ist es nicht ein wunderbares Bild, das das deutsche Volk der Welt geboten hat, das sich einmütig und entschlossen, ohne Ruhmredigkeit und ohne Geschrei, mit ruhiger Selbstverständlichkeit in den Dienst des Vaterlandes gestellt hat, ist es nicht erhebend, zu sehen, wie Männer und Jünglinge freudig zu den Waffen eilen, um ihr Leben fürs Vaterland einzusetzen, wie Frauen und Jungfrauen, ja selbst Kinder sich dazu drängen, um in der Krankenpflege oder sonst irgendeiner Weise sich der Allgemeinheit nützlich zu machen? Ja! die drohende Gefahr hat eine gewaltige sittliche Kraft im deutschen Volke ausgelöst, der Sturm der Zeit hat reinigend auf die sittliche Atmosphäre des deutschen Volkes gewirkt; ja, die Fluten, die auf uns eingestürmt sind, sind für uns ein Bad sittlicher Kräftigung und sittlicher Erneuerung geworden. Darum „fürchten wir uns nicht, wenn die Erde zittert, wenn die Berge wanken tief im Meer", denn „mit uns ist Gott". Was sollen wir viele Worte machen? Auf zur Tat! Unsere Kämpfer werden ihre Pflicht erfüllen, denn sie sind beseelt von dem besten Geiste der Manneszncht und des Mutes. Sie werden durch ihre Todesverachtung, wie durch ihre Gesittung dem deutschen Namen Ehre machen. An die Zurückbleibenden aber möchte ich die Mahnung richten, die schon Jesaja ausgesprochen hat^ mit den | Worten: „In Ruhe und Gelassenheit liegt euer Heil, im ^tillehalten! und im Vertrauen liegt -euere Stärke." Haltet euch fern von jeder übertriebenen Ängstlichkeit, von jeder sinnlosen Aufregung; eine jede Gefahr ist schon halb überwunden, wenn man ihr mit Ruhe und l Ueberlegung eutgegentritt. Auch die Sorge um die im Felde stehenden Gatten, Brüder und Söhne dars keine lähmende sein; befehlt eure Lieben in Gottes Hand." Französische Kavalleriedivision bei Perwez (Belgien) von deutschen Truppen geschlagen. Revolution im Kaukasus- * 19. A u g u st. Deutscher Sieg über die Franzosen bei Weiler (Elsaß). Veröffentlichung de* japanischen Ultimatums an Deutschland. So erfreulich auch die beiden ersten Nachrichten sind, die nach einer langen sehr erregten Zeit des Wartens wieder ein- .. mal Freude und Hoffnung verbreiteten, so ist es doch recht beklagenswert, daß die Franzosen immer wieder im Elsaß erscheinen, die deutschen Lande also noch nicht ganz von dem f Feinde gesäubert lind. $ Was den Aufstand im Kaukasus betrifft, so muß man ihn freudig begrüßen, weil dadurch ebenso wie in Polen j die russischen Streitkräfte beschäftigt werden. Die Zeitungen melden darüber: Wider „Jkdam" erfährt, gewinnt der Aufstand im Kaukasus gegen Rußland an Ausdehnung. Die Aufständischen sprengten eine Brücke über den Arahesfluß, an der einzigen Eisenbahnlinie, die Rußland mit Persien verbindet. Die russischen Truppen fliehen j mit Waffen und Gepäck an die türkische Grenze. Vorgestern über- . schritt eine große Zahl Soldaten die Grenze, um sich auf türkisches Gebiet zu flüchten. Die Preise für Lebensmitte', im Kaukasus sind auf das Vierfache gestiegen. Es wird inaner jchlvieriger, den Aufstand zu unterdrücken. Das Ultimatum Iapans an Deutschland endlich be- - darf einer kurzen Betrachtung, Die offizielle Mitteilung darüber lautet: Der hiesige japanische Geschäftsträger hat im Aufträge seiner Regierung dem Auswärtigen Amt eine Note übermittelt, worin unter Berufung auf das englisch-japanische Bündnis die sofortige Z u r ü ck z i e h u n g der deutschen Kriegsschiffe aus den .. " ■ J O